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Brandenburg Woidke verteidigt Gabriels Stinkefinger gegen Pöbel-Nazis
Brandenburg Woidke verteidigt Gabriels Stinkefinger gegen Pöbel-Nazis
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14:48 18.08.2016
Siegmar Gabriel zeigte rechten Pöblern den Mittelfinger. Quelle: Screenshot Youtube
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Potsdam/Berlin

In der Diskussion um seinen ausgestreckten Mittelfinger bekommt SPD-Chef Sigmar Gabriel Rückendeckung von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). In der Partei ist man sich ziemlich einig. „Politiker müssen sich nicht alles gefallen lassen“, sagt Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke. „Wir brauchen Menschen mit Emotionen in der Politik und keine Automaten.“

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Vor einigen Tagen haben rechte Pöbler den SPD-Chef und Vize-Kanzler Sigmar Gabriel am Rande einer Veranstaltung provoziert und beleidigt. Gabriel zeigte den Rechtsextremen daraufhin den Stinkefinger.

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Auch in der Parteizentrale der Sozialdemokarten gibt man sich gelassen: „Auch Minister und SPD-Vorsitzende sind nur Menschen“, heißt es in einer Mail an fragende Mitglieder. „Angesichts der massiven Beleidigungen der Person und auch der Familie von Sigmar Gabriel war die Geste schlicht eine emotionale Reaktion.“ Er selbst, lässt Gabriel darin ausrichten, stehe dazu.

Ausgestreckter Mittelfinger gegen pöbelnde Nazis

Allesamt beziehen sich damit auf diese Szene, die sich am Freitag in Salzgitter zugetragen hat. Da steht er, den rechten Pöbel vor sich. Vermummte Gesichter, grölende Stimmen. Kommunist, brüllen sie, Kulturmarxist, Arschloch. Und sie werden richtig persönlich, provozieren mit Sätzen über Gabriels Familie, über seinen Vater. Der war ein gewalttätiger Altnazi, als Kind hat Gabriel bitter unter ihm gelitten. „Dein Vater hat sein Land geliebt, du zerstörst es“, grölt einer aus dem Pulk.

Das alles hört sich Sigmar Gabriel ruhig an. Er lächelt, macht eine abwinkende Handbewegung. Und dann tut er das, wonach wohl den meisten Menschen in dieser Situation wäre: Er zeigt den Nazis seinen ausgestreckten Mittelfinger.

Menschlich ist die Sache klar

Seit Dienstagabend kursiert die Szene im Netz. Ein wackliges Handyvideo, offenbar aufgenommen und veröffentlicht von den Nazis selbst. Junge Nationaldemokraten Braunschweig nennen die sich, und feiern schon mal ihren Propagandaerfolg. Tatsächlich ist es ein Dilemma, dass jede veröffentlichte Zeile über den Vorfall, auch dieser Text, den Demokratiefeinden Aufmerksamkeit verschafft. Trotzdem kommt man um das Thema nicht herum, denn eine Frage steht jetzt im Raum. Sie wird diskutiert in den Kommentaren auf Gabriels Facebook-Seite, in sozialen Medien, der SPD, der Republik. Sie lautet: Darf der das?

Menschlich ist die Sache ja klar. Man darf nicht nur, man muss geradezu Nazis den Stinkefinger zeigen. Auch juristisch fällt die Bewertung leicht: Wer beleidigt wird, hat das Recht auf einen Gegenschlag, und das hat Gabriel für sich in Anspruch genommen. Komplizierter ist da schon die Frage, ob es eigentlich politisch klug war, wie Gabriel reagiert hat.

Geste der Mehrheitsmeinung in Deutschland?

Politische Beobachter vermuten, dass dem SPD-Chef seine Geste nutzt. „Gabriel will aus der Großen Koalition eine Rechts-links-Polarisierung schaffen, der Umgang mit den Rechten schafft klare Unterscheidbarkeit“, sagt Kommunikationsberater Heiko Kretschmer, dessen Agentur den SPD-Bundestagswahlkampf 2013 betreut hat. „Gabriel wirkt dabei sogar authentisch.“

Der Adressat sei in diesem Fall entscheidend, glaubt Meinungsforscher Manfred Güllner. „Es geht gegen Rechtsradikale und das kommt bei Anhängern demokratischer Parteien immer gut an“, so der Chef des Forsa-Instituts. „Gabriel hat mit seiner Geste der Mehrheitsmeinung in Deutschland Ausdruck verliehen.“

Öffentliche Ausraster von Politikern gibt es immer wieder

Öffentliche Ausraster von Politikern hat es in der Geschichte der Bundesrepublik immer wieder gegeben – nicht unbedingt zum Nachteil der handelnden Personen. Willy Brandt bezeichnete 1985 in einer TV-Runde den damaligen CDU-Generalsekretär Heiner Geißler als „schlimmsten Hetzer seit Goebbels“. Helmut Kohl wollte 1991 nach dem Wurf von Eiern und Tomaten einem Demonstranten in Halle höchstpersönlich an den Kragen. Und Kurt Beck herrschte 2012 bei einem Interview einen Zwischenrufer an, dieser solle „einfach mal das Maul halten“. Nachhaltig geschadet hat das keinem der drei.

Der Stinkefinger hingegen spielt in der öffentlichen Wahrnehmung in einer anderen Liga. Die Geste steht in einem eindeutig sexuellen Kontext. Sie gilt als obszön – und ist deshalb verpönt. Nach Stefan Effenberg fand sie den Weg vom Fußballplatz in die politische Arena – und dort zeigten sich vor allem Vertreter des linken Parteienspek­trums anfällig. Der damalige NRW-Ministerpräsident Wolfgang Clement ließ sich 2001 am Rande der Expo zu der nonverbalen Beleidigung gegenüber Jugendlichen hinreißen, der griechische Ökonom und spätere Finanzminister Yanis Varoufakis zeigte den Finger gleich der ganzen deutschen Nation. Und dann war da noch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der 2013 auf einem Magazintitel mit erhobenem Mittelfinger posierte.

Gabriel spricht „die Sprache der kleinen Leute“

Nun also Gabriel. Es ist nicht das erste Mal, dass der SPD-Chef mit einer emotionalen Spontan-Reaktion von sich reden macht. Er hält sich zugute, dass er Ecken und Kanten hat, ist stolz drauf, „die Sprache der kleinen Leute“ zu sprechen. Allein in dieser Woche hat er die Rentenexperten der Bundesbank „bekloppt“ genannt und Abgeordneten, die auf Steuerzahlerkosten teure Kugelschreiber angeschafft hatten, vorgeworfen, „einen Knall“ zu haben. Das sei doch nahe am Wähler, heißt es in der SPD. Niemand wolle diese dauerkontrollierten Polittechnokraten.

Ob das wirklich stimmt? Zweifel sind angebracht. Die Ära der politischen Raufbolde ist lange vorbei. Politiker wie Franz Josef Strauß oder Herbert Wehner würde heute keine Woche im Amt überleben. Auch Joschka Fischer und Gerhard Schröder hätten es schwerer.

Anforderungen an Spitzenpolitiker sind übermenschlich

Heute ist ein anderer Politiker-Typus gefragt. Die Anforderungen an Spitzenpolitiker sind übermenschlich, Menschlichkeit ist deshalb nicht mehr das entscheidende Kriterium. Die Beliebtheit von Politikern wie Stephan Weil, Frank-Walter Steinmeier und auch Angela Merkel zeigt, dass es der Wähler goutiert, wenn sich Regierungsvertreter auch in schwierigen Situationen im Griff haben.

Als Angela Merkel im vergangenen Jahr die Flüchtlingsunterkunft im sächsischen Heidenau besucht hat, beschimpfte eine Frau im Mob sie als „blöde Schlampe“. Wie die Kanzlerin darauf reagiert hat? Gar nicht.

Von dpa

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