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Windkraftanlage stürzt auf den Acker

Unglück bei Mühlberg/Elbe Windkraftanlage stürzt auf den Acker

Eine Szenerie wie nach einem Flugzeugabsturz: Vergangene Woche ist im Windpark Koßdorf bei Mühlberg/Elbe (Elbe-Elster) eine tonnenschwere Windkraftanlage umgestürzt - zum Glück auf einen Acker. Ein Gutachterteam sucht nun mit Hochdruck nach der Unglücksursache. Die Gerüchteküche brodelt.

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Im Innern der umgefallenen Anlage. Sie ist mittlerweile zur Touristenakttraktion geworden.

Quelle: Veit Rösler

Koßdorf. Kommt da etwas auf uns zu? Von oben? Die Traktorspuren auf einem Feld mit Wintersaat sind noch frisch, als Teile einer tonnenschweren Windkraftanlage auf sie niederstürzen. Ein Feldweg ist blockiert. Die Windkraftanlage mit der Registriernummer „D50056“ gibt es nicht mehr! Ihre Einzelteile liegen am Boden zertrümmert. Herabgestürzt aus Höhen zwischen 30 und 94 Metern. Die Szenerie erinnert an einen Flugzeugabsturz.

Am Samstagnachmittag hat ein Gutachterteam die umgestürzte Anlage im Windpark Koßdorf (Stadt Mühlberg/Elbe) im Süden von Brandenburg untersucht. Die 1999 aufgestellte 600 kW Anlage mit einer Nabenhöhe von 70 Metern und einem Rotordurchmesser von 48 Metern ist vermutlich bereits drei Tage zuvor umgestürzt. Zeugen dafür gibt es keine, selbst der Ausfall der Anlage wurde erst einen Tag später bemerkt.

Jürgen Holzmüller (54) aus Aurich, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Windenergieanlagen, hat die Trümmer am Wochenende mit zwei Kollegen untersucht, bevor Teile und damit Spuren beseitigt werden können, wie er meint.

Ein Schaulustiger, Harry Busch (63) aus Koßdorf fragt den Sachverständigen: „Ist das das erste mal passiert“? „Ja“, meint Jürgen Holzmüller. Doch schnell verbessert der sich: „Das passiert nicht alle Tage“.

Tatsächlich kommt es immer wieder zu Havarien an Windkraftanlagen, brennende Kanzeln, abgebrochene Rotorblätter, die Liste der Störfälle ist mittlerweile lang. Erst am 8. Mai 2007 ist bei einem Sturm in nur acht Kilometern Entfernung das Rotorblatt einer Windkraftanlage gebrochen und zu Boden gekracht.

„Wir sind hier, um erst einmal ein Schadensbild aufzunehmen“, meint Jürgen Holzmüller. An der jetzt umgefallenen Anlage fallen dem Gutachter die Rostspuren an den Flanschringen auf, an der die Anlage offensichtlich zerbrochen ist. „Das ist nicht ganz in Ordnung, aber nicht die Ursache“, schätzt Jürgen Holzmüller ein. Der 7 x 15 Zentimeter starke Stahlring des Flansches, in dem die Bolzen der Schraubverbindung stecken, ist durch die Wucht des Aufpralls verbogen wie Butter. Neben der bereits erkannten Korrosion kommen Materialermüdung und zu geringe Dimensionierung der Schraubverbindung, damit der Begriff „Fehlkonstruktion“ mit in Frage.

Sogar das Wort „Sabotage“ wird hinter vorgehaltener Hand genannt. Im nahen Ort Koßdorf machen Gerüchte die Runde. Schaulustige hatten vor Ort weder abgefallene Schrauben noch Muttern des gebrochenen Flanschringes am Boden liegen sehen. „Also Sabotage war es wohl nicht. Wir haben alle fehlenden Schrauben und Muttern im Turm gefunden“, erklärt Jürgen Holzmüller.

Oder wurde bereits beim Bau der Anlage gepfuscht? Die Flanschringe, über die die einzelnen Segmente des Turmes einer Windkraftanlage mittels Schrauben miteinander verbunden sind, müssen eine extreme Planlage aufweisen. Bereits bei geringfügigem Spiel beginnt der Turm durch die Hebelwirkung, bei der enormen Belastung der rotierenden Rotorblätter an seiner Spitze, minimal zu schwanken. Durch diese zwar minimale aber über Jahre anhaltende Dauerbelastung wird die Fuge immer größer, die Gewindezüge der Schrauben scheren stetig immer weiter, wenn auch minimal, ab. Der Abstand wird größer, Regenwasser dringt ein. Die Korrosion beschleunigt den Vorgang und irgendwann ist die Hebelwirkung des immer mehr schwankenden Turmes so groß, das die Schrauben nicht mehr halten.

Auffällig erscheint auch an der bei Koßdorf umgestürzten Anlage die ausgeprägte Rostbildung an genau gegenüberliegenden Seiten der Masthülse. Bereits beim Bau müssen die Monteure peinlich genau auf die Planlage der Segmentflansche achten. Manch eine Baustelle hat so schon wochenlang still gestanden, weil die Ringe reklamiert und durch komplett neue Turmsegmente ausgetauscht werden mussten.

Neben der Suche nach der Ursache müssen Jürgen Holzmüller und seine Kollegen auch Lösungen finden, wie zukünftig solche Havarien verhindert werden können. Sollte es sich um einen Konstruktions- oder Herstellungsfehler handeln, könnten mehrere tausend Anlagen betroffen sein, welche damit jederzeit umkippen können. Zwei weitere baugleiche Anlagen in unmittelbarer Nähe wurden bereits angehalten.

Veit Rösler

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