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Brandenburg Wie ein Öko-Bauer aus Werder für die Agrarwende kämpft
Brandenburg Wie ein Öko-Bauer aus Werder für die Agrarwende kämpft
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21:51 19.01.2018
Am Freitag ist die Grüne Woche eröffnet worden – viele Öko-Bauern sehen die Messe kritisch.   Quelle: dpa
Werder

 Als „Aktivist für bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft“ würde der 43-jährige Wahl-Werderaner und Agraringenieur Jochen Fritz seine Arbeit bei der Kampagne „Meine Landwirtschaft“ umschreiben. „Aber im Herzen bin ich Bauer“. Seit drei Jahren betreibt Fritz zusammen mit Roland von Schmeling einen Biohof in Werder. „Angefangen haben wir mit zwei Wasserbüffeln“, sagt Fritz. „Jetzt haben wir 18 Köpfe.“ Dazu kommen Hühner in mobilen Ställen und Kirschen im Obstgarten. Vergangene Saison verkaufte der Biohof auch zum ersten Mal Kürbisse.

Alles Wichtige zur Grünen Woche

Die Grüne Woche

Am 19. Januar startete die Internationale Grüne Woche auf dem Messegelände unterm Berliner Funkturm.

Bis 28. Januar zeigt die weltgrößte Landwirtschafts- und Ernährungsschau von 10 bis 18 Uhr ein internationales Angebot an Nahrungs- und Genussmitteln, moderne Landwirtschafts- und Forsttechniken, Zubehör für Garten und Landschaftsbau sowie Haustechnik.

Traditionellpositionieren sich Agrarverbände und Politiker bereits vor und während der Messe zu politischen Fragen. So forderte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in seiner Eröffnungsrede, „dass alle Lebens- und Nahrungsmittel gesund, sicher und bezahlbar sind“. Er kündigte außerdem die Einführung eines staatlichen Tierwohllabels an.Weitere Themen der Grünen Woche sind der Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln sowie die Bedrohung durch die Afrikanische Schweinepest. In der Debatte um mehr Tierwohl sieht Bayerns Agrarminister Helmut Brunner (CSU) Defizite bei den Verbrauchern. „Ich habe den Eindruck, es ist sogar teilweise Scheinheiligkeit dabei, wenn man auf der einen Seite hohe Standards einfordert von unseren Bauern, aber nicht bereit ist, höhere Produktionskosten zu honorieren“.

Diese Woche war Jochen Fritz aber froh, dass ihm sein Kompagnon von Schmeling auf dem Hof den Rücken frei hielt. Denn Fritz widmete sich kurz vor der „Grünen Woche“ wieder einem besonderen Anliegen: Der Organisation von Demonstrationen zugunsten einer neuen Landwirtschaft und einer neuen Ernährungspolitik. Auch die neunte Berliner Großdemo unter dem Motto „Essen ist politisch“ wurde von Fritz organisiert. Schon zuvor hatte sich Fritz jedes Jahr um die Demonstration „Wir haben es satt“ gekümmert. Vergangenes Jahr fanden sich zum Beispiel am 21. Januar rund 18000 Leute gegen eine industrielle Lebensmittelproduktion und für eine bäuerlich-ökologischere Landwirtschaft zusammen. Angeführt wurde die Demonstration von 130 Traktoren.

Der Agraringenieur und Ökolandwirt Jochen Fritz ist Sprecher und Koordinator des Verbunds "Meine Landwirtschaft" und organisiert die Demos "Wir haben es satt!". In Werder betreibt der gebürtige Schwabe den Biohof Werder. Quelle: Christian Rollmann

Das Sterben der bäuerlichen Betriebe

Die Themen der Demonstration am Samstag seien grundsätzlich die selben wie in den vergangenen Jahren, sagt Fritz. Eine Agrarindustrie, die kleiner und mittlere Betriebe gefährdet und sich um Tierwohl wenig kümmert. „Wir haben in Deutschland seit 2005 rund ein Drittel der bäuerlichen Betriebe verloren“, erläutert Fritz. Sorgen machen ihm in Brandenburg derzeit vor allem Investoren, die kein Interesse an kleinteiligen ökologischen Strukturen hätten. Aber auch ganz neue Formen der Vermarktung wie Nahrungsmittelbestellung über „Amazon“ sollen Referenten auf der Kundgebung kritisch zur Sprache bringen.

Demonstranten protestieren am 17.01.2015 in Berlin unter dem Motto «Wir haben es satt». Die Demo hatte damals Jochen Fritz mitorganisiert. Quelle: dpa

Ökologisch und sozial sensible Themen stecken dem gebürtigen Schwaben sozusagen im Blut. In den 90er Jahren war er zwei Jahre bei Greenpeace aktiv. Im Jugendhaus von Ostfildern bei Stuttgart organisierte er als junger Mann an sogenannten Energietagen mit. „Ich bin schon lange im Umweltschutz engagiert“, sagt Fritz. Umweltschutz und Landwirtschaft fanden dann bei seinem Studium des Agraringenieurwesens an der Universität Hohenheim und bei seiner praktischen Ausbildung in Betrieben in Schwaben zusammen. Fritz schwebte dabei eine berufliche Zukunft in der Entwicklungshilfe vor.

Protestzug vom Hauptbahnhof

Die Demonstration „Wir haben es satt! Essen ist politisch“ beginnt an diesem Samstag um 11 Uhr vor dem Berliner Hauptbahnhof. Sie findet zum 9. Mal statt. Die Veranstalter rechnen mit mindestens 10000 Teilnehmern

Die rund 100 Organisationen, darunter Verbände ökologisch und konventionell wirtschaftender Bauern, Umwelt- und Tierschützer und kirchliche Hilfswerke, werfen Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) vor, bei der Agrarpolitik nur die Interessen der Industrie im Blick zu haben.

Zu den Forderung der Veranstalter gehören laut der Webseite eine ökologisch ausgerichtete Landwirtschaft, gesundes Essen, artgerechte Tierhaltung, globale Bauernrechte und gerechten Welthandel.

Gegen 12.30 Uhr will der Zug vor dem Wirtschaftsministerium protestieren. Dort findet um diese Zeit ein Treffen von Agrarministern aus aller Welt im Innern des Hauses statt.

Die Abschlusskundgebung soll gegen 13.30 Uhr am Brandenburger Tor stattfinden. Über 20 Redner und Künstler wollen ein Bühnenprogramm bestreiten. Unter anderem fordern Nabu-Präsident Olaf Tschimpke und die Slow-Food-Aktivistin Marta Messa eine Wende in der Agrarpolitik. Martin Weyand, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft wird über Nitrat im Trinkwasser sprechen. bra

Dabei war ökologische Landwirtschaft 1994 noch gar nicht das ganz große Thema. Aber es gab schon heftige Diskussionen im Arbeitskreis „Ökologischer Landbau“ und Fritz hatte die Erfahrung von seiner Arbeit auf den Höfen. Ihm sei dabei klar geworden: „Wenn man etwas in den Ländern des Süden verändern will, muss man zuerst bei uns die Landwirtschaft verändern.“ Wenn Landwirte zum Beispiel billiges Tierfutter brauchen, zwingen sie dem Süden indirekt die Massenproduktion von Soja auf. Wenn sie umgekehrt billige Ware in den Süden exportieren, machen sie die bäuerlichen Strukturen dort kaputt.

Einsatz auf der Bundesebene

Die Gelegenheit, sich auf Bundesebene agrarpolitisch zu engagieren, fand sich für Fritz, nachdem er im Süden Deutschlands etwa sieben Jahre lang Biobetriebe beraten hatte, im August 2010. Er fuhr mit dem ebenfalls ökologisch orientierten Gründer der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall, Rudolf Bühler, zu einem Treffen von fünf Organisatoren für die erste „Wir haben es satt“-Demo nach Berlin. Damals rutschte Fritz in die Rolle des Hauptorganisators. Im Rahmen dieser Arbeit entstand dann auch der Zusammenschluss „Meine Landwirtschaft“.

Fritz ist seit 2011 nicht nur Koordinator sondern auch Sprecher des Verbunds. Der Zusammenschluss besteht inzwischen aus etwa 50 Organisationen aus der Landwirtschaft, dem Umwelt-, Natur-, Tier- und Verbraucherschutz sowie der Entwicklungszusammenarbeit. Die bekannteste Aktion von „Meine Landwirtschaft“ ist zwar die Demonstration, der Verbund betreibt aber zum Beispiel auch ein Informationsportal zu Landwirtschaftsthemen, ein Kongress mit 400 Teilnehmern oder eine agrarpolitischen Aktionstour im vergangenen Herbst. Selbsterklärtes Ziel: Eine weltweit nachhaltige Landwirtschaft, besonders für den benachteiligten Süden.

Mit der Ehefrau nach Berlin

Dass Fritz sich auf diese politische Arbeit in der Region überhaupt einlassen konnte, verdankt er seiner Frau. Die fand 2011 neue berufliche Möglichkeiten in Berlin. Die Familie zog in diesem Jahr mit damals drei Kindern in ein Haus in Werder. Später lernte Fritz über die Walldorfschule seiner Söhne Roland von Schmeling kennen, mit dem er 2014 den Biohof in Werder eröffnete. Leben muss Fritz zunächst aber weiterhin hauptsächlich von seiner politischen Arbeit für eine ökologische und bäuerliche Agrarwende bei „Meine Landwirtschaft“.

Auf der unteren Ebene sieht er schon erste Erfolge. Brandenburgs Bauern stimmen inzwischen trotz erstem Widerstand zum Beispiel weitgehend dem Tierschutzplan des Landes zu. Aber der große Rahmen der Agrarpolitik habe sich bislang nicht verändert. Sinnbildlich dafür stehen die Investoren mit ihrem Streben nach großen Schweinemastanlagen in der Mark. Deshalb werde auch auf der heutigen Demo eins der Hauptthema die Tierhaltung bleiben.

Auch wenn Fritz im Herzen nicht nur Bauer, sondern wohl auch Schwabe bleiben wird, inzwischen fühlt er sich auch als Brandenburger, dem die Gegend und das ländliche Leben gefallen. Sein jüngster Sohn ist ein echter Werderaner, geboren sogar im Werderschen Wohnhaus. Die Obstlandschaft, die Seen, die Flüsse rund um die mittelalterliche Stadt möchte der Schwabe Jochen Fritz nicht mehr missen. Und schon, um den Erhalt der Obstbauernhöfe, ob konventionell oder ökologisch, in der Havelstadt Werder zu erhalten, ist er auch Mitglied des Obst- und Gartenbauvereins und wird weiterhin für eine neue Form von Landwirtschaft kämpfen.

Von Rüdiger Braun

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