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Wie gefährlich ist Nidal A.?

Terrorverdacht in Brandenburg Wie gefährlich ist Nidal A.?

Der Fall des terrorverdächtigen 17-Jährigen wird rätselhaft: Die Staatsanwaltschaft sieht keine Handhabe für einen Haftbefehl und setzt den Syrer am Mittwochabend auf freien Fuß. Doch das Innenministerium sagt: Nidal A. hat vom „Sterben im Dschihad“ gesprochen – in einem Brief an seine Mutter.

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Nidal A. war am Dienstag in Gerswalde festgenommen worden.

Quelle: dpa

Potsdam. Der 17 Jahre alte Syrer, der am Dienstag wegen Terrorverdachts in der Uckermark verhaftet worden war, ist wieder frei. Die Staatsanwaltschaft Potsdam sieht keinen hinreichenden Tatverdacht. Doch die Polizei wird ihn nicht mehr aus den Augen lassen: Im Innenministerium sieht man „keinen Anlass, Entwarnung zu geben“, sagte Sprecher Ingo Decker. „Wir haben ihn auf dem Schirm.“

Wie stark sind tatsächlich die Verdachtsmomente nach den verwirrenden Entwicklungen des Mittwochs?

Das Ermittlungsverfahren läuft noch – trotz Entlassung Nidal A.’s

Hinweise auf Kontakte zur Islamisten-Szene habe man in keiner Form finden können, hieß es von der Staatsanwaltschaft Potsdam. Die Durchsuchung der Asylbewerberunterkunft in Gerswalde (Uckermark) habe keine Anhaltspunkte zu Tage gefördert, die eine Untersuchungshaft rechtfertigten. Weder auf dem Tablet-Computer noch in den Befragungen von Mitbewohnern hätten sich konkrete Hinweise auf einen geplanten Anschlag in Berlin ergeben. Waffen oder IS-Symbole seien nicht gefunden worden. Das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts einer schweren staatsgefährdenden Straftat läuft laut Staatsanwaltschaft Potsdam aber weiter.

WhatsApp-Botschaft an die Mutter offenbart psychische Labilität

Was bleibt, ist eine Text-Nachricht, die Nidal A. an seine Mutter geschickt hat. In dem umgerechnet eine halbe DIN-A4-Seite langen Text, den der Jugendliche auf Arabisch mittels eines Messenger-Dienstes an seine Mutter geschickt hatte, hieß es, er habe sich dem Dschihad angeschlossen. In der WhatsApp-Botschaft huldigt der Flüchtling umfangreich seiner Mutter. Ermittler bestätigten, der Text stamme von Nidal A. Allerdings gebe es in dem Schriftstück auch Hinweise darauf, dass der Syrer, der 2015 illegal nach Deutschland gekommen war, psychisch labil sei.

„Dschihad“ oder die Tücken der Übersetzung

Übersetzungstücken seien, so sagte der Sprecher der Potsdamer Staatsanwaltschaft, Christoph Lange, vermutlich im Spiel. So hätten Arabisch-Experten erläutert, das Wort Dschihad stehe nicht automatisch für den „Heiligen Krieg“. Stattdessen kämen Übersetzungen wie Verbesserung und Erhöhung in Betracht. Nidal A. habe möglicherweise seiner Mutter mitgeteilt, er wolle ein besserer Mensch werden. Bei den Vernehmungen gab der Asylbewerber nach Polizeiangaben aber zu, er habe sich in den vergangenen Monaten radikalisiert.

Innenministerium: „Unzweifelhafte“ Absicht

Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) hatte am Dienstag gesagt, aus der Botschaft an die Mutter gehe „ganz unzweifelhaft“ die Absicht Nidal A.‘s hervor, in den Dschihad zu ziehen. So betonte Ministeriumssprecher Ingo Decker gestern, die Polizei habe richtig gehandelt, es sei „höchste Zeit zu handeln“ gewesen. In der Nachricht an die Mutter sei wörtlich die Rede vom „Sterben als Märtyrer“. Nidal A.’s Familie habe außerdem selbst die Botschaft als Abschiedsbrief aufgefasst und sich an die Polizei gewandt.

Die Polizei hatte den jungen Mann am Dienstag mit einem Großaufgebot von 130 Beamten festgenommen. Gestern waren noch 70 Polizisten – meist Angehörige des Staatsschutzes – im Einsatz, um das Umfeld des Verdächtigen zu überprüfen und die technischen Geräte auszulesen. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe ist über den Fall informiert worden, hat die Ermittlungen aber nicht an sich gezogen.

Hinweise aus Hessen und Berlin

Hinweise aus Hessen und Berlin waren am Dienstag Auslöser für die Polizeiaktion gewesen. Von dort hatten Landsleute des Syrers den Behörden Hinweis auf Nidal A. und eine womöglich bevorstehende Attacke gegeben. In Berlin-Friedrichshain hatte sich ein Cousin (18) des Verdächtigen um 1.10 Uhr in der Nacht zu Dienstag an die Polizei gewandt und den Beamten von der Nachricht an seine Tante berichtet – die Frau lebt im Libanon. Im hessischen Wolfhagen wiederum suchten ein 42 und ein 27 Jahre alter Asylbewerber – beide aus Syrien stammend – eine halbe Stunde später ein Polizeirevier auf, weil am selben oder folgenden Tag ein Selbstmordanschlag auf ein Ziel in Berlin geplant sein könnte. Somit kamen alle Hinweise auf eine bevorstehende Gefahr aus Flüchtlingskreisen und von syrischen Staatsbürgern.

Razzien auch in der Bundeshauptstadt

In zwei Berliner Flüchtlingsunterkünften hat die Polizei in der Nacht zu Mittwoch leere Chemikalienbehälter gefunden. Mehrere Menschen sollen sie in der Nacht davor aus einem Transporter entladen haben. „Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Chemikalien zur Herstellung von explosiven Stoffen verwendet wurden“, teilte die Berliner Polizei mit. Ob damit ein terroristischer Anschlag vorbereitet werden sollte, sei derzeit völlig unklar, sagte der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner. Bei dem Polizeieinsatz in der Nacht zum Mittwoch wurde ein 43 Jahre alter Bewohner der Unterkunft im Stadtteil Marienfelde vorläufig festgenommen. Nach der erkennungsdienstlichen Erfassung wurde der Mann wieder entlassen. „Der Anfangsverdacht hat sich nicht bestätigt“, sagte Steltner.

Von Ulrich Wangemann

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