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Wildschwein-Plage: 20 Euro Prämie für einen Abschuss

Oder-Spree Wildschwein-Plage: 20 Euro Prämie für einen Abschuss

Eine neue Offensive soll Jäger im Landkreis Oder-Spree motivieren, Wildschweine zu jagen. Wer in seinem Jagdrevier mehr Exemplare schießt als im vorhergehenden Jagdjahr, bekommt vom Land für jeden zusätzlichen Abschuss eine Prämie von 20 Euro.

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Wildschweine verursachen besonders an Dämmen enorme Schäden.

Quelle: Fotolia

Potsdam. Im Landkreis Oder-Spree können die Jäger schon einmal anfangen zu zählen. Wenn in einem Jagdrevier dieses Landkreises der Jagdberechtigte mehr Wildschweine schießt als im vorhergehenden Jagdjahr vom 1. April 2015 bis zum 31. März 2016, bekommt er vom Land für jeden zusätzlichen Abschuss 20 Euro Prämie. Abgerechnet wird am Ende des Jagdjahres am 31. März. Mit seiner Unterschrift vom 10. Februar hat Oder-Spree-Landrat Rolf Lindemann bei Umweltminister Jörg Vogelsänger (SPD) den Start dieses neuen Modellprojektes besiegelt.

Der Offensive gegen die Schwarzkittel sollen sich alle anderen an der Ostgrenze des Landes liegenden Landkreise, nämlich Uckermark, Barnim, Märkisch-Oderland, Spree-Neiße sowie die Städte Frankfurt (Oder) und Cottbus, anschließen. Das Ziel: Die nach der großen Oderflut von 1997 mit viel Geld ertüchtigten Dämme des Oder-Neiße Gebietes vor noch mehr Wildschweinschäden zu schützen.

Enorme Schäden besonders an Dämmen

„Für den Hochwasserschutz ist es wichtig, dass die Grasnarbe heil bleibt“, sagt der Referatsleiter für ländliche Entwicklung, Landwirtschaft und Forsten im Umweltministerium, Ulrich Hardt. Genau diese Narbe wühlen die Wildschweine aber immer wieder auf. Allein die Schäden bei den Dämmen im Nationalpark unteres Odertal belaufen sich laut Landesumweltamt jährlich auf gut 300.000 Euro. Außerdem wühlen Wildschweine in Äckern, dringen in Vorgärten ein oder verwüsten Friedhöfe – und das nicht nur im Osten des Landes. Wegen der teuren Deichschäden hat das Land bei der Reduzierung der Wildschweinbestände im Osten die Priorität gesetzt. Außerdem sorgt sich das Land, infizierte Wildschweine aus Polen könnten die Schweinepest nach Brandenburg tragen.

Bis 1984 lag die Zahl der geschossenen Wildschweine weit unter 40.000 im Jagdjahr. Gegenwärtig werden im Jagdjahr rund 70.000 Wildschweine in Brandenburg geschossen, im Rekordjahr 2008 waren es sogar 80.000. Laut Hardt kann dieser Jagderfolg nur durch die ungeheure Zunahme der Population erklärt werden.

Landesjagdverband begrüßt die Prämie

„Wildschweinplage ist nicht meine Wortwahl“, sagt Hardt. „Wir haben aber sehr überhöhte Bestände bei den Wildschweinen.“ Dies gelte auch für das Rehwild. Dieses setzt durch Knabbern an Trieben den Forstwirten zu, deren Jungpflanzen oft zugrunde gehen. Die Jäger seien „selbstverständlich“ dazu verpflichtet auf solche Bestände einzuwirken. Mit der Prämie für das Übertrumpfen der Wildschweinstrecke vom vergangenen Jahr wolle man den Jägern einen Motivationsschub geben. Ob die Regelung Bestand haben wird, müsse die Auswertung der künftigen Jagdstrecke zeigen.

Der Landesjagdverband Brandenburg freut sich laut Sprecher Tino Erstling über das „Entgegenkommen“ des Landes. Die Prämie von 20 Euro für die Wildschweine sei schon ein Anreiz, sich bei der Jagd noch mehr anzustrengen. Allerdings bezweifelt Erstling, dass die Maßnahme hilft, die Wildschweinbestände drastisch zu reduzieren. „Ein Problem sind zum Beispiel die veränderten Anbaustrukturen“, sagt Erstling. So gibt es inzwischen viel mehr Maisfelder, die den Wildschweinen ausgezeichnete Nahrungs- und Schutzbedingungen liefern. Der Klimawandel sorge für ein zusätzlich gutes Nahrungsangebot und wegen der relativ milden Winter überlebten mehr Frischlinge. „Die Prämie allein wird das Problem nicht lösen“, schlussfolgert Erstling.

Jäger werden der Plage nicht Herr

Der westlich gelegene Landkreis Ostprignitz-Ruppin möchte die Prämie nicht kommentieren. „Wir haben hier kein Problem“, sagt eine Sprecherin des Landrats. Zwar sei der Bestand an Wildschweinen auch in Ostprignitz-Ruppin gewachsen, doch nicht so, dass deswegen eigene Maßnahmen nötig seien.

Kein Freund der Prämie ist Olaf Ihlefeldt, Verwalter des kulturhistorisch bedeutsamen Südwestkirchhof in Stahnsdorf (Potsdam-Mittelmark). Die Anlage war im September 2016 von Wildschweinen verwüstet worden. „Letztlich halte ich das für hinausgeworfenes Geld“, sagt Ihlefeldt. Die Prämie unterstelle, dass Jäger eigentlich keine Lust hätten, ihrer Aufgabe nachzukommen. Dabei seien sie gerade im Kreis Potsdam-Mittelmark sehr engagiert. Nur würden sie der Plage nicht Herr. „Die ganz großen Rahmenbedingungen kann man nicht ändern.“ Dazu zählt Ihlefeldt der den Tieren entgegenkommende Klimawandel und die zunehmende Besiedelung, die unweigerlich zu Konflikten führe. Ihlefeldts Vorschlag: Mit dem Problem leben und die schon gelockerten Jagdordnungen maximal ausnutzen, um es einzudämmen.

Wild gedeiht prächtig

1,16 Millionen Euro Wildschäden entstanden dem Land Brandenburg im Jagdjahr 2014/15. Fast die Hälfte dieser Schäden geht auf das Konto der Schwarzkittel. Tendenziell haben die Schäden aber in den vergangenen Jahren abgenommen. 2009/2010 waren es noch Schäden von über 1,6 Millionen Euro.

13107 Wildschweine wurden im Jahr 1972 erlegt, im Jagdjahr 2014/15 waren es 70857. Im Großen und Ganzen steigt die Population trotz gelegentlicher Schwankungen in Brandenburg ständig an.

Zugenommen hat auch das Rotwild. 1972 brachten Jäger gerade mal gut 2200 Hirsche zur Strecke. 2014/15 waren es insgesamt 10488 Stück.

Begrüßt wird das Modellprojekt dagegen vom Präsidenten der Landesbauernverbandes, Henrik Wendorff. „Das kann aber nur der erste Schritt für die Bekämpfung der Wildschweine sein“, so Wendorff. „Es gibt nach wie vor Reservate, wo überhaupt nicht gejagt werden darf.“ Wendorff denkt an Naturschutzgebiete und Landschaftsparks. Auch dort richteten die Tiere schwere Schäden an. „Wir fordern eine Strategie der Bejagung, die landesweit und flächendeckend ist“, sagt Wendorff. Hier dürfe es keine Denkverbote geben.

Eine solche Strategie gibt es schon. Die Abschussprämie ist nämlich nicht das einzige Geschütz, das das Land gegen die Wildschweine auffährt. Für das ganze Land ist zum Beispiel der Schutz der Bachen mit Jungen präzisiert worden. Jäger dürfen Bachen auf jeden Fall schießen, wenn ihre Jungen braun und damit etwas älter als gefleckte Frischlinge sind. Die Auslegung betrifft Jäger, die im Herbst jagen. Das Land hofft, dass die Jäger dank der großzügigen Klausel zehn Prozent der Bachen erwischen. „Bisher ist es nur die Hälfte“, so Hardt.

Probeweise gilt eine Regelung, dass für den Abschuss von Frischlingen jetzt auch die sonst für Wildschweine untersagte kleinere Munition verwendet werden darf. Die Jäger mochten das Erlegen der Frischlinge mit großen Kalibern nicht, weil die Kugeln die kleinen Tiere schädigten und die verkäufliche Ausbeute verringerten. Auch mit dieser für das ganze Land geltenden Regelung versucht das Land den Jägern einen Motivationsschub zu geben, um den ständig wachsenden Wildschweinbestand zurückzudrängen.

Von Rüdiger Braun

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