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Wie geht’s eigentlich der Einheit?

Studie des Berlin-Instituts Wie geht’s eigentlich der Einheit?

25 Jahre Einheit. 25 Jahre Zeit zum Zusammenwachsen. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat den Stand Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung untersucht. Das Ergebnis ist gespalten. Wirklich gut läuft es in der Liebe. In Sachen Zuversicht und Lebensfreude sieht es aber ganz anders aus.

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Netter Einfall zum 25-jährigen Wiederverinigung: Ein Labyrinth-Feld im Design des geeinten Deutschlands.

Quelle: dpa

Berlin. Sind die Deutschen in West und Ost wirklich schon ein einig Volk? Oder sind sie vielmehr ein Volk mit zwei grundverschiedenen Volksstämmen: den Leuten im Westen und den Leuten im Osten? Die Antwort darauf fällt nicht so einfach, wie eine neue, am Mittwoch vorgelegte Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zeigt. Im 25. Jahr der Wiedervereinigung haben die Wissenschaftler den Stand der Einheit intensiv untersucht. Das Ergebnis ist gespalten: In vielen Bereichen, etwa im Bildungswesen, gibt es eine große Annäherung. Aber gleichzeitig halten sich große Unterschiede – in den wirtschaftlichen Lebensbedingungen, in religiösen Fragen, in Zuversicht und Lebensfreude.

Der Blick von der anderen Seite: Mehr als die Hälfte der Deutschen meint, es gebe Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen. Im Osten denken das sogar mehr als 70 Prozent. Der typische Wessi ist aus Ost-Sicht arrogant, der typische Ossi aus West-Sicht zu anspruchsvoll und stets unzufrieden. Auch positive Seiten aber werden gesehen: Der Wessi gilt als selbstsicher, der Ossi als solidarisch und familienfreundlich. Beide Seiten denken über ihre Landsleute im eigenen Landesteil (und damit über sich selbst) freundlicher als über die im jeweils anderen. Diese Einstellungen haben sich seit 1990 wenig verändert, obwohl immer mehr Westdeutsche Menschen aus dem Osten kennen und umgekehrt. Mehr Ostdeutsche glauben übrigens, auf die Frage „Was ist typisch westdeutsch?“ eine Antwort geben zu können als umgekehrt. Womöglich liegt das daran, dass Ostdeutsche sich stärker für den Westen interessieren. „Einheit in den Köpfen braucht mehr als eine Generation“, sagen die Forscher.

Der Osten ist bekümmert: 34,4 Prozent der Westdeutschen verspüren keine nennenswerten Sorgen, im Osten sind nur 22,9 Prozent so positiv gestimmt. Hier blicken 24,6 Prozent mit großen Sorgen in die Zukunft, im Westen lediglich 18,5 Prozent. Die Unterschiede könnten auch am Vergleich liegen: Wegen höherer Arbeitslosigkeit, starker Abwanderung und eines allmählichen „Aussterbens“ der Dörfer wird die Situation in den neuen Bundesländern von vielen vermutlich pessimistischer eingeschätzt – auch deshalb, weil es im Westen viele dieser Probleme nicht gibt.

Die Wanderlust bleibt: Zwischen 1991 und 2013 haben die Ost-Bundesländer 2 Millionen Einwohner verloren, der Westen hat 2,5 Millionen Einwohner hinzugewonnen. Erst gingen viele Ostdeutsche in den Westen, inzwischen ist in ganz Deutschland ein Trend erkennbar, in die größeren Städte zu ziehen. Das Gebiet der früheren DDR profitiert davon aber nur eingeschränkt: Potsdam, Dresden und Leipzig gedeihen. Aber von den 132 größten Städten im Osten leiden nur 15 nicht mehr unter Bevölkerungsverlust. Hoyerswerda und Eisenhüttenstadt etwa haben, verglichen mit 1990, die Hälfte ihrer Einwohnerzahl verloren.

Der Westen bleibt kinderlos: 2012 hatte jede vierte Frau zwischen 40 und 44 im Westen (zumeist freiwillig) keine Kinder, im Osten war es nur jede siebte. Aber: In den neuen Bundesländern gibt es einen höheren Anteil von Menschen, die allein leben. Auch die Formen des Zusammenlebens ändern sich: Im Westen bestehen 72 Prozent der Familien aus einem verheirateten Paar mit Kindern, im Osten nur 54 Prozent – hier leben mehr Paare ohne Trauschein zusammen.

Der Osten hat weniger Zuwanderer, es gibt aber mehr Vorbehalte gegenüber Ausländern: Nur ein Drittel der Ostdeutschen hat Kontakte mit ausländischen Kollegen, im Westen sind es zwei Drittel. Extreme Einstellungen gegenüber Fremden werden aber im Osten häufiger geäußert als im Westen. Das kann aus Sicht der Autoren der Studie daran liegen, dass in der Bundesrepublik Kontakte mit Gastarbeitern gefördert wurden, in der DDR jedoch solche Beziehungen gegenüber Arbeitern aus Polen, Kuba, Mosambik oder China nicht erwünscht gewesen seien.

West-Ost-Ehen sind Normalität: Standesämter registrieren nicht die Herkunft der Ehepartner, sondern nur den aktuellen Wohnort. Daran gemessen werden nur 1,6 Prozent aller Hochzeiten zwischen einem Ost- und Westdeutschen geschlossen. Aber: Einer zweiten, jüngst erstellten Studie zufolge liegt der tatsächliche Anteil von Ost-West-Partnerschaften bei 11 Prozent – in der Mehrzahl haben Ost-Frauen West-Männer geheiratet. Mit Männern aus der eigenen Region verbinden die Frauen eher „soft skills“ wie Zuverlässigkeit und Einfühlungsvermögen, Karriereorientierung ordnen sie eher West-Männern zu. Auf dem Partnermarkt sind die West-Männer da offensichtlich im Vorteil – weil Westdeutsche im Durchschnitt vermögender sind und mehr Erbe zu erwarten haben als Ostdeutsche.

Ost-Schüler sind schlauer: Im IQB Ländervergleich, der innerdeutschen Pisa-Studie, liegen die Ost-Länder gemeinsam mit Bayern bei den Leistungen ganz vorn. Das Berlin-Institut führt das unter anderem darauf zurück, dass es in ostdeutschen Schulen weniger Migranten gibt, die Klassen kleiner sind und die in der DDR gepflegte besondere Bedeutung von Mathematik und Naturwissenschaften beibehalten wurde.

Westdeutsche verdienen mehr: Das durchschnittliche Brutto-Monatsgehalt im Osten liegt bei 2800 Euro, das sind drei Viertel des West-Niveaus. Der Unterschied bleibt seit etwa acht Jahren gleich. Das liegt daran, dass im Osten der Anteil derer, die keinen Tariflohn erhalten, größer ist. Auch größere Industrie- und Produktionsstätten, in denen meist höhere Löhne gezahlt werden, sind im Osten deutlich seltener. Weil es im Osten weniger Firmenzentralen (mit Forschungsabteilungen) gibt, ist auch der Anteil der Jobs für Hochqualifizierte in den neuen Ländern geringer.

Die meisten Reichen wohnen im Westen: Nur 20 der 500 reichsten Deutschen wohnen östlich der früheren Grenze zur DDR – und davon leben 14 in Berlin. Im Osten zählen Menschen mit einem Nettovermögen von 110 000 Euro schon zu den reichsten 10 Prozent, im Westen sind dafür 240  000 Euro erforderlich. Preiswertere Automarken wie Hyundai, Mazda, Mitsubishi und Nissan werden eher im Osten gefahren, Westdeutsche fahren BMW und Mercedes doppelt so häufig wie Ostdeutsche.

Westdeutsche sind ehrenamtlich engagierter: 30 Prozent der Ostdeutschen arbeiten in Vereinen mit, aber immerhin 37 Prozent der Westdeutschen (hier vor allem im Norden und im Südwesten). Das mag daran liegen, dass in der DDR der Einsatz für die Allgemeinheit staatlich reglementiert war, deshalb nach 1990 nicht mehr als erstrebenswert galt und soziales Engagement im Osten heute außerhalb der Vereinsarbeit abläuft.

Einheit verlängert das Leben: 1990 lebten Westdeutsche im Schnitt mehr als zwei Jahre länger, inzwischen hat sich das angeglichen. Wäre der DDR-Trend fortgeschrieben worden, würden ostdeutsche Frauen vier Jahre und Männer 5,7 Jahre früher sterben als dies heute der Fall ist. Aber: Noch immer leben die meisten Übergewichtigen im Osten (mit Ausnahme Sachsens). Die meisten Toten, die wegen überhöhtem Alkoholkonsum ums Leben kamen, lebten in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg – gefolgt aber schon von Bremen. Auch hier gibt es also eine Ost-West-Angleichung.

Von Klaus Wallbaum

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