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Wie viel DDR-Architektur verträgt Potsdam?

Abriss Ost Wie viel DDR-Architektur verträgt Potsdam?

Die Abrissbirne gehört in Potsdam immer noch zu den beliebten städtebaulichen Instrumenten. Besonders schlechte Karten hat die Ost-Moderne – und das stinkt etlichen Potsdamern. Jetzt haben Studenten die Fachhochschule besetzt. Sie soll im Herbst beseitigt werden.

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Besetzer haben am Donnerstag die Potsdamer Fachhochschule geentert. Deren Fassade ist nach Jahren des planmäßigen Verfalls räudig.

Quelle: foto: bernd Gartenschläger

Potsdam. Schäbig ist es geworden, das ehemalige Institut für Lehrerbildung: Wie ein schrottreifer Tanker inmitten von Jachten schiebt es sich zwischen Nikolaikirche und Potsdamer Landtagsschloss. Der Beton ist von den Stützen abgeplatzt, rostiger Bewehrungsstahl lugt hervor, die Dämmplatten hängen von den Decken – ein Wunder, dass die Fachhochschule Potsdam hier bis zuletzt Sozialpädagogen ausbildete, ohne die Bauaufsicht auf den Plan zu rufen. Und doch wollen die Studenten ihr Haus behalten: 60 junge Leute hatten am Donnerstagabend das zum Abriss vorgesehene Gebäude geentert und waren ein paar Stunden später mit Polizeihilfe auf die Straße komplimentiert worden. Ein Hauch von G20 an der Havel?

Nur auf den ersten Blick. Die Aktion macht einen tief liegenden Konflikt in der Stadtgesellschaft sichtbar: Die Abrissbirne gehört in Potsdam immer noch zu den beliebten städtebaulichen Instrumenten. Besonders schlechte Karten hat die Ost-Moderne – und das stinkt etlichen Potsdamern. Sie fühlen sich um ihre Jugenderinnerungen betrogen und ihrer einzig noch erschwinglichen Spielwiesen beraubt in einer Stadt, die zunehmend zum Rückzugsort für betuchte und geschmacklich oft konservative Großstadtflüchtlinge wird.

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Zentrale Bauten der Ost-Moderne im Potsdamer Stadtzentrum sind vom Abriss bedroht. Gegen die Beseitigung des Fachhochschul-Baus gab es jetzt sogar eine Besetzung – und das ist nur eines der umstrittenen Gebäude.

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In den kommenden Jahren könnten im Zentrum die meisten jener Bauten verschwinden, mit denen die SED einst den historischen Stadtgrundriss der Garnisons- und Residenzstadt von der Landkarte tilgen wollte. Besiegelt ist bereits das Schicksal der alten Schwimmhalle am Brauhausberg, die ein hübsch geschwungenes Dach hat, aber für eine Stadt von mehr als 170 000 Einwohnern zu klein ist. Stattdessen ließ die Stadtregierung eine zeitgenössische Sport- und Vergnügungskombination mit Spiralrutschen in den Hang betonieren. „blu“ hat man den Bau des BER-Architekten Gerkan, Marg und Partner genannt. Eigentlich müsste der an ein Einkaufszentrum erinnernde Kasten „grey“ heißen.

Ein paar Meter weiter wartet das Terrassenrestaurant Minsk auf sein immer wahrscheinlicher werdendes Ende. Die laufende Ausschreibung erlaubt dem Höchstbietenden Tabula rasa zu machen. Das 1977 anlässlich des 60. Jahrestags der Oktoberrevolution in Sichtbeton-Optik errichtete Ausrufezeichen am Stadtentree soll hochpreisigen Wohnungen weichen.

Rechenzentrum an der Breiten Straße – Kreativzentrum auf Zeit

Rechenzentrum an der Breiten Straße – Kreativzentrum auf Zeit.

Quelle: Bernd Gartenschläger

Ein weiterer umstrittener DDR-Klassiker in Sichtweite des Hauptbahnhofs: Das Hotel Mercure, einst Interhotel. 17 Etagen hoch und stets gut gebucht, hat der lange Lulatsch am Bahnhof fünf unruhige Jahre hinter sich. Traditionalisten ist er ein Dorn im Auge, steht der Betonriese doch im ehemaligen Schlosspark des wiederaufgebauten Hohenzollernschlosses, das heute den Landtag beherbergt. Fast wäre es im Jahr 2013 ums Mercure geschehen gewesen, als die Stadtspitze den Software-Milliardär und Mäzen Hasso Plattner für die Idee gewinnen konnte, anstelle des Hochhauses ein modernes Kunstmuseum zu bauen. Ein kollektiver Aufschrei Potsdamer Bürger, von denen viele Jugendweihe in dem Haus gefeiert hatten, verhinderte das Ende.

Das Hotel Mercure hat fünf bewegte Jahre hinter sich

Plattner baute sein Museum Barberini wenige Hundert Meter entfernt – es bekam eine Renaissance-Fassade. Dauerhaft gerettet wurde das Mercure aber vor allem durch einen Besitzerwechsel – die neuen französischen Eigentümer denken gar nicht an eine Aufgabe des Top-Standorts. 550 Meter weiter westlich soll ab Oktober der Turm der Garnisonkirche neu entstehen. Es ist das umstrittenste Wiederaufbau-/Abrissprojekt der Stadt, die Mutter aller Barockschlachten. Denn Adolf Hitler inszenierte am 21. März 1933 in der Garnisonkirche den Schulterschluss mit dem preußischen Militarismus. Walter Ulbricht ließ 1968 die kriegsversehrte, einst stadtbildprägende Kirche sprengen. Wo das Kirchenschiff stand, zog man ein Rechenzentrum hoch, quadratisch und praktisch. Jetzt, wo der Wiederaufbau trotz scharfer Proteste („Den Ort der Schande baut man nicht wieder auf!“) Gestalt annimmt, ist dieser Betonquader mit dem umlaufenden Raumfahrt-Mosaik akut in Gefahr. Um die Wogen etwas zu glätten, hat der Oberbürgermeister den Bau als Atelierzentrum der Kreativszene zur Verfügung gestellt, allerdings nur bis 2018. Steht die Finanzierung fürs Kirchenschiff, soll das bunte Zentrum weg.

„Leicht, modern, optimistisch!“

Nun also die Fachhochschule. Für Aufsehen sorgte in Potsdam im April ein Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der die Rekonstruktionswut geißelte. Über die Fachhochschule befanden die Kulturkritiker: „So leicht und heiter, so modern und optimistisch! So ist der Sozialismus niemals gewesen.“ Sie verwiesen auf das architektonische Vorbild: Einen Mies-van-der-Rohe-Bau in Iowa (USA).

Die Architektur ist gleichwohl nicht das Entscheidende in dem Streit. Vielmehr fühlt sich das junge Potsdam an den Rand gedrängt. Die Fachhochschule war bislang einer der letzten verbliebenen innerstädtischen Orte, wo man Studenten mit Kaffeebechern in der Sonne sitzen sah. Nach dem Abriss sollen sie am Stadtrand weiter büffeln. Bustouristen haben optisch den Alten Markt bereits erobert.

Hoffnung hatten die Freunde der DDR-Architektur geschöpft, als Anfang des Jahres 15 000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren zum Erhalt der DDR-Bauten in der historischen Mitte zusammenkamen – allerdings erklärte das Verwaltungsgericht die Initiative für unzulässig. Hauptargument: Irreführenderweise sei der Eindruck erweckt worden, es gäbe in allen Fällen etwas zu entscheiden.

Von Ulrich Wangemann

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