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„Wir bekommen kein Geld aus Russland“

Interview mit AfD-Vize Alexander Gauland „Wir bekommen kein Geld aus Russland“

Wenn die Prognosen zutreffen, dann dürfte die AfD am Sonntag bei den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt einer der großen Gewinner werden. Im Interview mit der MAZ sagt Vize-Parteichef Alexander Gauland, was das für die AfD bedeuten würde. Außerdem spricht er über seine eigene Zukunft und darüber, wie die AfD finanziert wird.

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Quelle: dpa

Potsdam. Er ist eine der umstrittensten Figuren in der AfD – Vizechef Alexander Gauland. Er fällt immer wieder mit populistischen Äußerungen auf. Erst am Donnerstag hat Gauland, der auch Brandenburger Landeschef der Partei ist, im Potsdamer Landtag einen Solidarpakt für Deutsche gefordert und dazu einen gewagten Vergleich gewählt. „Muss der sozialbedürftige Bürger erst das Mittelmeer überqueren bevor er von der Politik wahrgenommen wird?“, sagte er.

Im Interview mit der MAZ widmet sich Gauland bundespolitischen Themen. Zur Sprache kommen die Rolle der AfD, die aus den drei Landtagswahlen am Sonntag als großer Sieger hervorgehen könnte, Gaulands eigene Zukunft in der Partei und die Kritik an Großspendern.


Herr Gauland, Ihre Tochter, eine evangelische Pastorin, hat neulich über Sie gesagt: „Was er sagt, ist schrecklich.“ Berührt Sie das?

Gauland: Sie hat ihre Meinung, ich habe meine – und trotzdem sind wir ein Herz und eine Seele. Ich habe kein Problem damit, dass sie ganz andere Gefahren sieht als ich. So habe ich sie erzogen: Sie soll ihre eigene Meinung vertreten.

Wann ist die AfD eine etablierte Partei – erst nach einem möglichen Einzug in den Bundestag im Herbst nächsten Jahres?

Gauland: Nein, früher. Wenn wir es am Sonntag schaffen, in die Landtage zweier westdeutscher Flächenländer zu kommen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz, dann sind wir schon vor der Bundestagswahl etabliert. Ganz entscheidend ist Baden-Württemberg, das drittgrößte Flächenland in Deutschland, wo mein Freund Jörg Meuthen einen ausgezeichneten Wahlkampf macht.


Sie haben die Flüchtlingskrise als „Geschenk“ für die AfD bezeichnet. Wenn die Krise bis zum Bundestagswahlkampf gelöst ist – was wird dann aus der AfD ?

Gauland: Das Geschenk sind nicht die Flüchtlinge, sondern es besteht in der verfehlten Politik der etablierten Parteien – und ich kann weder erkennen, dass die Krise gelöst wird, noch dass die anderen Parteien vernünftige Konzepte vorlegen. Ich bilde mir nicht ein, dass die AfD ihre guten Ergebnisse wegen der eigenen Politik erzielt. Den etablierten Parteien wird auch in Zukunft genug dummes Zeug einfallen, von dem wir dann profitieren können. Eine Menge Leute sagen: Wir sind mit der Arbeit von CDU, SPD und Grünen nicht mehr einverstanden, wir wollen eine Alternative. Angela Merkel sagt, sie wolle die Zukunft Europas sichern. Was wir erleben, ist das Auseinanderfallen Europas. Jetzt hat Merkel eine Idee: Die Türken sollen die Schmutzarbeit machen und sie bekommen dafür noch Geld – ausgerechnet für einen Mann wie Erdogan, der bewiesen hat, dass er mit der westlichen Wertegemeinschaft überhaupt nichts am Hut hat. Das ist nicht moralisch.

Nötigt Ihnen die protestantische Sturheit von Merkel Respekt ab?

Gauland: Nein. Wenn ein Weg falsch ist und man starr daran festhält, dann ist das nicht gradlinig, sondern dumm. Will sie auf einer falschen Politik bestehen, nur damit man ihr nicht vorwerfen kann, sie wechsele ständig ihre Meinung? Das verstehe ich nicht. Ungarns Regierungschef Viktor Orbán, den verstehe ich. Die Ungarn haben 200 Jahre türkische Besatzung erlebt, die wollen keine Zuwanderung von Muslimen mehr. Viele andere sehen es ähnlich, auch Frankreich und Großbritannien. Merkel steht allein da.

Der ehemalige NPD-Vorsitzende Holger Apfel hat neulich gesagt, die AfD habe geschafft, was die NPD immer wollte: Das Reservoir von Wutbürgern anzuzapfen, ohne immer vorgehalten zu bekommen, man pflege doch ein Nazi-Erbe…

Gauland: Dieses Lob freut mich nicht. Die NPD war für mich nie irgendeine Alternative. Eine Partei, die Hitler noch für einen großen Staatsmann hält, ist indiskutabel.

Aber ihnen wird vorgeworfen, sich selbst nicht klar genug abzugrenzen von rechtsextremen Kräften – beispielsweise hat der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke neulich über einen „afrikanischen Ausbreitungstypus“ schwadroniert. Das ist doch rassistisch, oder?

Gauland: Björn Höcke hat keine Nähe zum Nationalsozialismus, er ist ein Nationalromantiker. Er denkt an das Deutschland von Goethe und Schiller. An amerikanischen Universitäten sind die von Höcke thematisierten Fortpflanzungsstrategien Gegenstand der wissenschaftlichen Debatte. In Deutschland kann man darüber vermutlich nicht reden, ohne auch über die NS-Vergangenheit zu sprechen. Rassistisch sind Höckes Aussagen jedenfalls nicht.

André Poggenburg, Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, hat sich mit NPD-Leuten auf ein Podium gesetzt und die Berliner Politik für „zumindest indirekt verantwortlich“ für Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte gemacht. Was verbindet Sie mit ihm?

Gauland: Ich erlebe André Poggenburg im Bundesvorstand als vernünftig, ruhig und sachlich. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ist die AfD der verlängerte Arm der Pegida-Bewegung?

Gauland: Nein. Die Menschen, die in Dresden demonstrieren, müssen auch wir erreichen. Aber wir haben keinen Kontakt zur Pegida-Führung. Und wir sind nicht der parlamentarische Arm dieser Bewegung..

Warum sagt die AfD nicht: Wer nicht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung übereinstimmt, hat bei uns keinen Platz?

Gauland: Das tun wir. Wer früher in NPD oder DVU war, darf bei uns nicht Mitglied werden. Außerdem gilt: Wer die parlamentarische Demokratie ablehnt und zu Gewalt aufruft, hat bei uns nichts verloren. Aber wir können nicht jeden Verschwörungstheoretiker ausschließen, oder Jeden, der eine törichte Meinung vertritt, die oft auf Unwissen beruht. Es gibt Leute die glauben, die Bundesrepublik sei nur eine GmbH. Das ist töricht und falsch. Aber es gefährdet nicht die freiheitlich-demokratische Grundordnung.

Wie ist es mit der Aussage, man müsse an der Grenze auf Flüchtlinge schießen?

Gauland: Das hat Frau Petry so nicht gesagt. Sie hat vielmehr auf die Rechtslage hingewiesen, dass nämlich bei der Grenzsicherung auch Schusswaffengebrauch, als unmittelbarer Zwang, erlaubt ist.

Hätte Frau Petry als erfahrene Politikerin nicht wissen müssen, dass die Aussage verkürzt zu einer riesigen Aufregung führen wird?

Gauland: Ja. Wir machen alle Fehler. Das ist eingeräumt – und irgendwann sollte man aufhören, ihr das ständig aufs Neue vorzuwerfen.


Wer sollte Ihrer Meinung nach AfD-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl sein?

Gauland: Ich habe jetzt niemand besonders im Blick. Wir haben eine gute Bundesvorsitzende, und mit Jörg Meuthen einen klugen und wirkungsstarken Co-Vorsitzenden. Es gibt noch weitere. Sicher wird Frauke Petry eine entscheidende Rolle spielen.


Kandidiert auch Alexander Gauland für den Bundestag?

Gauland: Das habe ich noch nicht entschieden. Immerhin bin ich kürzlich 75 geworden.

Aber denken Sie an Konrad Adenauer und Otto von Bismarck…

Gauland: Diese Zeiten sind vorbei.

Ist die AfD irgendwann koalitionsfähig?

Gauland: In ferner Zukunft ja. Momentan werden wir als Opposition stärker gebraucht. Da können wir mehr erreichen, als wenn wir irgendwo mit einem Staatssekretär vertreten wären. Wir können erreichen, dass die CDU immer mehr zerbröselt. Ich bin gegen die zu frühe Versuchung auf irgendwelche Regierungsverantwortung.


Anonyme Großspender helfen der AfD in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Was halten Sie davon?

Gauland: Wir werden das im Bundesvorstand besprechen müssen. Ich halte es für einen Fehler, dass die beiden Landesvorsitzenden nicht wissen, woher die Aktion kommt und dass sie auf die Inhalte keinen Einfluss nehmen können. Schließlich sind sie es, die am Ende für das Wahlergebnis Verantwortung tragen müssen.

Bekommt die AfD Geld aus Russland?

Gauland: Nein. Wir bekommen kein Geld aus Russland. Man darf kein Geld von einer fremden Macht annehmen, denn man kauft einfach keine Politik. Damit verliert man Glaubwürdigkeit. Ich halte es auch für falsch, dass Marine Le Pen Geld von russischen Banken bezieht und dann die russische Politik verteidigt. Für mich ist ganz klar: Ich würde nicht mehr den Mund aufmachen für eine russlandfreundliche Politik, wenn ich wüsste, dass wir Geld aus Russland nehmen.

Von Jan Sternberg und Klaus Wallbaum

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