Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -5 ° wolkig

Navigation:
Wie eine Soldatin für Gleichberechtigung in der Truppe kämpft

Frauen bei der Bundeswehr Wie eine Soldatin für Gleichberechtigung in der Truppe kämpft

Andrea Böhme (52) war nach der Wende eine der ersten und wenigen Frauen bei der Bundeswehr. Spöttische Bemerkungen waren damals normal. Mittlerweile ist das anders. Böhme setzt sich als Gleichstellungsbeauftragte beim Einsatzführungskommando in Geltow dafür ein, dass Frauen alles erreichen können, was auch Männer erreichen können.

Voriger Artikel
Der Spätsommer kehrt zurück!
Nächster Artikel
Notarzt aus Kamerun bespuckt – Blitz-Urteil gegen Ausländerfeind

Andrea Böhme ist als Gleichstellungsbeauftragte beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr tätig.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Ihre Entscheidung hat sie nie bereut. Andrea Böhme stand oft unter besonderem Druck, hatte immer das Gefühl, sich beweisen zu müssen. Als sie 1991 als eine der ersten Frauen bei der Bundeswehr anfing, stand sie im Fokus. Immer. Wenn die Stiefel nicht geputzt waren, fiel es besonders auf und auch wenn sie unter 100 Männern als einzige nicht zum Antritt kam, blieb das nie unbemerkt. „Das war nicht unbedingt deshalb, weil ich eine Frau bin. Das geht im Grunde allen Minderheiten so“, sagt sie. Heutzutage sind Frauen bei der Bundeswehr zwar immer noch in der Minderheit, aber seit 15 Jahren dürfen sie alles werden, was auch ein Mann werden kann.

Aktuell dienen mehr als 19.300 Soldatinnen deutschlandweit bei der Bundeswehr. 2001 waren es nur etwa 6500. Der Frauenanteil, zu dem nicht nur Soldatinnen, sondern auch weibliche Zivilbedienstete zählen, liegt insgesamt bei elf Prozent. Am Standort Potsdam und Schwielowsee beim Einsatzführungskommando liegt er mit 13 Prozent sogar etwas über dem Durchschnitt. Das könnte auch Andrea Böhmes Verdienst sein, die seit 2005 als Gleichstellungsbeauftragte beim Einsatzführungskommando der Bundeswehr tätig ist. „Seitdem wurden in diesem Bereich einige Meilensteine erreicht“, berichtet sie.

Dank ihrer Sportlichkeit meisterte sie die Grundausbildung ohne Probleme

Dank ihrer Sportlichkeit meisterte sie die Grundausbildung ohne Probleme. „Der Sport zieht sich bei mir durch alle Lebenslagen“, sagt sie.

Quelle: Julian Stähle

Die 52 Jahre alte Frau ist Oberstabsfeldwebel. „Das wollte ich immer werden. Eigentlich wollen das alle werden“, sagt sie. Bevor sie Soldatin bei der Bundeswehr wurde, arbeitete Böhme als Physiotherapeutin im Sanitätsdienst der NVA in Basepohl (Mecklenburg-Vorpommern). Dort hatte die gebürtige Neuruppinerin, die in Königs Wusterhausen aufwuchs, ihren Mann geheiratet. Dann kam die Wende, ihre Tochter war gerade drei Jahre alt und in der Sanitätseinrichtung gab es für Böhme keine Perspektive mehr. „Ich hatte Angst vor dem Nichts zu stehen“, erzählt sie.

Die Bundeswehr bot ihr dann in einem Beratungsgespräch eine Ausbildung zum Unteroffizier an. An ihrem Leben würde sich nicht viel ändern und sie müsse nur eine Woche Grundausbildung machen, hatte man ihr gesagt. Doch es kam alles anders. Aus einer Woche wurden insgesamt sechs Monate, weil sie noch eine Fachausbildung im Sanitätsbereich dranhängte und anschließend zur Gruppenführerin aufstieg. „Klare Kommandos geben war für mich nicht neu, das musste ich als Physiotherapeutin auch. Ich habe dann schnell gemerkt, dass mir das Soldatsein liegt“, sagt Böhme. 1993 stellte sie einen Antrag auf die Feldwebellaufbahn, der genehmigt wurde. „Zu meinem großen Glück“, erinnert sie sich.

Emotionale Belastung war größer als die körperliche

In ihrem Büroschrank steht das Buch „Männer und Frauen – passen einfach nicht zusammen“ von Loriot. Das Gender-Thema begleitet und beschäftigt sie von Anfang an. Die körperlichen Anforderungen der Grundausbildung meisterte die schlanke, blonde Frau allerdings ohne Probleme. „Ich war schon immer sehr sportlich“, sagt sie. Das habe ihr geholfen. Gewöhnungsbedürftig war hingegen der militärische Umgang und auch die Tatsache, dass sie mit 26 Jahren älter war, als diejenigen, die ihr den Drill beibringen wollten.

Noch schwieriger war aber etwas ganz anderes: Die Grundausbildung fand in Giebelstadt bei Würzburg statt – 800 Kilometer von ihrem Zuhause und ihrer kleinen Tochter entfernt, die sie für diese Zeit zu Freunden geben musste. „Das schlechte Gewissen meinem Kind gegenüber hat mich emotional sehr belastet“, sagt Böhme. In dieser Zeit lebte sie zudem in Scheidung. „Ich bin jedes Wochenende nach Hause gefahren, aber manchmal hat es das nur noch schlimmer gemacht.“

Offizierslaufbahn abgelehnt

Die Offizierslaufbahn hat Andrea Böhme dann aus Rücksicht auf ihre damals zehnjährige Tochter abgelehnt, weil sie zu oft hätten umziehen müssen. Dafür dass Beruf und Familie für Soldaten und Soldatinnen besser zu vereinbaren sind, setzt sie sich jetzt unter anderem in ihrem Amt als Gleichstellungsbeauftragte ein. Bei der Bundeswehr ist das ein Amt, das nur Soldatinnen wählen dürfen, weil es auch nur eine Frau bekleiden darf. „Solange wir in der Minderheit sind, wird das auch so bleiben“, sagt Böhme. Sie führt Gespräche mit Vorgesetzten, wenn sich Männer oder Frauen Teilzeit- oder Home-Office-Arbeit wünschen. Außerdem versucht sie die Männerdomäne für das Anderssein der Frauen zu sensibilisieren und die Frauen zu fördern. „Frauen können andere Dinge besser als Männer und andersrum. Die Bundeswehr könnte dieses Potenzial noch optimaler nutzen“, sagt Böhme.

Im Sanitätsdienst sind Frauen schon seit 1975 beim Militär im Einsatz. Aber erst seit 15 Jahren dürfen sie auch an die Waffen. Momentan befinden sich etwa 233 Frauen in Auslandseinsätzen. Böhme selbst war jeweils für zwei Monate in Bosnien und im Kosovo, weil sie als Gleichstellungsbeauftragte nicht zu lange wegbleiben durfte. Normalerweise sind die Frauen, wie die Männer auch, länger im Ausland. Böhme wollte die Erfahrung als Soldatin dennoch nicht missen. „Das hat auch etwas mit der Akzeptanz der anderen zu tun“, sagt sie. Andrea Böhme, die mittlerweile in Werder wohnt und nebenbei Trainerin in einem Fitnessstudio ist, hat es nie bereut, Soldatin geworden zu sein. „Es ist genau das Richtige für mich.“ Die spöttischen Reaktionen der Männer sind über die Jahre weniger geworden. Böhme musste aber auch lernen, sie an sich abprallen zu lassen. „Man braucht hier ein dickes Fell.“ Und das hat sie bewiesen.

Viele Frauen im Sanitätsdienst

Seit 1. Januar 2001 dürfen Frauen grundsätzlich in allen Bereichen der Bundeswehr tätig werden und freiwillig ihren Dienst leisten. Zu den 19 300 Soldatinnen, die bundesweit im Einsatz sind, zählen 2 300 Berufssoldatinnen, 15 700 Soldatinnen auf Zeit und 1 300 freiwillige Wehrdienstleistende.

Immer häufiger sind Frauen in Führungspositionen tätig: 4 700 Frauen arbeiten als Offiziere (vergleichbar mit der Managementebene) und 7 100 Frauen im Unteroffiziersdienst mit Portepee (vergleichbar mit der Meisterebene).

Am Standort Potsdam/Schwielowsee sind von insgesamt 1750 Bundeswehrangehörigen 230 Frauen. Die Zahl der Soldatinnen steigt kontinuierlich an. Langfristig strebt die Bundeswehr einen Frauenanteil von 15 Prozent im Truppendienst und 50 Prozent im Sanitätsdienst an. Im vergangenen Jahr waren durchschnittlich 231 Frauen im Auslandseinsatz. Dem gegenüber stehen 2789 Männer.

Von Luise Fröhlich

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg