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Zuhause bei Frank-Walter Steinmeier

Das Refugium eines Weltpolitikers Zuhause bei Frank-Walter Steinmeier

Ein US-amerikanisches Sprichwort sagt: „All politics is local“ (Jede Politik ist lokal verwurzelt). Frank-Walter Steinmeier hat das verinnerlicht und Wahlkreispflege wie aus dem Lehrbuch betrieben. Ein Besuch im Brandenburger Ortsteil Saaringen, wo der neue Bundespräsident seit 2008 einen Zweitwohnsitz hat.

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Frank-Walter Steinmeier vor seinem Saaringer Refugium.

Quelle: Thomas Koehler/photothek.net

Saaringen. Das wahre Ortsschild von Saaringen ist ein Sackgassen-Zeichen. Wer den Asphaltweg über die Felder nimmt, auf einen Reiterhof mit seinen Schimmeln zufährt, kann kein Durchreisender sein. An der Havel ist Schluss. Auf den Äckern um das 70-Seelen-Dörfchen östlich von Brandenburg an der Havel haben sich Graugänse niedergelassen, ein Bussard wartet auf einem Alleebaum, dass eines der fetten Tiere an der Krume festfriert. Eine Stromleitung auf Holzmasten verbindet den Weiler mit der Außenwelt – ein Bild wie aus den 50er-Jahren. Saaringen ist das Ende der Straße.

Am Ende der Straße fließt die Havel – unter Steinmeiers Dachterrasse

Ein paarmal im Monat heizen schwarze Limousinen über den Asphaltweg und bringen Frank-Walter Steinmeier (SPD) in sein Refugium, eine Wohnung im ersten Stock einer umgebauten Backsteinscheune direkt am Schilfgürtel. „Saaringen sucht man sich aus, wenn man seine Ruhe haben will“, sagt Ortsvorsteher René Mahlow (39), ein Aktiver der freiwilligen Feuerwehr, der am bullernden Kachelofen zum Tee geladen hat. Zwei Legislaturperioden, seit 2008, leben die Saaringer schon mit ihrem prominenten Nachbarn.

Steinmeier vor seiner Mietwohnung in einer ausgebauten Scheune

Steinmeier vor seiner Mietwohnung in einer ausgebauten Scheune.

Quelle: Heike Schulze

Am 12. Februar 2017 wird der Ex-Außenminister mit dem Zweitwohnsitz im Vierseithof aller Wahrscheinlichkeit nach zum Bundespräsidenten gewählt.* Dann braucht er keinen Wahlkreis mehr, den Wohnsitz ebenso wenig. „Wir bleiben in Saaringen und lesen weiter die MAZ“, kündigte Steinmeier zwar für sich und seine Frau Elke Büdenbender, Verwaltungsrichterin in Berlin, an. Wie viel Zeit der wohl künftige Schlossherr von Bellevue noch fürs märkische Landleben haben wird, ist offen. Zeit für eine Bilanz also: In welchem Zustand hinterlässt der 61-Jährige seinen Wahlkreis in Westbrandenburg? Was hat er erreicht, hat er Fuß gefasst in seinem Refugium am Saaringer Ohr, einer Havelschleife mit Vogelinsel?

Ein Grillfest für alle Dorfbewohner

Es ist nicht so, dass alle Saaringer Steinmeier-Fans geworden wären. 30 Prozent der Stimmen holte der SPD-Mann bei der Bundestagswahl 2013 in dem örtlichen Wahllokal – fünf Prozent weniger als im Durchschnitt der Stadt Brandenburg an der Havel. Als Nachbar aber hat er Eindruck gemacht. Zum Einzug habe er ein „tolles Grillfest“ gegeben, sagt Ortsvorsteher Mahlow: „Es war gut aufgetafelt von allem.“ Jeder Dorfbewohner war eingeladen. Die Sause ist den Leuten im Ort in Erinnerung geblieben, obwohl noch eine Busladung SPD-Entourage um die Steaks konkurrierte.

Im Förderverein zur Sanierung der Dorfkirche engagiert sich Steinmeier

Im Förderverein zur Sanierung der Dorfkirche engagiert sich Steinmeier.

Quelle: Julian Stähle

Als Frank-Walter Steinmeier 2009 das Bundestagsmandat von Margrit Spielmann übernahm, prophezeiten viele Skeptiker, der SPD-Mann werde bestens in das Klischee des abgehobenen Politprofis passen: Aus dem Raumschiff Bundespolitik herabgestiegen, versorgt mit einem Wahlkreis in komfortabler Fahrdistanz zu Bundestag, Kanzleramt und Ministerien – aus formalen Gründen müsse ein Wohnsitz her. Ansonsten werde der Neue nicht viel Zeit haben fürs Kommunale, für Radwege, Wirtschaftsförderung, Abwasserzweckverbände, Bürgersprechstunden bei Kaffee mit Weißer. Brandenburgs Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU) erinnert sich: Auf einer IHK-Veranstaltung habe Steinmeier Saaringen gepriesen und „von ,meiner Heimat‘ gesprochen – da war er gerade einmal vier Tage in der Region unterwegs“, so Tiemann. Sie sei skeptisch gewesen. Heute, acht Jahre später, urteilt sie: „Er hat ein Herz entwickelt.“

Networking total lokal: Spenden für den Kirchen-Förderverein

Das Ockergelb der Saaringer Dorfkirche mit ihrem Fachwerktürmchen überstrahlt den sonst so sachlich wirkenden Ortskern um einen Anger aus Betonplatten. Rentnerin Gisela Stremkus, langjähriges Mitglied im Kirchen-Förderverein, hat ihren Kartenspiel-Nachmittag unterbrochen, um die Pforte zum Wahrzeichen des Orts aufzuschließen. Hinter den frisch lackierten Holzkassetten des Windfangs liegt ein Kleinod ländlicher Frömmigkeit. Kurz nach der Wende sollte das baufällige Gotteshaus abgerissen werden, die Gemeinde hatte in ihrer Finanznot schon die Streichung aus der Denkmalliste beantragt. Ein Verein gründete sich, wurde Eigentümer und saniert seither das 200 Jahre alte Gebäude. Frank-Walter Steinmeier, dessen Wohnung nur einen Steinwurf von der Kirchhofmauer entfernt liegt, ist in den Förderverein eingetreten. „40 Euro Jahresbeitrag“ entrichte er, sagt Stremkus. Außerdem habe er einen „größeren Betrag“ gespendet. Die Wangen der Kirchenbänke hat man seither gestrichen und die Fensterrahmen, hat neue Klappstühle angeschafft. „Zu Weihnachten war Herr Steinmeier mal in der Kirche“, sagt Gisela Stremkus.

Die Sanierung der Eisenbahnersiedlung in Kirchmöser ging erst voran, als sich Steinmeier einschaltete

Die Sanierung der Eisenbahnersiedlung in Kirchmöser ging erst voran, als sich Steinmeier einschaltete.

Quelle: Julian Stähle

Ein US-amerikanisches Sprichwort sagt: „All politics is local“ (Jede Politik ist immer lokal verwurzelt). Steinmeier hat das verinnerlicht und Wahlkreispflege wie aus dem Lehrbuch betrieben.

Kulturverein holt Prominenz in die Stahlstadt

2010 gründete er einen Kulturverein, der seither Kunstschaffende und Intellektuelle von Schriftsteller Günter Grass über den Schauspieler Armin Müller-Stahl bis zu den Kabarettisten Dieter Hildebrandt und Gerhard Polt nach Brandenburg/Havel geholt hat – zu Veranstaltungen mit bis zu 400 Zuschauern, alle vier Monate. „Er hat sein eigenes Renommee genutzt und es mit der Stadt und der Region verbunden“, sagt Oberbürgermeisterin Dietlind Tiemann (CDU). Brandenburg werde mit Steinmeiers neuer Rolle in Berlin voraussichtlich „ein bisschen provinzieller“ werden, so Tiemann.

Es dürfte kein Zufall sein, dass Steinmeier und seine Mitstreiter die CDU-Frau gleich zu Beginn in den Verein holten. Aus Gründen der Überparteilichkeit ist auch Steinmeiers Stellvertreter im Vereinsvorsitz, der Bahntechnik-Unternehmer Friedrich Perker, CDU-Mitglied. Perker ist 18 Jahre älter als Steinmeier, schlohweißes Haar, ein Gentleman mit Rotary-Nadel am Wolljackett.

Bröckelnder Putz in der Eisenbahnersiedlung in Kirchmöser – Ortstermin mit Steinmeier in seinem SPD-Ortsverein

Bröckelnder Putz in der Eisenbahnersiedlung in Kirchmöser – Ortstermin mit Steinmeier in seinem SPD-Ortsverein.

Quelle: Jürgen Lauterbach

Weil die Gäste ohne Gage auftraten, hatte der Verein zwei Jahre nach seiner Gründung 50 000 Euro Einnahmen erspielt – und schuf mit dem Geld bleibende Heiterkeit in einer Stadt, die lange Jahre wenig zu lachen hatte. Die Arbeitslosenquote in der Stahlstadt beträgt immer noch elf Prozent. Auf Anregung von Loriot-Fan Steinmeier ließ der Verein 24 Waldmöpse aus Bronze in der Stadt aufstellen. Sie schnüffeln, heben das Bein, dösen. Humorist Vicco von Bülow, der sich den gehörnten Schoßhund 1972 ausdachte, stammt aus der Havelstadt. Steinmeier ist mittlerweile Ehrenmitglied des Rotary Clubs in Brandenburg – auf Vorschlag Perkers.

Der Netzwerker wird Ehren-Rotarier

So wob Weltpolitiker Steinmeier an seinem lokalen Netzwerks. Selbst nach Atom-Verhandlungen mit dem Iran sei der Außenminister zu Veranstaltungen nach Brandenburg gejettet, sagt Perker. Und Sitzfleisch hatte er beim Kneipenbesuch – oft ging es bis nach Mitternacht. Den Vorsitz des Kulturvereins hat Steinmeier wegen der Bewerbung ums höchste Staatsamt abgegeben, er wird Ehrenvorsitzender. Natürlich sei die Kulturschiene auch politische Publicity gewesen, sagt Perker, doch im Interesse der Stadt. Wer hätte schon auf dem Höhepunkt der Euro-Krise den griechischen und portugiesischen Botschafter sowie den italienischen Gesandten auf ein Podium geholt, 80 Kilometer westlich von Berlin?

Heike Kirchner, Sportvereinsvorsitzende, sprach Steinmeier an, damit er sich für die Sanierung der Eisenbahnersiedlung einsetzte

Heike Kirchner, Sportvereinsvorsitzende, sprach Steinmeier an, damit er sich für die Sanierung der Eisenbahnersiedlung einsetzte.

Quelle: Julian Stähle

Die große Welt und die ganz kleine – in Saaringen hat Steinmeier eine Balance gefunden. Mit dem luxemburgischen Außenminister Jean Asselborn hat ein Nachbar ihn paddeln sehen in Richtung der naturbelassenen Schilfinseln. Wie Amazonien wirkt die Flusslandschaft dort. Weiter weg von Berlin kann man, so nah an Berlin, nicht sein. Vielleicht hat Steinmeier sich in der Einsamkeit erholt von der Niederlage als Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl 2009. Wer die Jugendbilder des langhaarigen Studenten kennt, ahnt: In Saaringen könnte sich ein Hippietraum für den Rolling-Stones-Fan erfüllt haben: eine Scheunenetage mit offenem Kamin, Drinks unterm Sonnenschirm, ein Bad im klaren Havel-Nebenarm.

Strippenziehen für den Wahlkreis: Sanierung eines Architekturjuwels

Jeder hat so seinen Traum. Auf dem Marktplatz der historischen Eisenbahnersiedlung in Brandenburg-Kirchmöser steht Heike Kirchner (54) und zeigt auf die frisch sanierten, denkmalgeschützten Häuser. Tordurchgänge, sattbraun glänzende Fensterläden, Dächer in doppelter Biberschwanz-Deckung – wer den Film „Barbara“ mit Nina Hoss gesehen hat, kennt das architektonische Juwel. Die 20er-Jahre-Siedlung wurde allerdings wegen ihres ruinösen Charmes zum Filmset: „Barbara“ spielt in der DDR, in den 80er-Jahren. Heike Kirchner ist parteiunabhängig, arbeitet als Sekretärin bei der Bahn und wohnt in einem der jetzt sanierten Häuschen zur Miete. Als Vorsitzende des Eisenbahnersportvereins mit seinen 500 Mitgliedern hat ihr Wort Gewicht. Sie wandte sich an Steinmeier, der im SPD-Ortsverein Mitglied ist, berichtete ihm von der Hängepartie mit dem Bundeseisenbahnvermögen. Seit Jahren rührte sich nichts. „Steinmeier ist durch die Straßen gegangen, ich hatte das Gefühl, dass er diese Sache zu seiner persönlichen machte“, sagt Kirchner.

16 Millionen Euro wurden genehmigt, das Viertel runderneuert. Auf dem Marktplatz gab’s Bier mit Steinmeier. 39 Prozent der Kirchmöseraner stimmten bei der Bundestagswahl 2013 für den Spitzengenossen – vier Prozent mehr als im städtischen Schnitt. Bei der Wahl war Steinmeier der einzige SPD-Kandidat landesweit, der seinen Wahlkreis direkt gewann.

Es blieb beim Bauschild: Was dem Spitzen-Genossen nicht gelang

Steinmeiers Bilanz sei zweigeteilt, wendet Oberbürgermeisterin Tiemann (CDU) ein. Das im Wahlkampf angekündigte Bahntechnologie-Kompetenzzentrum sei nicht entstanden in Kirchmöser, obwohl das Bauschild schon stand. Bei allem Lob für die Verlässlichkeit des Sozialdemokraten kritisiert Tiemann seine „fehlende Positionierung in wichtigen Fragen“. Sie nennt: Die Bewerbungsphase zur (stark defizitären) Bundesgartenschau, die Kreisgebietsreform, die Brandenburgs Status der Kreisfreiheit bedroht, sowie die aus Tiemanns Sicht mangelnde Unterstützung der rot-roten Landesregierung für die medizinische Hochschule, an der Brandenburg gemeinsam mit Neuruppin beteiligt ist. „Da war er dann zu sehr Außenminister“, sagt Tiemann.

Im Herbst will Tiemann als Direktkandidatin der CDU den Steinmeier-Wahlkreis erobern, den OB-Stuhl räumen und in den Bundestag. Ein Doppelabschied also. Gegen den beliebtesten Politiker Deutschlands hätte sie geringere Chancen gehabt. Jetzt räumt der das Feld im Westen Brandenburgs. Tiemann wird sie es vermutlich mit Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg (SPD) zu tun bekommen. Das wäre dann ein Duell zweier Mitglieder aus Steinmeiers Kulturverein.

[ *Anmerkung der Redaktion : Der Text wurde vor der Bundespräsidenten-Wahl am 12. Februar 2017 geschrieben/ veröffentlicht]

Von Ulrich Wangemann

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