Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Zum 1. Mal eine Pfarrerin in der Frauenkirche

Komplizierter Gemeinde-Übergang Zum 1. Mal eine Pfarrerin in der Frauenkirche

Die 43-jährige Angelika Behnke aus dem ostbrandenburgischen Wriezen wird Pfarrerin der Dresdner Frauenkirche, die damit erstmals in ihrer Geschichte eine Theologin an diese Stelle bekommt. Sie habe sich bei der Auswahl „besonders empfohlen“ und bekomme die zweite Pfarrstelle neben Sebastian Feydt, teilte das Landeskirchenamt mit.

Voriger Artikel
Jugendanglerfest 2016 in Töplitz
Nächster Artikel
Hundefreunde treffen sich in Satzkorn

Angelika Behnke

Quelle: Bernd Gartenschläger

Wriezen. Vor dem eigentlichen Bewerbungsgespräch Mitte Juni war sie schon aufgeregt, gibt Pfarrerin Angelika Behnke zu. „Es ist eben immer eine künstliche Situation, da fällt es schwer, authentisch ’rüber zu kommen.“ Aber dann habe sie sich auf Ihre Stärken besonnen. „Ich habe mir bewusst gemacht, dass ich die Begabungen mitbringe, die an der Frauenkirche gebraucht werden“, sagt sie.

Dazu zählt sie zum Beispiel ihr Talent für die Predigt, ihre Fähigkeit, sich auch an kirchlich nicht gebundene Menschen zu wenden, ihre Vorliebe für den Pfarrdienst in großen städtischen Kirchen und ihr ausgeprägtes geschichtliches Interesse. All das und ihre gelungenen Gottesdienste am 11. und am 12. Juni in der Frauenkirche hat das Kuratorium der Stiftung Frauenkirche Dresden und den Stiftungsrat überzeugt.

„Wir freuen uns, durch Pfarrerin Behnke eine kompetente und profilierte Verkünderin zu gewinnen“, erklärte der sächsische Landesbischof Carsten Rentzing bald nach diesem Gespräch. Der Stiftungsratsvorsitzende Joachim Hoof ist sicher, dass die vielseitige  Angelika Behnke mit ihrer „wertvollen Kombination aus Erfahrung und Engagement das Leben und die weltweit strahlende Botschaft dieses Gotteshauses mitgestalten und weiterentwickeln wird.“

  Die aus dem ostbrandenburgischen Wriezen (Märkisch-Oderland) stammende Angelika Behnke wird, wenn der komplizierte Übergang von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz hin zur Evangelisch-Lutherischen Landeskirchenamt Sachsens geregelt ist, mit gerade mal 43 Jahren die erste Pfarrerin des berühmten Dresdner Gotteshauses werden.

Angelika Behnke, die derzeit ihren Hauptwohnsitz noch in  Berlin-Charlottenburg hat, freut sich nicht nur auf den Dienst in der Frauenkirche, sondern auch darauf, „das Leben in Dresden hautnah mitzuerleben“. Dabei hatte Angelika Behnke zunächst nur eine Pfarrstelle gesucht, die ihre Arbeit mehr auf einen Ort konzentriert. Durch ihre jetzigen Aufgaben im Rahmen des kirchlichen Reformprojekts „Erwachsen glauben“ ist sie an vielen verschiedenen Orten in der gesamten Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz tätig. Behnke baut ein Netz von Glaubenskursen in der gesamten Landeskirche auf. Nicht nur in Brandenburg leitet sie überall Kollegen, Gemeinden und diakonische Einrichtungen an, Kurse zum Glauben oder Fortbildungen zum christlichen Grundwissen anzubieten. Behnke bietet auch selbst Kurse in Kirchengemeinden und beim Johanniterorden an. Das führt sie in die Kirchenkreise Nauen-Rathenow und Potsdam, in das Berliner Stadtgebiet und an die Standorte der Johanniter-Einrichtungen in Jüterbog und Treuenbrietzen.

Ausgerechnet die Ausschreibung der Dresdner Frauenkirche passte genau zu ihrem bisherigen Werdegang. „Es ist eine anspruchsvolle Citykirche. Große Kirchen reizten mich schon immer.“  Die Predigt und die Seelsorge spielen dort eine große Rolle und man wende sich als Pfarrerin an ein „sehr spezielles Publikum“, so Behnke. In die Frauenkirche kämen zum Beispiel viele Touristen, die gar nicht so enge Bindungen an das Christentum  hätten. Auch bei ihnen eine Ahnung von der christlichen Botschaft zu entfachen, sei die große Herausforderung.

Behnke denkt dabei auch an das über der Partnerkirche, der Kathedrale von Coventry, stehende Motto: Der Mensch möge als Besucher gekommen und als Pilger gehen. Genau so etwas bei Besuchern der Frauenkirche erzeugen zu können, sei ein Hauptgrund ihres Interesses gewesen. „Solche Begegnungen sind zwar nur eine Momentaufnahme, aber es hallt doch immer etwas nach.“

Dass die offene und umgängliche Behnke im Gespräch mehr als Nachklänge erzeugt, dürften nicht nur ihre Mitarbeiter und Gemeindemitglieder bestätigen. Behnkes Optimismus und geerdete Weltoffenheit fällt jedem auf, der sich mit der unkomplizierten Frau unterhält. Das liegt an ihrer Familiengeschichte, wie auch an ihrem eigenen Glauben. Aufgewachsen ist Behnke in Neuhardenberg, einer der Zentren des 20. Juli, wo sich der letzte adliger Schlossherr Carl-Hans Graf von Hardenberg dem Widerstand um Claus Schenk Graf von Stauffenberg angeschlossen hatte. In ihrer christlich geprägten Familie habe sie früh die Wahrnehmung für einen in der DDR nicht selbstverständlichen Wert gelernt. „Freiheit ist das Oberste.“

Die Familie sei sensibel gewesen für das, was die Würde des Einzelnen ausmacht. Das große Vertrauen im Elternhaus sieht Behnke noch immer als Geschenk, das sie geprägt habe. An ihrer Patentante, einer Pfarrersfrau, sah sie außerdem früh, wie erfüllend und vielfältig ein Leben im Dienst der Kirche sein kann. Früh engagierte sich Behnke selbst in der Neuhardenberger Kirchengemeinde. Schon als Kind stand sie bei Krippenspielen als Hirte auf der Bühne. Später leitete sie den Kindergottesdienstkreis, wirkte  am Konfirmandenunterricht mit und übernahm sogar Teile des Gottesdienstes.

Umso schwerer war es für sie als praktizierende Christin, in die Erweiterte Oberschule (EOS) zu kommen. Sie schaffte es gegen den Widerstand der SED-Räson – nicht zuletzt dank des Einsatzes einer Lehrerin, „der ich heute noch dafür dankbar bin“.

Dabei nutzte Behnke das bald geschaffte Abitur gar nicht sofort für ein Theologiestudium. Zuerst nahm sie an der Humboldt-Universität ein Studium als Übersetzerin für  Russisch und Italienisch auf. Nach einem Semester schon wurde sie unzufrieden. Und als ihr der damaliger Pfarrer Neuhardenbergs in einem Beratungsgespräch ungefragt sagte: „Theologie traue ich dir voll zu“, stand ihre Entscheidung fest. In ihrer späteren Laufbahn als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Praktische Theologie in Göttingen oder als Pfarrerin in Frankfurt (Oder) konnte sie dann neben der Erwachsenenbildung auch ihre sozialen und geschichtliche Interessen leben.

Der christliche Glaube ist für Behnke ein wichtiger Quell. „Für mich ist der Glaube das Vertrauen, sich in einer anderen Macht bergen zu können, die einen entlastet davon, der ganzen Komplexität der Welt zu genügen.“ Ganz im Gegensatz zu unserer vom Markt beherrschten modernen Welt, werde der Mensch im Christentum nicht darüber definiert, was er erreicht habe. „Der Mensch muss nicht erst etwas leisten, damit er geliebt und angenommen wird.“ Als Geschöpf Gottes mache jeder die Erfahrung: „Du bist wertvoll.“ Das widerspreche fast allem, was heute im Alltag gelebt werde. „Darauf zu vertrauen gibt eine große Kraft.“

Diese Erfahrungen des ganz Anderen teilt Behnke nicht nur in ihren Glaubenskursen für Erwachsene mit, das soll auch Thema ihres Wirkens in Dresden an der Seite von Pfarrer Sebastian Feydt werden. In der aus Kriegstrümmern mit Spenden aus der ganzen Welt wieder aufgebauten Kirche sieht Behnke mehr als in anderen Gotteshäusern ein „steingewordenes Evangelium“. „Es hat mich tief beeindruckt, dass eine weltweite Gemeinde das geschafft hat“, sagt sie. „Die Kirche ist aus Ruinen wieder auferstanden und damit ein Zeichen der Hoffnung. An ihr kann man die christlichen Botschaft ablesen, dass immer wieder ein Neuanfang möglich ist.“

Kirche ohne Gemeinde

Die Kirche Unserer Lieben Frau – im Volksmund Frauenkirche – wurde 1726 bis 1743 nach einem Entwurf von George Bähr erbaut und prägte in den folgenden Jahrhunderten die Stadtsilhouette Dresdens. Bähr hatte ursprünglich eine Kuppel aus Holz verkleidet mit Kupfer vorgesehen. Um Kosten zu sparen, schlug Bähr selbst eine Steinkuppel vor. Diese bekam aber durch Kritiker eher einen klassizistischen Anstrich. Vollendet wurde der Kuppelbau erst am 27. Mai 1743, knapp fünf Jahre nach dem Tod George Bährs.

Der Wiederaufbau der nach der Bombennacht vom 13. und 14. Februar 1945 vollständig ausgebrannten Dresdner Frauenkirche wurde durch einzigartige private Initiativen möglich. Er kostete rund 180 Millionen Euro. Davon kamen rund 115 Millionen Euro durch Spenden aus aller Welt zusammen. Den restlichen Anteil von 65 Millionen Euro stellten die Stadt Dresden, der Freistaat Sachsen und der Bund in etwa gleichen Teilen zur Verfügung.

Zwei Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen betreuen die Kirche, die keine Gemeinde hat.

Von Rüdiger Braun

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg