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Brandenburg Wo die wenigsten Bürger zur Wahl gingen
Brandenburg Wo die wenigsten Bürger zur Wahl gingen
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00:19 10.09.2017
Ortsschild Sieversdorf-Hohenofen. Quelle: Ulrich Wangemann
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Hohenofen-Sieversdorf

Genau zwei Wahlplakate hängen in Sieversdorf-Hohenofen (Ostprignitz-Ruppin): Eins in Sieversdorf über dem Stromverteilerkasten an der Bushaltestelle, das andere in Hohenofen am Ortsausgang – einsam an einer Unkrautbrache. Nur die AfD hat sich in der heißen Phase des Bundestagswahlkampfs die Mühe gemacht, einen Plakatiertrupp in die 700-Einwohner-Gemeinde zu schicken - und auch das nur halbherzig. Als gäbe es nichts zu holen.

Da könnte aus Sicht der Parteistrategen etwas dran sein. Sieversdorf-Hohenofen ist die Gemeinde im Land Brandenburg mit der geringsten Bürgerbeteiligung bei der letzten Bundestagswahl_ 48 Prozent. Zum Vergleich: 2013 gingen landesweit 68,4 Prozent der volljährigen Bürger wählen, im Bundesschnitt 71,5 Prozent. In Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) lag die Mitmach-Quote fast doppelt so hoch wie in der Prignitz-Gemeinde: bei 87 Prozent. Wie erklärt sich die Kluft zwischen boykottähnlicher Abstinenz und fast realsozialistischen Beteiligungswerten?

Eins von zwei Wahlplakaten in Sieversdorf: Die AfD hat an der Bushaltestelle plakatiert – von den anderen Parteien keine Spur. Quelle: Ulrich Wangemann

„48 Prozent? Wir sind froh, dass damals so viele gekommen sind!“ sagt Hermann Haacke, ehrenamtlicher Bürgermeister von Sieversdorf-Hohenofen. Nicht spöttisch meint er das. Der 68-Jährige wurde in Hohenofen geboren. Nie ist er weggegangen, auch in seiner Zeit als Agrarflieger in der DDR-Landwirtschaft nicht. Ein gelbes Modellflugzeug steht in seinem Wohnzimmerregal. 40 Jahre schon sitzt Haacke im Gemeinderat. „Ich kenne die Mentalität“, sagt er.

Nicht nur zur Bundestagswahl hält sich das öffentliche Interesse im Ort an Politik in Grenzen. „Zu den Gemeindevertretersitzungen kommt selten jemand – außer es geht um Grundstückssteuern“, sagt der Bürgermeister. Parteien, Fraktionen, gibt es nicht in dem Gremium. Alle zehn Mitglieder gehören der „Wählergruppe Sieversdorf-Hohenofen an“. An einen Gegenkandidaten bei den Kommunalwahlen kann sich der Bürgermeister nicht erinnern – seit 15 Jahren ist er Im Amt. „Wir kämpfen hier um die Sache“, sagt Haacke. „In gewisser Weise ist Sieversdorf-Hohenofen politfreie Zone.“

Pfarrer Lars Haake (l.) und Bürgermeister Hermann Haacke wollen den Ort gemeinsam beleben – doch die beiden Ortsteile fremdeln. Quelle: Ulrich Wangemann

Es gibt seit Jahren schnelles Internet im Ort, weil die Gemeinde in Glasfaserkabel investiert hat. Der Handy-Empfang ist gut, vom etwa fünf Kilometer entfernten Neustadt/Dosse ist man in einer Stunde am Berliner Alexanderplatz. Den Aderlass an jungen Leuten leugnet hier niemand, Verwahrlosung aber war nicht die Folge. Nazis sind kein Problem, der Sportplatz hat einen neuen Umkleidetrakt mit Duschen, die Mannschaften schlagen sich beachtlich. Etliche Sieversdorfer Häuser sind herausgeputzt, manche mit Fachwerk und Reetdach, davor gestutzte Linden.

Herausgeputztes Fachwerkhaus – typisch für Sieversdorf. Quelle: Ulrich Wangemann

Pfarrer Lars Haake – nicht verwandt oder verschwägert mit dem fast gleichnamigen Bürgermeister – die Kirche aufgeschlossen. Ein Kleinod mit einer umlaufenden hölzernen Empore im Innenraum, darauf eine frisch sanierte Orgel aus dem 18. Jahrhundert. Auf der kircheneigenen Freifläche des Kirchhofs hat die Kommune gerade Spielgeräte aus Holz errichten lassen – eine seltene staatlich-kirchliche Partnerschaft. Hier soll dem Ort neues Leben eingehaucht werden – ein Rundweg über die Wiesen soll entstehen. Denn irgendetwas ist eingeschlafen im Ort. „Viele Menschen haben ein verstelltes Gefühl dafür, wie gut es uns geht. Sie sind blind für das Schöne geworden“, sagt der Pfarrer. Allerdings habe, und da wird der Geistliche sehr weltlich, die Bundespolitik bisweilen an den Menschen auf dem Land vorbei geredet. Beispiel Dieselskandal. „Der Diesel ist bei uns der beste Antrieb: Hält lange, verbraucht wenig. Es ist den Menschen hier egal, ob in Berlin Mitte ein Fahrverbot eingeführt wird.“

Blick auf die Kirche und das Pfarrhaus (l.) von Sieversdorf. Der Ort hat Charme und die Kirche eine renovierte Orgel aus dem 18. Jahrhundert. Quelle: Ulrich Wangemann

Aus der Landbäckerei Hanne - Familienbetrieb seit 70 Jahren - duftet es nach frischen Makronen, Blätterteig-Windmühlen und Apfelmus-Schnitten – und all diese Köstlichkeiten packt einem der Bäcker für 1,60 Euro in die Tüte. Mit anderen Worten: In Brandenburg gibt es Orte mit weitaus größeren Problemen. Der Bäckermeister lehnt im Türrahmen der Backstube. Politische Debatten will er nicht führen mit Mehl auf der Schürze. Aber eins sagt er doch: „Wenn die Leute im Dorf jammern, dann auf hohem Niveau.“

Zwei Theorien gibt es zu niedriger Wahlbeteiligung: Entweder fühlen sich die Menschen nicht angesprochen, oder sie sind zufrieden.

90 Kilometer südöstlich liegt Brandenburgs Muster-Gemeinde, wenn’s um politische Teilhabe geht. Auf Kleinmachnows Rathausmarkt lächelt von jeder Laterne ein Kandidat. Norbert Müller Müller blickt mit zusammengekniffenen Augen vom Plakat auf sein Wahlvolk. „Leben darf kein Luxus sein“, so sein Slogan – das in einer Gemeinde, in der ein Eigenheim unter 500  000 Euro kaum zu kriegen ist.

Volle Kanne Politik: In Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) ist Wahlkampf. Quelle: Ulrich Wangemann

2013 siegte die CDU mit 13 Prozent Vorsprung vor der SPD. Geschichtsprofessor Manfred Görtemaker von der Universität Potsdam lebt seit den 90er-Jahren in Kleinmachnow, als er ein Einfamilienhaus mit hübschem Garten in einer Nebenstraße erwarb. „Die Menschen, die hier wohnen, sind politisch sehr bewusst. Sie sind sehr gebildet – und wer gebildet ist, geht wählen“, sagt der Historiker. „In der Nachbarschaft habe ich einen General, Amtsrichter, Anwälte, Ärzte – alles Leute, die selbstverständlich mitbestimmen wollen.“ Die hohen Immobilienpreise, so der Geisteswissenschaftler, hätten ihr Übriges getan, um politisch interessierte Menschen in den Ort zu holen. Er prophezeit ein hohes FDP-Zweitstimmen-Ergebnis: „Bei uns wohnt deren Kernklientel.“

Kleinmachnow hat unter allen ostdeutschen Gemeinden mit die höchste Kaufkraft. Im Gewerbegebiet gibt es ein Porschezentrum und einen Handel für Reitzubehör. Zu DDR-Zeiten zu drei Seiten von der Berliner Mauer umgeben, bildete sich unter den Kiefern ein ganz eigenes Biotop. „Freischaffende, Künstler, aber auch Apparatschiks und Systemtreue – sie einte ein hohes Bildungsniveau“, sagt Potsdam-Mittelmarks Landrat Wolfgang Blasig (SPD), der 15 Jahre Bürgermeister der 20 000-Einwohner-Gemeinde war. Massenhafte Rückübertragungen von Grund und Boden nach der Wende politisierte die Bevölkerung zusätzlich. Vom „Laboratorium der Deutschen Einheit“ sprach die „Zeit“.

Heute wohnen zahlreiche hohe Ministerialbeamte aus den Regierungen in Potsdam und Berlin in dem Vorort. Viele kommen aus den alten Bundesländern und bringen ihre Parteimitgliedschaft mit“, sagt SPD-Generalsekretärin Geywitz. Im Kommunalparlament toben sich die Polit-Profis nach Feierabend im hohen Bundestags-Ton aus, leisten als Dank für oder in Erwartung auf eine schöne Karriere Basisarbeit. Ortsintern wird der Gemeinderat „Kleiner Bundestag“ genannt.

Rathausmarkt in Kleinmachnow: (87,2 Prozent der Wahlberechtigten gingen 2013 zu den Urnen. Quelle: Bernd Gartenschläger

Zu einer gewissen Prominenz hat es auch die Prignitzgemeinde Sieversdorf-Hohenofen mittlerweile gebracht – zumindest der Ortsteil Hohenofen. Das Architekturmagazin „Rotten Places“ (Verfallene Orte) hat die alte Papierfabrik an der Dosse als besonderswerten Ort malerischen Leerstands porträtiert. Die Redakteure hätten gleich das vernagelte Kirchlein und die Feuerwehrwache, deren Regenrinnen-Fallrohr sich ins Fundament entleert, dazu stellen können. Hohenofen ist der Ort, an dem man auf der Suche nach den verlorenen Wählern ziemlich konkrete Ergebnisse findet. Als die ortbildprägende Fabrik nach der Wende die Export-Produktion von hochwertigem Transparentpapier für Bauzeichner und Architekten aufgeben musste, waren fast alle Hohenofener, Industriearbeiter aus Tradition, wie schon der Ortsname andeutet, auf einen Schlag arbeitslos – anders als die Bauern in Sieversdorf. Die LPG dort ging in Privatbesitz über und steht heute glänzend da. Von dem Schlag hat sich Hohenofen bis heute nicht erholt. Nachdem es 1997 mit dem doppelt so großen Sieversdorf verschmolzen wurde, gingen ihm nicht nur Jugendclub, Gaststätte und Feuerwehr verloren, sondern vor der letzten Bundestagswahl auch das Wahllokal.

Die alte Papierfabrik im Ortsteil Hohenofen von Sieversdorf-Hohehnofen. Hier arbeitete vor der Wende ein Großteil der Einwohner. Quelle: Ulrich Wangemann

„Die Leute fahren nicht rüber nach Sieversdorf – es ist schon seit Generationen eher ein Gegeneinander gewesen“, sagt Toni Engelbrecht, Chef Kfz-Werkstatt Engel in einem Nebengebäude der leeren Fabrik. Er schraubt gerade an einem Lieferwagen herum. Nach der Gemeindefusion seien alle Institutionen im größeren Sieversdorf gebündelt worden, sagt der Mechaniker. „Ich bin dann da auch nicht mehr in den Jugendclub gegangen“, so der 34-Jährige. Vielleicht ist das die Krux aller Gebietsfusionen: Dass immer die, die sich am wenigsten leiden können, unter ein Dach gepackt werden – die direkten Nachbarn. Toni Engelbrecht will trotzdem wählen gehen. Letztlich sind es doch nur anderthalb Kilometer.

Von Ulrich Wangemann

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