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Brandenburg Wo Weihnachtsgeschenke nichts kosten
Brandenburg Wo Weihnachtsgeschenke nichts kosten
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00:19 02.12.2017
Petra Kuhn und Rosita Völskow (r.) kümmern sich seit 9 Jahren ehrenamtlich um den Umsonstladen in der Prignitz. Quelle: Christin Iffert
Berge

Rosita Völskow steht hinter einem kleinen Tisch, ein Überbleibsel aus den 80er Jahren. Sie packt den Inhalt eines Stoffbeutels aus. Ein paar Teller, ein Set für Antipasti, einige Gläser – nicht viel. Alles wandert durch ihre weichen, gepflegten Finger. „Geschirr ist rar“, sagt die 59-Jährige. Dann trägt sie die Spenden durch den Laden vorbei an Kleiderstangen mit Blusen, Hemden und Jacken geht Völskow zu einem einfachen Metallregal.

Jeden Dienstag und Donnerstag wird Völskow für jeweils zwei Stunden zur Verkäuferin. Ehrenamtlich, inzwischen seit neun Jahren. 94,5 Milliarden Euro werden die Deutschen dieses Jahr für Weihnachtseinkäufe ausgeben, prognostiziert der Handelsverband Deutschland. Der Ansturm auf die Geschäfte in der Vorweihnachtszeit hat begonnen. Weihnachtszauber ist zunächst vor allem Kaufrausch. Doch durch die Finger der 59-Jährigen aus Karstädt (Prignitz) wandert kein einziger der prognostizierten Euro. Sie arbeitet im Umsonstladen.

Shoppen zur Weihnachtszeit geht auch ohne Geld: Am äußersten Rand Brandenburgs – in Berge (Prignitz) gibt es einen Umsonstladen. Ob Kleidung, Nippes, Spielzeug oder Geschirr: Hier ist alles kostenlos. Ein Rundgang durch den Laden.

„Es gibt genug Menschen die nichts haben“

An der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern liegt der Laden im beschaulichen Ort Berge (Prignitz), einquartiert in der ersten Etage der örtlichen Grundschule. Gegründet wurde er von Janine Drewanz-Eckel vor mehr als zehn Jahren und ist ein Gegenentwurf zur Wegwerf- und Konsumgesellschaft. „Es gibt genug Menschen, die nichts haben“, sagt Rosita Völskow. Sie könnten keine großen Sprünge machen, keine teuren Weihnachtsgeschenke kaufen. 64,99 Euro kostet ein Bobbycar bei myToys, gut zehn Euro mehr ein Vergleichbares bei Spiele Max und 41,99 Euro bei Amazon. Im Umsonstladen kostet ein Bobbycar nichts. Dafür muss vielleicht ein Rad neu justiert- oder über ein paar Kratzer hinwegsehen werden. Denn die Ware ist gebraucht.

Der Umsonstladen in der Prignitz hat viele Kleider im Angebot - und sie sind alle kostenlos. Shoppen geht hier für alle ohne Geld - ob bedürftig oder nicht. Quelle: Christin Iffert

Mitunter stöbern in Berge bis zu 40 Menschen nach Spielzeug, Büchern, Kleidung. Sie sind Kunden in einem Verkaufsgeschäft – nur ohne das traditionelle Kaufen. Eine kleine Spende ist trotzdem gewünscht. „Damit finanzieren wir die Miete“, so Völskow. Alternativ genügt es, etwas Aussortiertes zu tauschen. In Brandenburg ist das Ladenprinzip rar. Lediglich in Potsdam und in Cottbus finden sich zwei weitere Umsonstläden. Bedürftig müssen die Menschen, anders als in Kleiderkammern, nicht sein.

Weihnachten ist im Umsonstladen eingezogen

In großen Einkaufszentren und Handelsketten leuchten mit Beginn der Vorweihnachtszeit hunderte Lichter. Da reflektiert das Licht in den bunten Weihnachtskugeln an künstlichen Weihnachtsbäumen und es laufen die ersten Weihnachtsmelodien. Im Umsonstladen in der Prignitz spielt ein kleines Radio Chartmusik und Oldies. Statt Lichterglanz gibt es kaltweiße Neonröhren an der Decke. Dennoch ist Weihnachten eingezogen. Christbaumkugeln, Engelsfiguren und Weihnachtsmänner stehen auf zwei kleinen Tischen. Wer möchte, darf zugreifen. Cornelia Bader (58) aus Wüsten Vahrnow (Prignitz) schlendert mit einem roten Einkaufskorb an den Dekoartikeln vorbei. Die 58-Jährige braucht eine Tischdecke, keine Weihnachtsfiguren. Alle 14 Tage kommt sie in den Umsonstladen. Warum? „Ich bin ehrlich, das Geld ist knapp und ich kann mir einfach nicht sehr viel in anderen Läden leisten“, sagt sie und entdeckt einen bunten mit Blumen gemusterten Tischläufer.

Cornelia Bader aus Wüsten Vahrnow geht gern in den Umsonstladen. Mal nimmt sie etwas mit hin - und wieder etwas mit, manchmal spendet sie ein paar Euro für die Miete. Sie kann es sich nicht leisten, ständig neue Dinge zu kaufen. Quelle: Christin Iffert

Die meisten Besucher seien Stammkunden, sagt Rosita Völskow. Früher hat sie Zimmer in einem Hotel gereinigt, heute macht ihr die Gesundheit zu schaffen. Einige ihrer Wirbel sind steif. Den Job musste sie aufgeben und weiß, wie es ist, jeden Cent umdrehen zu müssen. Sie hängt eine Jacke auf einen Bügel und drapiert sie im Vorbeigehen auf einem Ständer. Oft gefallen ihr die Sachen selbst. Sie schaut an sich hinunter. „Trotzdem finde ich selten Kleidung“, sagt sie. Mode für stämmige Frauen gäbe es kaum. Einmal hat sie selbst ihren Kleiderschrank halb leergeräumt, um einer Flüchtlingsfrau aushelfen zu können. „Sie kam nur mit einem Schlüpfer, dünnem Hemdchen und Badelatschen unter einem Bademantel“, erinnert sich die Helferin.

Ein schönes Gefühl, nicht aufs Geld achten zu müssen

Allein wäre die Arbeit im Umsonstladen für Völskow nicht stemmbar. Deshalb ist Freundin Petra Kuhn (58) an ihrer Seite, die das Ehrenamt seit neun Jahren teilt. Manchmal kommen so viele Pakete mit gespendeten Sachen, dass im Raum kaum Platz bleibt. Sie werden mit der Post geschickt – aus Hamburg, Castrop-Rauxel (Nordrhein-Westfalen), Berlin.

Vier Kinder schlängeln sich an Völskow vorbei und gehen gezielt zum Spielzeug. Elias Reinhard Mumm (9) strahlt und greift zu einem Spongebob-Kissen. Er fängt an zu spielen. „Ich bin ein ganz großer Spongebob-Fan“, sagt der Junge. „Genau das ist der größte Dank unserer Arbeit“, flüstert Rosita Völskow und lächelt. Schwester Maria Vera Mumm schaut nach Gesellschaftsspielen, nimmt eines nach dem anderen in die Hand und liest die Beschreibung. „Wäre doch viel zu schade, alles wegzuwerfen“, sagt die 13-Jährige. Es sei ein schönes Gefühl, etwas zu finden – ohne aufs Geld achten zu müssen.

Anna Sara, Eric Jérome, Elias Reinhard und Maria Vera Mumm aus Perleberg freuen sich über Spielzeug und Nippes. Quelle: Christin Iffert

Rosita Völskow hält nichts von einer Wegwerfgesellschaft. Dabei bekommt der Begriff im Umsonstladen eine ganz andere Dimension. Manchmal spenden Menschen Dinge mit Stockflecken. Ungewaschenes. Unbrauchbares. „Manche denken, sie können sich bei uns ausmisten, aber wir sind keine Müllhalde“, sagt Helferin Petra Kuhn.

Freude am Ehrenamt muss mit dem Rollstuhl weichen

Die beiden Ehrenamtlerinnen sind zur Seele des Umsonstladens geworden. Sie lachen viel, tauschen sich mit den Kunden über Alltägliches aus, beraten bei der Anprobe. Den Laden haben sie über die Jahre mitgestaltet. Überall finden sich kleine Figuren an den Wänden oder selbstgemalte Bilder. Ein Teddybär wacht über die Spendenbox auf dem braunen „Verkaufstisch“. Sie füllt sich nach und nach mit Münzen. Und die Spenden aus dem Beutel, die Rosita Völskow anfangs noch durch ihre Hände gleiten ließ, sind längst in den Einkaufstüten der Kunden. „Manchmal geht es eben schnell“, sagt sie und lächelt.

So lange ihr Rücken mitmacht, fährt sie zum Umsonstladen rund 15 Kilometer mit ihrem kleinen Auto von Karstädt nach Berge. „Die Menschen brauchen uns – und wir sind für sie da“, sagt sie. Erst wenn ihr Rücken sie in einen Rollstuhl zwingt, dann muss sie die Freude an dem Ehrenamt aufgeben.

Von Christin Iffert

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