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Brandenburg Zehntausende Schaulustige hofften auf eine bessere Zukunft
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20:29 19.03.2013
POTSDAM

Wie Gewehrfeuer! Als ob er im Geräusch des Windes bereits den kommenden Weltkrieg gehört hätte.

Vorbereitungen Schon Tage zuvor hat die Reichswehr Tribünen gebaut. Pflasterer sind vor der Garnisonkirche zugange, Sand wird gestreut. Überall winden sich geheimnisvolle Kabel für Feuerwehr, Polizei, Rundfunk, Film, Post und Beleuchtung. Der Postkartenverkäufer wird vertrieben und zieht seinen Karren anderswohin.

Agnes Schmitz war 14 Jahre alt und schlenderte mit ihren Brüdern an der Kirche vorbei. „Da öffnete sich die Tür und heraus trat ein Mann ohne jegliche Begleitung“, berichtet sie später. „Einer meiner Brüder rief: Mensch, das war doch Goebbels! Tatsächlich. Er drehte sich um, wir drehten uns um und wir sahen uns alle einen Augenblick wie gebannt an. Das war das einzige Mal, dass ich Goebbels leibhaftig vor mir sah.“

Das große Gedränge Morgens um sechs Uhr sind die Straßenbahnen schon überfüllt. Im Lustgarten stecken die Musiker im frischen Wind ihre Hände unter die Achseln, um sie zu wärmen. Dann hebt der Obermusikmeister den Taktstock und das Platzkonzert beginnt.

Auch auf dem Alten Markt drängen sich Schaulustige, um gute Plätze zu sichern. Die Polizei bildet Absperrketten. Alle Potsdamer Schulen marschieren auf, Krieger- und Militärvereine, nationalsozialistische Organisationen wie SA, SS und Hitlerjugend, aber auch Pfadfinder und Altersheime. Dann verbirgt sich die Sonne und es beginnt zu schneien.

Agnes Schmitz: „An meiner Schule, der Charlottenschule, begann der Tag mit einer Feierstunde. Ich war auserwählt worden, ein Gedicht aufzusagen. Doch daraus wurde nichts. Die Begründung lautete wohl: Du bist ja nicht Mitglied des Bundes Deutscher Mädel! Danach zogen alle Schüler in die festlich geschmückte Breite Straße. Wie bildeten Spalier und warteten voller Spannung auf Hitler und auf Hindenburg.“

Um 10 Uhr läuten die Glocken von St. Nikolai. Autos fahren vor. „Dann fängt das große Rätselraten an, wer ist dies, wer ist das“, schreibt der Potsdamer Autor Hans Hupfold. „Viele Gesichter erkennt man nach den Abbildungen, bei unbekannten ist doch immer ein Eingeweihter, der sagen kann, wer es ist.“ Der Druck der Menge wächst. „Man müsste Schuhnummer 50 haben, um fest stehen zu können“, klagt ein Polizist.

Dann kommt das Auto von Reichspräsident Hindenburg. Die Jubelrufe nehmen kein Ende. Die Tochter von Pfarrer Friedrich Lahr überreicht einen Maiglöckchenstrauß.

Gottesdienst in St. Nikolai In der Kirche St. Nikolai predigt der evangelische Generalsuperintendent Otto Dibelius. Damals hat die Verfolgung von Kommunisten und Sozialdemokraten bereits begonnen. Dibelius sagte: „Wenn es um Leben und um Sterben der Nation geht, dann muss die staatliche Macht kraftvoll und durchgreifend eingesetzt werden, es sei nach außen oder nach innen.“ Und weiter: „Wir wollen wieder Deutsche sein!“

Später schließt sich Dibelius der Bekennenden Kirche an. Nach dem Krieg ist er Mitverfasser des sogenannten Stuttgarter Schuldbekenntnisses: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Länder und Völker gebracht worden. Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Parallel zum Gottesdienst in St. Nikolai findet eine katholische Feier in der St. Peter und Pauls-Kirche statt.

Reichspräsident Hindenburg besichtigt Sanssouci Zwischen den beiden Kirchen stehen die Menschen wie eine Mauer. Ältere Damen haben sich Klappstühle mitgebracht, andere klettern auf Bäume. Endlich bricht die Sonne durch. Hindenburg erscheint und besichtigt vom Auto aus Park Sanssouci. Voraus ein Motorradfahrer mit weißer Standarte, dahinter der Wagen des Polizeipräsidenten. Aber wann kommt der Reichskanzler? Agnes Schmitz: „Als sie endlich kamen, erkannte ich Hitler in seinem schwarzen Gehrock. Die Stimmung war überwältigend, schienen doch alle Potsdamer überzeugt, dass sich nun alles zum Besseren wenden würde.“ Wilhelm Stintzing war damals 19 Jahre alt und hatte am Tag zuvor seine Reifeprüfung abgelegt. Angesichts der drückend hohen Arbeitslosigkeit und des Parteiengezänks in der Weimarer Republik, sagt er heute, war es „für die meisten Potsdamer ein Tag der Freude“.

Festakt in der Garnisonkirche Hindenburg hält in der Garnisonkirche eine klare, sachliche Rede. „Auf innen- und außenpolitischem Gebiete, in der eigenen Volkswirtschaft wie in der Welt sind schwere Fragen zu lösen und bedeutsame Entschließungen zu fassen“, sagt er.

Es folgt der neue Reichskanzler. Hitler lässt an diesem Tag seine aggressiven Tiraden aus „Mein Kampf“ zuhause und versucht, konsensfähig zu erscheinen. Er spricht viel, aber diffus von der „Nationalen Erhebung“, der „Vermählung von alter Größe und junger Kraft“, von „innerer Stärke“ und „Erneuerung“. Am Ende würdigt er Hindenburg: „In unserer Mitte befindet sich heute ein greises Haupt. Wir erheben uns vor Ihnen!“ Der alte Reichspräsident ist merklich gerührt und gibt Hitler die Hand. Danach legt er Kränze in der Gruft der preußischen Könige nieder.

Große Parade An den Tribünen mit Reichsregierung, Mitgliedern des Diplomatischen Corps und des Reichstags marschieren Potsdamer Einheiten der Reichswehr vorbei. Es folgen Polizei, SA, der Wehrverband Stahlhelm, Kriegervereine.

Feuerwerk und FackelzugAm Abend kommen am Potsdamer Luftschiffhafen erneut 30 000 Menschen zusammen. Oberbürgermeister Arno Rauscher triumphiert: „Wir Potsdamer haben an der Wiege des neuen Deutschland Pate gestanden“ – ein Satz, der noch über Jahrzehnte wie eine schwere Last auf der Stadt liegen soll. Anschließend gibt es ein prächtiges Feuerwerk. 3000 Fackelträger marschieren über Zeppelin- und Brandenburger Straße zum Bassinplatz. Dann ist der Tag von Potsdam vorbei. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. (Von Jens Längert und Klaus Stark)

Mit Unterstützung von: Hans Hupfeld (Hrsg.): Reichstags-Eröffnungsfeier in Potsdam; Kurt Baller, Marlies Reinholz: Potsdam zwischen 1933 und 1939, Band 1 – 1933.

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