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„Ein Kind muss Nein sagen dürfen“

Nach dem Verschwinden von Elias: Was können Eltern tun? „Ein Kind muss Nein sagen dürfen“

Der Fall Elias und das Verschwinden der kleinen Inga hat viele Eltern verunsichert. Die MAZ hat mit einem Polizei-Experten darüber gesprochen, wie Eltern sich verhalten sollen und wie sie ihr Kind gleichzeitig zu einer starken und selbstbewussten Persönlichkeit erziehen.

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Quelle: dpa-Zentralbild

Potsdam. Nach dem Verschwinden des sechsjährigen Elias in Potsdam und der fünfjährigen Inga aus Sachsen-Anhalt sind viele Eltern verunsichert. Wie kann ich mein Kind vor einem Verbrechen schützen? Der Potsdamer Steffen Meltzer (53) ist Polizeibeamter und hat einen „Ratgeber Gefahrenabwehr“ geschrieben.

MAZ: Herr Meltzer, für Eltern ist es der größte Alptraum, dass ihr Kind Opfer eines Verbrechens wird. Kann man sein Kind schützen?

Steffen Meltzer: Einen hundertprozentigen Schutz gibt es leider nicht, das muss man ehrlicherweise sagen. Aber es gibt schon viele Möglichkeiten, sei Kind zu stärken und die Gefahr zu minimieren.

Was kann man konkret tun?

Meltzer: Das A und O ist die Erziehung zu einer starken, selbstbewussten Persönlichkeit. Dazu gehört, dass man sein Kind lobt, ihm aber auch vorwurfsfrei Grenzen bekannt macht, die es einzuhalten gilt. Aber ihm auch ohne Vorwürfe zu machen erklärt, was es nicht richtig gemacht hat. Kinder, die wenig Selbstbewusstsein haben, strahlen das meist auch aus und werden so leichter zu Opfern als andere – nicht selten ein Leben lang.

Aber wenn ein Fremder zum Beispiel versucht, ein Kind ins Auto zu ziehen, hat es doch aufgrund der körperlichen Unterlegenheit wenig Chancen - egal wie selbstbewusst es ist.

Meltzer: Es stimmt natürlich, ein Kind ist körperlich nicht so stark wie ein Erwachsener. Aber es kann selbst in so einer Situation etwas tun, und zwar schreien, laut um Hilfe rufen, kreischen, strampeln, um sich schlagen, wenn es ihm gelingt seine Angst zu überwinden. Das macht es dem Täter schwerer und erregt Aufmerksamkeit bei Passanten. Zudem sollte man Kindern beibringen, auf dem Weg zur Schule auf der Häuserseite des Bürgersteigs zu laufen und nicht direkt an der Straße.

Die Schule hat ja erst wieder angefangen. Einige Eltern bringen ihre Kinder bis ins Klassenzimmer. Ist das übertriebene Fürsorge?

Meltzer: Man muss da abwägen und das richtige Maß finden. Am Anfang können die Kinder ruhig ein Stück begleitet werden. Wichtig ist aber, dass man ihnen einen sicheren Schulweg zeigt, diesen mit ihnen übt und sie ermutigt, dass sie den Weg selbst gehen können. Wenn möglich mit anderen Kindern zusammen. Kinder sollen keine Angst haben, aber gleichzeitig Gefahren kennen. Nach einem Umzug, etwa vom Dorf in die Stadt, kann es neue Gefahrenquellen geben. Die muss man dem Kind zeigen und erklären. Eltern können ihr Kind übrigens auch testen.

MAZ-Spezial zur Elias-Suche

Elias wird seit dem 8. Juli vermisst und gesucht.

Die MAZ hat die Suche ausführlich begleitet. Alles zur Suche finden Sie in unserem MAZ-Spezial unter www.MAZ-online.de/elias.

Testen?

Meltzer: Ja, die meisten Eltern sind sich ja sicher: Mein Kind würde nie mit Fremden mitgehen. In den USA hat sich aber gezeigt, dass sich die meisten Eltern täuschen. Ein Mann lockte Kinder testhalber mit dem Versprechen, er könne ihnen niedliche Hundewelpen zeigen. Die meisten Kinder gingen mit – obwohl ihnen die Eltern vorher erklärt hatten, dass sie mit niemanden mitgehen sollen. Als Testperson kann man zum Beispiel einen Kollegen gewinnen, den das Kind nicht persönlich kennt, und dann schauen, wie sich die Tochter oder der Sohn verhält. Wichtig: Hinterher muss dem Kind natürlich erklärt werden, dass das ein Versuch war. Dieser muss dann vorwurfsfrei ausgewertet werden.

Nicht selten ist es aber doch aber gar nicht der große Unbekannte der Täter, sondern jemand aus dem Umfeld. Man kann doch aber nicht per se alle Menschen in seiner Umgebung für suspekt erklären und dem Kind so Angst machen.

Meltzer: Nein, natürlich nicht. Aber man kann dem Kind sagen, dass es vorher die Eltern fragen muss, bevor es mitgeht. Und, auch bei Bekannten gilt: Ein Kind muss immer Nein sagen dürfen, etwa bei Küsschen und Umarmungen. Ein Kind muss das genauso wenig zulassen wie ein Erwachsener.

Sie empfehlen ein Kinderhandy zur Sicherheit. Was ist denn ein Kinderhandy?

Meltzer: Das sind Geräte, die einfach zu bedienen sind und nur wenige Funktionen haben. Man kann zum Beispiel nur drei Nummern freigeben, die das Kind wählen kann. In einigen Schulen sind Handys ja tabu. Dann muss es für die Schulzeit natürlich ausgeschaltet in der Tasche bleiben, aber für den Nachhauseweg ist es dann an. Wichtig ist, dass das Gerät eine GPS-Funktion hat, damit es geortet werden kann.

Im Fall des verschwundenen Elias aus Potsdam hatte die Mutter ja erlaubt, dass der Junge neben dem Wohnhaus in Sichtweite auf dem Spielplatz spielt. Vermutlich hätten das die meisten Eltern bei einem Sechsjährigen getan. Ist das zu unvorsichtig?

Meltzer: Zum Fall Elias möchte ich konkret nichts sagen, weil ich damit nicht betraut bin. Generell hängt es sicher immer vom Kind ab, wie viel man ihm in welchem Alter zutrauen kann. Das ist individuell, da gibt es kein Patentrezept. Aber klar ist auch: Man kann sein Kind ja nicht einsperren. Ein gewisses Restrisiko bleibt immer, jedoch ist man dem nicht willenlos ausgeliefert.

Von Marion Kaufmann

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