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Zigarettenschmuggler immer einfallsreicher

Brandenburg ist Einfallstor des internationalen Schwarzhandels Zigarettenschmuggler immer einfallsreicher

Auf Brandenburgs Straßen vergeht kaum ein Tag, ohne dass dem Zoll Zigarettenschmuggler ins Netz gehen. Obwohl immer weniger geraucht wird, ist die Nachfrage auf den Schwarzmärkten ungebrochen. Brandenburg ist das Einfallstor für illegalen Nachschub aus Osteuropa.

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Millionen unversteuerter Zigaretten werden Jahr für Jahr nach Deutschland geschmuggelt.

Quelle: Johann Müller

Berlin/Potsdam. Die brisante Fracht verbirgt sich hinter verdreckter Hartplastik und rostigem Blech. Die Zöllner staunen nicht schlecht, als sie die Stoßstange des polnischen Transporters abschrauben. Das verdächtige Fahrzeug, das die Beamten Anfang Mai auf der Autobahn 15 an der Abfahrt Roggosen (Spree-Neiße) zu einer Routinekontrolle stoppen, hat einen doppelten Ladeboden. Die Ware: 70.000 Schmuggelzigaretten, die unentdeckt einen Steuerschaden in Höhe von 41.600 Euro angerichtet hätten.

Millionenfunde in Berlin und Brandenburg

Auf Brandenburgs Straßen ist das Alltag. Die Mark ist das zentrale Einfallstor für Zigarettenschmuggler aus Osteuropa, die den Berliner oder andere Schwarzmärkte im In- und Ausland bedienen. Im Wochenrhythmus wiederholen sich die Erfolgsmeldungen der Fahnder, die immer wieder auf Zehntausende unverzollter Zigaretten auf einen Schlag entdecken. 2014 beschlagnahmte der Zoll davon allein in Berlin und Brandenburg 1,44 Millionen – ein Plus von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Wie viele Schmuggeltouren unentdeckt bleiben, ist ungewiss. Sicher ist allein: Die Dunkelziffer ist hoch.

Zwei von drei Zigaretten im Grenzraum werden nicht versteuert


1,44 Millionen unversteuerter Zigaretten beschlagnahmte der Zoll 2014 allein in Berlin und Brandenburg – ein Plus von elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Bundesweit waren es 140 Millionen.

Jede fünfte Zigarette wird nach Schätzungen der Industrie in Deutschland nicht versteuert. Schwerpunkt ist Ostdeutschland, wo sich der Anteil bei mehr als 40 Prozent bewegt. Im Grenzraum zu Polen sollen es bis zu 60 Prozent sein.

Bei der Schmuggelware handelt es sich einerseits um handelsübliche Zigaretten, die unversteuert und damit illegal verkauft werden. Andererseits bringen Kriminelle aber auch Fälschungen auf den Markt, die mitunter unter schlechten hygienischen Bedingungen hergestellt wurden und damit umso gesundheitsgefährdender sind.

Obwohl die Zahl der Raucher hierzulande Jahr für Jahr zurückgeht, boomt das illegale Geschäft. Mitmischen wollen viele: vom Gelegenheitstäter über kriminelle Banden bis zur organisierten Kriminalität, die es bei Struktur und Aktionsradius längst mit globalen Konzernen aufnehmen kann. „Der Schmuggel ist ungebrochen stark“, sagt Claudia Bandelow vom Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg, das für mittlere, schwere und organisierte Kriminalität zuständig ist. „Allerdings ändern die Schmuggler regelmäßig ihre Taktik.“

Autositze aus Zigarettenstangen

Die Fahnder klassifizieren die Täter je nach Umfang der illegal gehandelten Mengen. Unter den kleinen Schmuggel zählen Fälle wie das Eingangsbeispiel. Mal sind es 50.000, mal 200.000 Zigaretten, die den Weg über die Grenze finden sollen, zumeist in Pkws und Kleintransportern aus Osteuropa. Die Ware ist mehr oder minder gut versteckt: unterhalb der Ladefläche oder hinter der Verkleidung der Seitentüren. In manchen Fällen haben die Schmuggler aber auch schon ganze Sitzreihen demontiert, um diese täuschend echt aus Zigarettenstangen nachzubauen, erzählt Bandelow. „Häufig nutzen die Täter gestohlene oder gefälschte Kennzeichen.“ Glückt der Schmuggel, wird die Ware in abgelegenen Hallen, anonymen Mietdepots oder in Wohnungen von Geringverdienern eingelagert, die dafür oft gezielt angeworben werden.

Seltener, aber umso schwerwiegender ist der Schmuggel in bis zum Rand mit illegalen Zigaretten gefüllten 40-Tonnern. Mitunter fallen den Fahndern Millionenmengen in die Hände – wie im Januar 2014, als der Zoll auf der Autobahn 24 kurz nach der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern einen polnischen Laster mit 13,5 Millionen Schmuggelzigaretten stoppte, die womöglich für den britischen Schwarzmarkt bestimmt waren. Der Fahndungserfolg bewahrte den Staat vor einem Steuerschaden in Höhe von 3,4 Millionen Euro.

Rückläufiger Konsum, sprudelnde Steuereinnahmen

Die Nachfrage nach Zigaretten ist in Deutschland seit Jahren rückläufig. Wurden 1991 laut Statistischem Bundesamt noch 146,5 Milliarden Zigaretten versteuert, waren es im vergangenen Jahr 79,5 Milliarden. Der Markt ist seit der Wende also nahezu um die Hälfte geschrumpft.

Die Steuereinnahmen sind dagegen stabil. 2014 nahm der Staat laut Statistischem Bundesamt 12,3 Milliarden Euro ein, 100 Millionen mehr als im Vorjahr. Hintergrund ist die kontinuierliche Anhebung der Tabaksteuer.


3,90 Euro kassiert der Fiskus laut Deutschem Zigarettenverband (DZV) mittlerweile an Steuern pro Schachtel im Hochpreissegment. Das entspricht gut 72 Prozent des Packungspreises von 5,40 Euro. 2004 kostete eine Schachtel mit 19 Zigaretten noch 4,00 Euro, zwei Jahre zuvor 3,00 Euro.

200 Millionen Zigaretten für den europäischen Schwarzmarkt

Länger als ein Jahr dauerte es dagegen, einem international operierenden Schmugglerring auf die Spur zu kommen und das Handwerk zu legen. Im Rahmen der Operation „Bridge“, bei der neben dem Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg, der Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) weitere deutsche und italienische Ermittler sowie Europol beteiligt waren, zerschlugen die Behörden Ende 2014 ein komplexes kriminelles Firmengeflecht, dessen verworrene Handelswege von Italien über Deutschland bis ins Baltikum und die Türkei reichten.

Das Netzwerk fingierte Lieferungen der italienischen Marke „Yesmoke“ ins Nicht-EU-Ausland, um die Ware tatsächlich auf den europäischen Schwarzmärkten in Umlauf zu bringen. Sogar die Fabrik in Turin sei Bestandteil des aufgedeckten kriminellen Netzwerkes gewesen, vermerkten die Fahnder. Abgehörte Telefonate brachte die Fahnder zu dem Schluss, dass während der 13-monatigen Ermittlungen 200 Millionen Zigaretten geschmuggelt wurden. 30 Millionen konnten die Ermittler in Deutschland beschlagnahmen.

Hintermänner bleiben im Dunkeln

Allzu oft aber bleiben die Strippenzieher, die mit dem kriminellen Handel das große Geld verdienen, unbehelligt – auch weil sie seit dem Fall der Zollschranken zusehends international agieren und verstärkt auf ausgeklügelte Netzwerke setzen. „Die Verfahren werden immer komplexer und die Strukturen im Hintergrund vielschichtiger“, erklärt Claudia Bandelow. An die Hintermänner zu kommen, sei eben weitaus schwieriger als einzelnen Schwarzmarkthändlern an den gut 300 bekannten Verkaufsplätzen an den Berliner Bahnhöfen und Supermärkten das Handwerk zu legen. Bricht ein Verkäufer weg, füllt schnell ein anderer die Lücke.

Auf den Straßen geben die Schmuggler unterdessen weiter Gas. Keiner der vielen kleinen Kriminellen lässt sich gern vom Zoll ertappen. Besonders in diesem Jahr komme es bei Fluchtversuchen immer wieder zu Verkehrsunfällen, gerade im Raum Frankfurt (Oder), berichtet Bandelow. „Die Aggressivität der Schmuggler nimmt spürbar zu.“

Brandenburg ist Raucherland

Jeder sechste Zehntklässler in Brandenburg greift täglich zur Zigarette. Bei den Erwachsenen liegt der Anteil der Raucher laut märkischen Gesundheitsministerium bei etwa einem Fünftel. Im Bundesvergleich rauchen in Brandenburg überdurchschnittlich viele der 18- bis 45-Jährigen.

9000 Brandenburger müssen jährlich mit Lungen- und Bronchialkrebs, in der Regel auf jahrzehntelangen Tabakkonsum zurückzuführen, behandelt werden. Bundesweit werden jährlich mehr als 100.000 Todesfälle geschätzt, in Brandenburg etwa 4000. Männer sterben dabei deutlich häufiger als Frauen.

Seit dem Schuljahr 2004/2005 führt die Landessuchtkonferenz regelmäßig Befragungen unter Schülern der 10. Klassen zum Thema rauchen durch. Die Zahl der jugendlichen Raucher hat seither kontinuierlich abgenommen. Zwischen der Befragung von 2008/2009 und der von 2012/2013 sank sie allein um 13 Prozentpunkte in der Uckermark und um 11 Prozentpunkte in Oberhavel. Das Einstiegsalter hingegen veränderte sich nur unwesentlich von 13,1 auf 13,3 Jahre.

Von Bastian Pauly

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