Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Brandenburger stören sich kaum am Tanzverbot
Brandenburg Brandenburger stören sich kaum am Tanzverbot
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:33 30.03.2018
Tanzverbot am Karfreitag, das stört wenige. Quelle: dpa (Archiv)
Potsdam

Sobald kommende Donnerstagnacht die Turmuhr 12 mal schlägt, greift auch in Brandenburg das Gesetz über die Sonn- und Feiertage. Bis Sonnabend früh um vier darf weder getanzt noch öffentlich gefeiert werden. Es herrscht auch in einem Land mit gerade mal 20 Prozent evangelischen und höchstens fünf Prozent katholischen Christen das Karfreitags-Tanzverbot.

Zumindest für die Jungen Liberalen Brandenburgs ein Grund zum Protest: „Wer anderen Menschen per Gesetz vorschreiben will, wie diese die Osterfeiertage zu verbringen haben, der sollte sich zunächst Sorgen um seine eigene Engstirnigkeit machen“, schreibt deren Vorsitzender Matti Karstedt. Einer freien Gesellschaft stünde ein konfessionell begründetes Tanzverbot nicht gut zu Gesicht. Die Julis fordern die Abschaffung des Tanzverbots.

Für die Gastronomie „nicht unbedingt das größte Problem“

Damit steht die märkische FDP-Jugend ziemlich allein auf weiter Flur. Für die zuerst Betroffenen selbst sei das auch in Brandenburg geltende Tanzverbot „nicht unbedingt das größte Problem, das wir haben“, sagt Olaf Schöpe, Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Brandenburg. „Ein großes Murren ist da bei den Betreibern im Land nicht zu hören, die haben sich schon daran gewöhnt.“ Politisch viel drängender sei für die Wirte und den Verband die Frage nach der Steuergerechtigkeit. Unverständlich sei zum Beispiel, dass auf Hundefutter zum Beispiel nur sieben Prozent Steuern erhoben würden, auf die Schulspeisung aber 19 Prozent. Das Untersagen von Tanzvergnügungen am 30. März 2018 sei demgegenüber marginal.

Tatsächlich gibt es zum Beispiel in der Landeshauptstadt Potsdam laut Auskunft der Stadtverwaltung keine Gastronomen, die für Karfreitag eine Ausnahmegenehmigung gestellt haben. Das sei auch früher nicht geschehen. Dabei gäbe es Kandidaten genug. Etwa 30 Locations gibt es hier, die regelmäßig Tanz- und Musikveranstaltungen anbieten. Alle, die „vorab Werbung für den Donnerstag vor Karfreitag, sowie Werbung für Veranstaltungen am Karfreitag im Internet oder in Zeitschriften tätigten“ seien von der Stadt noch einmal auf das Tanzverbot gemäß dem Feiertagsschutzgesetz hingewiesen worden, sagt Sprecherin Christine Homann. Auch sonst scheint sich das vorösterliche Tanzbedürfnis in Grenzen zu halten. Dem Innenministerium sind jedenfalls keine grundsätzlichen und ständige Ausnahmegenehmigungen für das Land Brandenburg bekannt.

„Jeder sollte es für sich selbst festlegen“

Vorsichtige Kritik an pauschalen Verboten übt immerhin die bildungs- und kulturpolitische Sprecherin der Linkspartei im Landtag, Gerrit Große: „Ich bin dafür, dass jeder das für sich selbst festlegen sollte. Ich selbst wäre deshalb dafür, dass man Veranstaltungen nicht verbietet, solange diese die Feiertagsruhe von anderen nicht beeinträchtigen.“ Große betont allerdings, dass das ihre persönliche Meinung ist. Innerhalb der Partei gebe es keine Diskussion über das Karfreitags-Tanzverbot und schon gar keine Anträge dagegen.

Selbst ein bundesweit bekannter Gegner des letztlich religiös begründeten Tanzverbots, die Giordano-Bruno-Stiftung, findet in Brandenburg nicht unbedingt die eifrigsten Aktivisten. Auch dieses Jahr hat die Stiftung wieder bundesweit den „Tanzsegen“ für „Heidenspaß-Partys“ erteilt. In Stuttgart und München zum Beispiel werden sich am 30. März Veranstalter auf das Label „Heidenspaß-Party“ berufen, auch am Karfreitag kräftig abrocken und ihr Vergnügen als weltanschauliches Bekenntnis ausgeben. In Brandenburg sind laut dem Vorstandssprecher der Stiftung, dem Autor Michael Schmidt-Salomon, aber bislang keine solchen Partys vorgesehen.

Giordano-Bruno-Stiftung: Verbot in Brandenburg ist harmlos

„In Brandenburg ist das Karfreitagsgesetz auch sehr viel harmloser als in anderen Bundesländern. Es gilt dort nur zu einer Zeit, in der sowieso kein Mensch tanzt“, sagt Schmidt-Salomon. Anderenorts sei die Demonstration „Heidenspaß“ aber durchaus nötig, sagt Schmidt-Salomon. Das Karfreitagstanzverbot sei nämlich ein schlagender Beweis dafür, dass die Gesetzgebung der Bundesrepublik anders als vom Grundgesetz gefordert, keineswegs weltanschaulich neutral sei.

„Uns geht es nicht darum, dass Gläubige an diesem Tag nicht trauern dürfen“, so Schmidt-Salomon, „Der Staat kann aber umgekehrt auch nicht das Trauern abverlangen.“ Wohin eine entsprechende Gesetzgebung führe, sehe man etwa am Beispiel der Türkei. Entsprechend stolz ist die Stiftung auch auf ein von ihr erreichtes Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2016, wonach das „Tanzverbot an Karfreitag“ nicht gilt, wenn der Tanz „Ausdruck eines weltanschaulichen Bekenntnisses“ ist.

Kirche will Schutz der Religionsausübung

Gegen eine solche Auslegung der Gesetzeslage wendet sich die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz. Bei widerstreitenden Gesetzen fänden „immer Abwägungen statt“, betont EKBO-Pressesprecher Hagen Pietzcker. „Auch Christen müssen davor geschützt sein, dass ihre Religionsfreiheit gewissermaßen unterlaufen wird, indem etwa am Karfreitag als stillem Tag ganz viel Lautes stattfindet, das auch an jedem anderen Tag stattfinden könnte.“ Die stillen Tage schützten die Religionsausübung – und das sei gerade ihr Sinn.

Umfrage des Tages

Am Karfreitag gilt Tanzverbot. Die Jungen Liberalen in Brandenburg finden das „engstirnig“ und fordern die Aufhebung des Verbots, weil Brandenburg nicht christlich sei.

Ergebnis ansehen
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.
So haben unsere Leser abgestimmt
Diese Online-Umfrage ist nicht repräsentativ.

Dem schließt sich auch der kirchenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Henryk Wichmann, an. Auch Brandenburg sei trotz schwindender Religiosität christlich geprägt. „Einen Tag im Jahr sollte es jeder ertragen können, aus Rücksicht für die Gläubigen auf Spaß zu verzichten“, so Wichmann. Bloße Appelle an den guten Willen reichten nicht aus. „Ich glaube, dass der gesetzliche Schutz der Feiertage notwendig ist.“ Gerade in einer Zeit, wo viele nicht mehr über Tradition informiert seien, öffnete man mit der Aufgabe des Tanzverbots „Tür und Tor“ für einen rücksichtslosen Umgang miteinander.

Von Rüdiger Braun

Insolvenzverschleppung und vorsätzlicher Bankrott: Der mit Spannung erwartete Prozess gegen den früheren Bundesverkehrsminister und gescheiterten Brandenburger Unternehmer Günther Krause am Dienstag vor dem Amtsgericht Potsdam ist kurz. Der Angeklagte erscheint nicht wegen Grippe. Die Anklageliste ist lang.

27.03.2018

Nach Sachsen, Baden-Württemberg und Bayern verzeichnete Brandenburg den höchsten relativen Rückgang der Schulden der öffentlichen Haushalte. Dennoch liegt die Schuldenhöhe im zweistelligen Milliardenbereich.

27.03.2018

Bei dem Post-Tochterunternehmen „DHL Delivery Berlin“ wird gestreikt – und das kurz vor Ostern. Viele Kunden könnten deshalb vergeblich auf die letzten, bestellten Pakete warten. Betroffen sind auch Standorte in Potsdam, Kleinmachnow und Großbeeren.

27.03.2018