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Brandenburg Wo die Ost Boys die Grenze Berlins markieren
Brandenburg Wo die Ost Boys die Grenze Berlins markieren
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17:52 27.01.2019
Die neue Schwimmhalle entstand ebenfalls im Rekordzeit und Akkordarbeit – hier ein Archivfoto vom Mai 1983. Quelle: Forschungsstelle Baugeschichte Berlin
Berlin

Wer am S-Bahnhof Springpfuhl ankommt, fühlt sich nicht eingeladen zu bleiben. Die Farbe am Geländer blättert ab, ein paar Schmierereien an den Fenstern sind die einzige Zierde des schmucklosen Konstrukts. Eine ältere Frau kämpft sich Schritt für Schritt durch den schier endlosen Gang von der Märkischen Allee aus und schnaufend die Treppe hinauf. Ihr Einkaufstrolley wiegt so schwer als hätten sich Backsteine zwischen die Einkäufe gemischt. Sie spricht mit russischem Akzent, ein paar Wortbrocken beschreiben, wie es ihr geht – „Hüftprothese“, „Magen raus“, „Uff“.

Der Blick reicht bis nach Brandenburg

Vielleicht entwickelt die Märkische Allee mehr Charme, wenn man sich ihr von oben nähert. Der Fahrstuhl katapultiert die Besucher mit jeder Sekunde ein Geschoss höher. Das 22-Etagen-Hochhaus liegt mehrere hundert Meter hinter der Straße. Das geschwungene Dach des Eastgate-Einkaufscenters ist zu erkennen, es leuchtet rot. Wäre der Nebel nicht, würde der Blick locker bis nach Brandenburg reichen. Auf dem Weg zur Märkischen Allee reihen sich soziale Einrichtungen aneinander – Frauentreff, Pflegestützpunkt, Jugendklub. Fast nebeneinander stehen der Smartphone-Shop „Handy aus Marzahn“, eine Kunstgalerie, Hundesalon, Hebammenpraxis, Bestatter. Hier lässt es sich leben und sterben, wer braucht da schon Berlin?

Marzahn ist eine Stadt in der Stadt und die Märkische Allee so etwas wie seine Rennstrecke. Wer die Straße googelt, stößt auf schwere Unfälle. Kein Wunder, sie erstreckt sich meist auf sechs Spuren über mehr als sieben Kilometer. Wenn Slavik und Wadik im weißen Mercedes in ihren Videos als Ost Boys über den Highway heizen, schauen ihnen mitunter mehr als eine Million Menschen zu. Die beiden russischstämmigen Marzahner, die eigentlich anders heißen, sind Youtube-Stars. In ihren Videos machen sie in Jogging-Anzug und Gucci-Tasche einen auf Ghetto-Brüder. Immer etwas zu übertrieben, um es eins zu eins ernst zu nehmen. Doch die Liebe zum Viertel – die wirkt echt.

Die jungen Gesichter des Bezirks

Sie seien gerade aus dem Sonnenstudio an der Märkischen Allee gekommen, sagt Slavik und Wadik ergänzt: „Ich kenne ein paar Leute, die haben hier in der Straße ihre Jungfräulichkeit verloren – im Auto!“ Sein Kumpel hat noch eine Anekdote parat: „Wir haben mal Wassermelonen aus einem Laster geklaut, der an der Märkischen Allee geparkt war.“ Selbst am S-Bahnhof Springpfuhl gebe es nicht nur Schutt und Straßenlärm. Im Sommer schaue es da anders aus. „Schau dir unsere Drohnen-Aufnahmen an. Man sieht von oben alle Hochhäuser nebeneinander – einfach schön.“ Die Märkische Allee, das sei „der Anfang vom Paradies“.

Die Ost Boys sind die jungen Gesichter eines Bezirks, dessen Bewohner im Schnitt weit über 40 Jahre alt sind. Fans klingeln ständig bei Slavik und Wadik, auf dem Schild vor dem Müllschlucker-Raum seines Plattenbaus stand mal „Wadik, ich will dich“. Am Tag, nachdem das Bild davon im Internet zu sehen war, war die ganze Tür bemalt. Sie seien halt die perfekten Werbegesichter für Marzahn – „wir sind wie Goethe und Schiller aus dem Plattenbau“ – und selbst das Heimatmuseum wolle ihre Videos archivieren, um die Entwicklung in Marzahn zu dokumentieren.

„Am Anfang war nur Acker“

Wer wissen will, wie die Entwicklung begonnen hat, fragt am besten Oleg Peters, der fürs Standortmarketing im Bezirk zuständig ist. Sein Vater Günter hat als Stadtbaudirektor in Ost-Berlin vor weit mehr als 40 Jahren die Großsiedlung Marzahn maßgeblich mitgeplant. Der Sohn hat diesen Plan in der Märkischen Allee tatkräftig umgesetzt. „Da war am Anfang nichts, nur Acker.“ Seine Brüder schufteten im Hoch- und Tiefbau, der 18-jährige Oleg prüfte als Hilfsarbeiter, ob die korrekten Bauteile nach oben gereicht wurden. Peters listet Zahlen aus einer anderen Welt auf. In Spitzenzeiten seien in Marzahn bis zu 8000 Bauarbeiter gleichzeitig im Einsatz gewesen. „Wir arbeiteten bei Schnee und Eis.“ Ein Haus mit sechs Etagen und sechs Aufgängen hätten sie normalerweise in knapp über 60 Arbeitstagen gebaut – vom Ausheben der Baggergrube bis zum Einzug der Mieter. Natürlich, sagt Peters, sei damals auch viel Propaganda mit ihm Spiel gewesen. Zugleich wuchs der Stolz auf das Geleistete. „Wir bauten weiter nach Norden und sahen, wie Menschen voller Freude in ihre fertigen Wohnungen einzogen.“ Keine Wohnung durfte mehr als 600 Meter von der nächsten Schule, Kita, Tram und S-Bahn entfernt sein.

Die Mark und die Märkische Allee

Die Märkische Allee erhielt 1978 zunächst die Bezeichnung nach dem DDR-Politiker Heinrich Rau. Nach der Wende verlor die Straße den alten Namen.

Seit 1992 heißt sie Märkische Allee. Der Name Mark steht für Grenze, beispielsweise in dem Wort Markstein, aber auch für die Mark Brandenburg. Mehrere Straßen in der Nähe der Märkischen Allee tragen ebenfalls Namen, die auf Orte in Brandenburg verweisen, zum Beispiel die Ahrensfelder Chaussee und der Blumberger Damm.

Die Bezeichnung Mark Brandenburg geht auf ein Territorium im Heiligen Römischen Reich zurück, gegründet wurde es wohl 1157. Umgangssprachlich werden Mark und Märker heute fürs Bundesland Brandenburg und seine Bewohner verwendet.

Die MAZ stellt in dieser Serie Berliner Straßen vor, die nach Orten in Brandenburg benannt sind, und beschreibt das Leben vor Ort. Das nächste Straßen-Porträt erscheint in zwei Wochen.

Von Maurice Wojach

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