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Zahl der Wolfsrisse steigt dramatisch

Tierhalter in Angst Zahl der Wolfsrisse steigt dramatisch

Selbst unter Strom stehende Zäune halten den Wolf nicht ab – 2017 ist die Zahl der Wolfsrisse ist dramatisch gestiegen. Tierhalter können die Verluste kaum ausgleichen. Entschädigungen werden erst nach einem aufwendigen Verfahren gezahlt. Unter den Landwirten wächst die Wut, wir haben uns umgehört.

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Manfred Matthies hat sich zu einem drastischen Schritt entschieden: wegen der zunehmenden Wolfsrisse gibt er seine Rinderzucht auf.

Quelle: Silvia Zimmermann

Potsdam. Das Kälbchen ist noch so klein, dass sein Körper zusammengerollt in eine Schubkarre passt – oder besser gesagt: das, was von dem jungen Angus-Rind übrig ist. Wölfe haben das Jungtier am vergangenen Wochenende mutmaßlich gerissen. Die Flanke des dunkelbraunen Tiers ist bis auf den Rippenbogen weggefressen. Züchter Manfred Matthies streicht mit der Hand über die Wange seines toten Schützlings, die noch feucht ist vom geronnenen Blut. Es ist genug, sagt Matthies. Nach 25 Jahren Rinderzucht gibt Boecke bei Ziesar (Potsdam-Mittelmark) auf. „Seit November 2017 haben wir sieben Kälber durch Wolfsrisse verloren“, berichtet Matthies. Die Verluste seien nicht mehr zu tragen. Wenig später holt der Abdecker den Kadaver.

Die Zahl der von Wölfen gerissenen Nutztiere ist im Jahr 2017 dramatisch angestiegen in Brandenburg. Laut einer am Donnerstag auf der Webseite des Landesamts für Umwelt veröffentlichten Statistik hat sich die Anzahl der getöteten Kälber von 26 auf 47 fast verdoppelt, die der gerissenen Schafe ist von 185 im Jahr 2016 auf 316 in die Höhe geschnellt. Nahezu doppelt so hoch wie im Vorjahr fällt auch die Summe aus, die das Umweltamt als Entschädigung an die betroffenen Tierhalter auszahlte: 86.000 Euro überwies das Land – 2016 waren es noch 45.000 Euro.

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Diese Bilder zeigen, wie dramatisch die Lage ist – 2017 hat sich die Zahl der Wolfrisse nahezu verdoppelt. Besonders Landwirte leiden darunter. Entschädigungen werden erst nach einem aufwendigen Verfahren gezahlt.

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Schafe besonders betroffen

Ausgerechnet die Weidetierhalter trifft es hart. Dabei sind sie es, die eigentlich besonderen Schutz verdienen. Ihre extensive Form der Land-Bewirtschaftung ist das genaue Gegenbild zu den Großställen der industriellen Viehzucht, Mutterkuhherden sind die artgerechteste Form der Rinderhaltung. Angus- und Charolais-Rinder gelten als die besten Fleischlieferanten, Feinschmecker schnalzen mit der Zunge, wenn eines der dunklen, schön marmorierten Steaks auf ihrem Teller landet.

Schafherden wiederum sehen nicht nur malerisch aus, sie pflegen als natürliche Rasenmäher auch die Landschaft. Doch wer unter freiem Himmel grasen darf, lebt gefährlich, besonders nachts.

In welchem Maß die Beutezüge der Raubtiere alle bisherigen Dimensionen sprengen, zeigt eine Analyse der vergangenen elf Jahre. Von allen seit Anfang 2007 registrierten Schafsrissen fällt ein Drittel ins Jahr 2017, bei den Kälbern sogar die Hälfte aller Fälle desselben Zeitraums. 2015 wurde erstmals ein Ponyfohlen mutmaßlich von Wölfen getötet, im März 2017 musste ein zweites Mal ein Jungpferd dran glauben.

Auch elektrische Zäune halten den Wolf nicht ab

Besonders schlimm wüten die Wölfe unter den Schafen. Schäfer Dirk Hoffmann aus Märkisch Wilmersdorf (Teltow-Fläming) hat in den vergangenen Monaten nach eigenen Angaben mehr als 90 Tiere durch Wolfsangriffe verloren. Das ist ein Sechstel seiner Herde. Bis zu 30 Schafe holten die Raubtiere in einer Nacht. Mit elektrischen Zäunen hatte er vergeblich versucht, seine Herde zu schützen – die Wölfe sprangen einfach drüber. Höhere, fest eingegrabene Zäune, wie sie das Land empfiehlt, seien nicht praktikabel, sagt der Schäfer. So zieht die Herde regelmäßig über Wiesen, die Hoffmann gar nicht gehören. Außerdem sind die Wolfs-Zäune sehr teuer. „Kommen sie in diesem Jahr noch mal, höre ich auf“, sagt der 63-Jährige.

Die Zahlen seien nur „die Spitze des Eisbergs“, sagt der Geschäftsführer des Brandenburger Bauernbunds, Reinhard Jung. Viele Tierhalter meldeten wolfsbedingte Todesfälle gar nicht, weil die Verfahren zu bürokratisch seien.

Jung sieht wenig Hoffnung, dass die Beutezüge der Raubtiere demnächst wieder weniger Nutztiere das Leben kosten werden. „Wie sollen es weniger Fälle werden, wenn die Zahl der Wölfe steigt? Das geht gar nicht“, so Jung, der selbst eine kleine Mutterkuhherde hält. Die Vereinigung der bäuerlichen Familienbetriebe verlangt den Abschuss von Wölfen in Gebieten, wo Menschen wohnen oder Weidetiere stehen. In der vergangenen Woche hat die Organisation eine Unterschriftenaktion zur Einrichtung wolfsfreier Zonen gestartet. 4000 Menschen haben seither unterschrieben.

In Brandenburg leben bundesweit die meisten Wölfe

Nach seiner Ausrottung im 19. Jahrhundert ist der Wolf seit 2000 wieder in Deutschland ansässig. In Brandenburg leben die bundesweit meisten Tiere, danach kommt Sachsen.

Die ersten Weidetiere , die dem Räuber nach seiner Wiederansiedlung in Brandenburg zum Opfer fielen, waren 2007 vier Schafe.

Die zur Jahreswende in Kraft getretene Wolfsverordnung versucht, den Schutz des nach EU-Recht als bedroht eingeschätzten Wolfs mit den Interessen von Viehhaltern zu verbinden. Das Regelwerk räumt erstmals die Möglichkeit ein, dass Viehhalter die „Entnahme“ – also im Zweifel den Abschuss – von Wölfen beantragen können, wenn diese sich an ihren Herden vergreifen.

Als extrem bürokratisch kritisieren Viehhalter die Regelungen. So muss ein Geschädigter nachweisen, dass ein und derselbe Wolf (oder dasselbe Rudel) mindestens zweimal seine Herde angegriffen hat, ehe ein Abschuss infrage kommt.

Vor einer Abschusserlaubnis – durch eine spezielle Fachkraft – muss ein Viehhalter belegen, dass er besondere Zäune um seine Herde gezogen hatte, um die Nutztiere zu schützen.

Land reagiert zurückhaltend

Die Landesregierung hat vorsichtig auf die Hilferufe der Tierhalter reagiert – immerhin steht der Wolf als bedrohte Art unter Naturschutz. Seit Jahreswende ist die neue Wolfsverordnung in Kraft, die den Abschuss von Problemwölfen in bestimmten Konstellationen erlaubt – etwa wenn ein Tier mehrfach dieselbe Herde angreift. Viel zu bürokratisch, entgegnen die Bauern. Dennoch: Der erste Landwirt hat jetzt den Abschuss eines ganzen Rudels in der Nähe von Beelitz (Potsdam-Mittelmark) beim Umweltamt beantragt – es wird die Bewährungsprobe für das neue Regelwerk. Laut Landesamt für Umwelt leben 22 Rudel und drei Paare im Land – das könnten etwa 150 Tiere sein. 13 wurden seit 1990 illegal geschossen.

Mancher Landwirt geht ungewohnte Wege, um seine Herden zu schützen. Marco Hintze aus Krielow (Potsdam-Mittelmark), der zwei Kälber an Wölfe verlor, hat sich eine Eselsfamilie zugelegt. Denn Esel haben keine Angst, sind störrisch, treten um sich und schreien laut, wenn sie sich aufregen. Seit er die tierischen Alarmanlagen nachts zu seinen 200 weißen Charolais-Rindern auf die Weide stellt, hat Hintze keine Wolfsrisse mehr zu beklagen. Eine hundertprozentige Sicherheit allerdings bieten die grauen Wächter nicht. „Es gibt auch Berichte, wonach Esel gerissen wurden“, sagt Bauer Hintze.

Von Ulrich Wangemann

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