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Wusterhausen lebt Integration

Oma Schmidt und ihre Jungs Wusterhausen lebt Integration

In der 2700-Einwohner-Stadt Wusterhausen/Dosse leben derzeit 90 Flüchtlinge, bis zum Jahresende sollen es 250 sein. In der Kommune in Ostprignitz-Ruppin gibt es Bedenken – aber auch sehr viele Engagierte. Ein Ortsbesuch.

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Deutschstunde mit Hannelore Schmidt: Die Rentnerin aus Wusterhausen kümmert sich ehrenamtlich um die eritreischen Flüchtlinge Bein Belay, Kiros Tadese und Mubtemaryam Araya (v.l.), die im benachbarten Heim leben.

Quelle: Fotos: Julian Stähle

Wusterhausen. Hannelore Schmidt ist selbst ein Flüchtling. Als Neunjährige floh sie mit ihrer Mutter und drei jüngeren Geschwistern aus Breslau nach Naumburg. „Für viele Menschen dort waren wir Luft“, sagt die Rentnerin. 70 Jahre später sitzt sie mit drei Eritreern auf der Hollywoodschaukel ihres Gartens in Wusterhausen/Dosse (Ostprignitz-Ruppin) und übt mit ihnen Deutsch.

Zwei Mal pro Woche kommen die jungen Männer um die 30 zu „Oma Schmidt“, wie sie die 79-Jährige nennen. Seit Januar leben sie im Flüchtlingsheim in derselben Straße. „Alle Helfer rissen sich um die Familien mit Kindern“, sagt Hannelore Schmidt, die selbst zwei Kinder, drei Enkel und zwei Urenkel hat. Um die alleinreisenden Männer aus Eritrea wollte sich keiner kümmern. „Nun“, sagt sie mit einem Strahlen im Gesicht, „sind es meine Jungs“.

Nicht alle im Ort sind so aufgeschlossen. „Die klauen unsere Autos.“ Solche Sätze höre man auch, sagt Hannelore Schmidt. „Das sind prima Kerle“, betont sie dann mit Nachdruck, selbst noch im Ohr, wie sie vor Jahrzehnten beschimpft wurde: Als „Lumpenpack“ habe man sie betitelt, nachdem sie ohne Vater, ohne Geld, die lebensgefährliche Flucht aus ihrer Heimat überstanden habe.

Die meisten Wusterhausener haben diese Erfahrung nicht gemacht. „Vielen hatten bis Januar noch nie einen Afrikaner gesehen“, sagt Bürgermeister Roman Blank (42, parteilos). Bis zur Eröffnung der Gemeinschaftsunterkunft im ehemaligen Mutter-Kind-Kurheim gab es in Wusterhausen kaum Ausländer. Nur eine kurdische Familie und Son Hoang, der als Gastarbeiter aus Vietnam in die DDR kam und vor zehn Jahren von Berlin nach Wusterhausen zog, um am Marktplatz mit seinen schmucken Fachwerkhäusern einen Asia-Shop mit Kittelschürzen und Winkekatzen zu eröffnen, in dem nun auch Flüchtlinge einkaufen. Das Straßenbild ist bunter geworden in Wusterhausen. Wie in vielen Orten Brandenburgs.

Ein Mutter-Kind-Heim wurde zur Flüchtlingsunterkunft

Das Übergangswohnheim in der Seestraße liegt nicht im Ortskern, sondern knapp zehn Minuten Fußweg außerhalb in einem Wohngebiet mit Einfamilienhäusern und Badesteg am See. Lehrerin Hannelore Schmidt hat früher im Kurheim Kinder in Deutsch unterrichtet. Das Gebäude stand länger leer, ein privater Investor übernahm es und vermietet es nun an den Kreis Ostprignitz-Ruppin als Flüchtlingsunterkunft. Täglich wandert seitdem eine kleine Prozession von der Innenstadt Richtung See. Flüchtlinge mit Supermarkttüten, allein oder in kleinen Gruppen. Dann wieder eine einheimische Mutter mit Kinderwagen. Die Mark als Meltingpot.

Insgesamt 90 Flüchtlinge, überwiegend Familien mit kleinen Kindern, leben bislang in Wusterhausen. Sie kommen aus Pakistan, Afghanistan, Eritrea, dem Libanon, Iran oder Kamerun. Im Ort hört man öfter, es gebe viele Serben hier, deren Asylantrag gar keine Chance auf Erfolg habe. Heimleiterin Ina Gohlke zeigt die jüngste Zuweisungsliste, die sie von der Erstaufnahmestelle in Eisenhüttenstadt (Oder-Spree) bekommen hat: keine Serben darunter. Es ist wie stille Post. Einer setzt ein Gerücht in die Welt, der andere schnappt es auf und trägt es weiter. Aber das sei die Ausnahme, betont die Heimleiterin. „Wir sind ein offenes Haus“, erklärt sie. Die Wusterhausener seien jederzeit eingeladen, vorbeizukommen und sich selbst ein Bild zu machen. Das hätten auch sehr viele getan.

Wusterhausen will helfen. Das führt dann mitunter zu grotesken Konstellationen. Als die ersten Flüchtlinge ankamen, gab es plötzlich zu viele Ehrenamtler für zu wenige Flüchtlinge. Nicht jeder, der helfen wollte, konnte es. Bis Jahresende sollen nun weitere 160 Asylbewerber nach Wusterhausen ziehen. Genug Hilfesuchende für die Freiwilligen. Aber 250 Flüchtlinge in einer 2700-Einwohner-Stadt – das halten viele im Ort dann doch für zu viel.

„Es gab ein Überangebot an Helfern. Das führte zu Frustration. Viele haben sich zurückgezogen“, erklärt Pauline Burnouf. Sie sitzt im Erdgeschoss des Rathauses in einem kleinen Zimmer, eine Weihnachtstasse auf dem Fensterbrett. Die 28-jährige Französin stammt aus der Normandie, lebt in Berlin und arbeitet in Potsdam beim Fachberatungsdienst Zuwanderung, Integration und Toleranz (Fazit). Für das vom Bund geförderte Modellprojekt „Gemeinschaftsunterkunft trifft Gemeinde“ ist sie die Ansprechpartnerin in Wusterhausen und einmal pro Woche vor Ort. Sie soll helfen, die Ehrenamtler zu vernetzen, die Hilfe zu kanalisieren. Es sei schon einiges passiert, erklärt Burnouf. Im Heim wurde von Frauen aus dem Ort ein Spielzimmer eingerichtet. Der Fußballverein und die Schwimm AG haben Migranten als Mitglieder aufgenommen. Seit Juli wird im Stadtzentrum eine Ausstellung der Vereinigung „Pro Asyl“ gezeigt.

Aber es gibt ein Aber. Das einzige Mitglied der Alternative für Deutschland (AfD) in der Gemeindevertretung, Torsten Stürmer, hatte im Herbst eine Unterschriftenaktion initiiert. Ziel: eine befristete Laufzeit für das Heim und eine maximale Belegungszahl. Dagegen verwahrte sich Wusterhausens Pfarrer Alexander Bothe. Die Aktion bediene „fremdenfeindliche Ressentiments“, kritisierte er.

Drei auswärtige Neonazis demonstrierten beim Sportplatz

Zu gravierenden Vorfällen sei es bislang aber nicht gekommen, sagt Bürgermeister Blank, der aus Berlin zugezogen ist. Drei auswärtige Neonazis haben beim Sportplatz außerhalb der Sichtweite der Asylbewerber Transparente ausgerollt. „Wir haben sofort die Polizei verständigt“, sagt Blank. Das Trüppchen trollte sich. Dann gebe es ab und zu Einträge auf der Facebook-Seite „Leben in Wusterhausen“, die auf eine ausländerfeindliche Gesinnung schließen ließen. Als jemand von einem „heißen Herbst“ schrieb, der Wusterhausen bevorstehe, habe er den Staatsschutz informiert, erzählt Blank. Der Fall entpuppte sich dann aber als harmlos.

Aber: Im März haben die Gemeindevertreter die Erweiterung des Heims abgelehnt. Einstimmig. Durch alle Fraktionen. „Die Integration von fremden Menschen in rauen Mengen“ überfordere die Kleinstadt womöglich, gibt Bürgermeister Blank die Stimmung wieder. Manche fürchteten ein „Klein-Neukölln“. Es dürfe keine Parallelwelt am See entstehen, zumal Wusterhausen wie viele Orte in der Peripherie eigene soziale Probleme habe: Viele ziehen weg, die Arbeitslosigkeit liegt bei zehn Prozent. Am Marktplatz merkt man der Kleinstadt ihre Probleme nicht an. Es gibt viele Geschäfte. Fleischer, Friseur, Fernsehgeschäft, Raumausstatter, Restaurant, Tattoostudio und sogar ein Kino. Doch in der Grundschule, die einen Sozialarbeiter hat, sei man gut damit beschäftigt, Bildungslücken der einheimischen Kinder zu schließen, sagt Blank.

Die EU, der Bund, das Bundesland, der Kreis, die Kommune. Eine Kette von Zuständigkeiten. Und am Ende, sagt Bürgermeister Blank weiter, „ist der Bürgerkrieg in Syrien plötzlich vor unserer Haustür.“ Nur mit bürgerschaftlichem Engagement alleine, ohne Hilfe von Kreis und Land, meint er, sei die Integration kaum zu schaffen. Dabei könnten die Flüchtlinge eine große Chance für den Ort sein, meint der Stadtchef. „Stichwort Fachkräftemangel“, sagt der 42-Jährige. Zur gesamten Gemeinde mit Ortsteilen zählen 6000 Einwohner. 40 Kinder werden im Schnitt pro Jahr geboren. Darauf kommen 80 Todesfälle.

Die Gemeinde schlug vor, das alte Schulhaus herzurichten und lieber dort weitere Flüchtlinge aufzunehmen. Die Schule sei zentraler gelegen als das Heim am See, biete Platz für ein Begegnungszentrum. Für Integration also. Der Landkreis lehnte das als unwirtschaftlich ab und beschloss, die Kapazität im Heim zu erweitern. „Dabei wurde uns vorher zugesichert, dass unser Votum berücksichtigt werde“, sagt Blank, der sich übergangen fühlt. Im Ort schimpft deshalb niemand auf die Flüchtlinge, sondern allenfalls auf Landrat Ralf Reinhardt (SPD). Das hat eine besondere Note, weil Reinhardt bis zu seiner Wahl zum Kreischef vor fünf Jahren Bürgermeister von Wusterhausen war. Inzwischen wohnt er nicht mehr im Ort.

Der Landkreis will keine Zelte aufstellen müssen

Reinhardts zuständige Sozialdezernatsleiterin Waltraud Kuhne kennt die Gemengelage in Wusterhausen gut. „Wir möchten nichts gegen den Willen der Gemeinde unternehmen“, erklärt sie, aber der Kreis habe gar keine andere Wahl gehabt. „Die Menschen stehen vor unserer Tür und wir müssen handeln“, erklärt sie. Mehr als 630 Flüchtlinge muss der Kreis in diesem Jahr unterbringen. Ab Oktober, erklärt Kuhne weiter, gebe es „ein Riesenproblem“. Die bisherigen Kapazitäten sind dann erschöpft. „Wir möchten keine Zelte aufbauen oder Turnhallen nutzen“, sagt sie. Das ehemalige Kurheim mit seinem weitläufigen Gelände lasse sich in kurzer Zeit ausbauen. „Da haben wir zugegriffen“, sagt Kuhne. Es gebe noch andere Beispiele aus dem Kreis: Im 400-Einwohner-Dörfchen Lentzke leben rund 70 Flüchtlinge. „Da gibt es auch keine Probleme“, sagt die Dezernatschefin. Bis auf jenes, dass die märkische Provinz für viele Flüchtlinge eine extreme Umstellung ist. „Viele kommen aus Großstädten wie Damaskus“, erklärt Heimleiterin Ina Gohlke. Aber auch sie sagt: „Das Miteinander in Wusterhausen klappt sehr gut.“

Hannelore Schmidt klopft mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte. „Was ist das?“, fragt sie in die Runde. Deutschstunde. „Tisch“, sagt Kiros Tadese. Das ist nicht viel nach einem halben Jahr in Wusterhausen. Aber es ist ein Anfang. Es ist das, was von Politikern gerne als „Willkommenskultur“ bezeichnet wird. Der Neu-Wusterhausener Bein Belay sagt es so: „Gute Frau, Oma Schmidt.“

Von Marion Kaufmann

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