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Brandenburg Heuschrecken mit Koriander und Chilischoten
Brandenburg Heuschrecken mit Koriander und Chilischoten
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16:27 24.03.2019
Drei Köche können am Herd nebeneinander leckere Gericht zubereiten – auch mit Heuschrecken. Quelle: Ralf Stork
Berlin

Das Küchenstudio „Kitchen Impossible“ in Berlin-Schöneberg sieht aus, wie ein angesagtes Küchenstudio für Kochkurse eben aussehen muss: Ein großes Schaufenster zur Straße, Holzdielen, warmes Licht, eine riesige Arbeitsplatte und ein Herd, an dem bequem drei Köche nebeneinander in Töpfen und Pfannen rühren können. Dazu edle Gewürzmühlen, scharfe Küchenmesser.

Aber etwas stimmt nicht an dem Bild: In der Pfanne werden keine Pinienkerne geschwenkt, sondern Tausende kleiner Würmer. Zwei Kursteilnehmer rupfen toten Heuschrecken die Flügel aus. Auf einem anderen Teil der Arbeitsfläche liegen Gemüsefrikadellen zum Anbraten, in denen große Mehlwürmer stecken. Am Mixer steht eine schlanke Frau mit Locken und grünen Augen. Sie zerkleinert gerade zwei Handvoll Grillen zu feinem Mehl. Es ist die Gastgeberin des Abends, Nicole Satirani, 35 Jahre alt und Insektenköchin.

Nahrhaft und reich an Eiweiß

Sie war schon in vielen Berufsfeldern zu Hause, arbeitet als Schauspielerin und Übersetzerin und auch schon jahrelang in der Gastronomie. Heuschrecken und Grillen landeten erstmals vor drei Jahren auf den Teller der Food-Aktivistin. „Ich habe nach gesunden, eiweißreichen Nahrungsmitteln gesucht, die direkt in der Großstadt produziert werden können. Da war das mit den Insekten für mich der logische Schluss“, sagt Nicole Satirani.

Insektenkochkurs in Berlin mit Nicole Satirani (3.v.l.). Quelle: Ralf Stork

Der Vater ist nicht ganz unschuldig an ihrer neuen Leidenschaft. Früher hat er als Kammerjäger in der Landwirtschaft gearbeitet und ihr dann im Scherz vorgeschlagen, doch einmal die Insektenküche auszuprobieren. Schädlinge weg. Hunger weg. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Unter dem Label „Mikrokosmos Berlin“ verkauft Nicole Satirani jeden zweiten Donnerstag im Monat Heuschrecken-Happen in der „Markthalle 9“ in Kreuzberg. Und seit ein paar Monaten bietet sie regelmäßig Kochkurse an. „Bei mir in der Wohnung züchte ich Insekten für den Eigenbedarf. So eine eigene kleine Farm zu haben, Lebensmittel selbst herzustellen, ist ein tolles Gefühl. Das möchte ich gerne mit anderen teilen“, sagt sie.

Oben auf die Birnenstückchen kommen ein paar Würmer. Quelle: Ralf Stork

Das Interesse an Insekten als Nahrungsmittel steigt jedenfalls. Der Kochkurs Anfang des Jahres ist mit zehn Teilnehmern der erste, der ausgebucht ist. „Wir beschäftigen uns schon länger mit Paläo-Ernährung und wollten deshalb auch mal Insekten probieren“, sagt Sean, einer der Teilnehmer. „Aber es ist fast unmöglich, in Berlin an frische Insekten heranzukommen“, ergänzt sein Freund Stephan. Auch ein anderer Hobbykoch ist hier, weil er Probleme hatte, außerhalb des Internets essbare Insekten in Berlin aufzutreiben. Nach langer Suche fand er schließlich auf einem Asia-Markt ein paar Seidenspinnerraupen, die er zu Hause bei einem Essen mit Freunden in den Eintopf mengte. „Das Essen war gut, aber die Insekten haben überhaupt nicht geschmeckt.“ Im Kochkurs will er sich jetzt an richtigen Rezepten mit Insekten versuchen. Zwei Mitarbeiterinnen des Naturschutzbunds Nabu kochen mit und drei Anwälte aus einer Berliner Kanzlei, die einfach mal probieren wollten, wie das so ist mit den Insekten.

Gar nicht mal so übel

Die Konsistenz von Heuschrecken erinnert an Kartoffelchips. Der Geschmack: nussig, ein bisschen ölig, gar nicht so schlecht. Auch die Grillen, selbst die Buffalo- und Mehlwürmer sind knusprig. Das liegt daran, das die Insekten für den Verzehr schockgefrostet werden und dabei ihre Weichheit und Fleischigkeit verlieren. Das macht gerade den Verzehr der Würmer deutlich leichter. Bald ist es jedenfalls völlig normal, während der Zubereitung hier mal einen Wurm, dort mal eine Heuschrecke zu naschen.

Insektenköchin Nicole Satirani. Quelle: Privat

Später an der langen Tafel sehen die Insekten dann kein bisschen mehr nach Dschungelprüfung aus, sondern wie ganz normale, leckere Gerichte: Bei den Gemüsefrikadellen mit Mehlwürmern auf Salatblatt ist die krabbeltierartige Herkunft ebenso versteckt wie bei den in Grillenmehl-Bierteig eingebackenen Gemüsestreifen. Die Heuschrecken liegen selbstbewusst angerichtet zwischen Chilischoten, Knoblauch und gehacktem Koriander in einer Schüssel. Der Nachtisch sieht dann etwas gewöhnungsbedürftig aus: Auf einem Schokoladen-Tostada und karamellisierten Birnenscheiben kringeln sich Dutzende kleiner, mit Puderzucker bestreute Buffalo-Würmer. Ein Teilnehmer, der sich gerade beherzt noch ein paar Heuschrecken auf den Teller gelegt hat, findet den Nachtisch problematisch – weil bei jedem Bissen ein paar Würmer an der Lippe kleben bleiben. Aber alle haben tatsächlich alles probiert und aufgegessen.

Dass alle Teilnehmer gleich zu regelmäßigen Insektenessern werden, ist eher nicht zu erwarten. Aber immerhin zwei erwägen halbwegs ernsthaft, ob sie nicht auch eine kleine Insektenzucht zu Hause anfangen sollten.

Von Ralf Stork

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