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Brandenburg/Havel Aal-Appell im Morgengrauen
Lokales Brandenburg/Havel Aal-Appell im Morgengrauen
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10:46 09.11.2017
Glibberige Sache: Fischer Thomas Schröder (l.) holt sich seinen Anteil Jungaale für die Lehniner Gewässer. Quelle: Frank Bürstenbinder
Rietz

„In neun Jahren sehen wir uns wieder!“ Mit einem gehörigen Schuss Optimismus entließ Thomas Völkel seinen Brotfisch von morgen in das schon elf Grad warme Wasser des Rietzer Sees. Der Fischer steuerte mit seinem flachen Boot mehrere schilfbewachsene Stellen der Uferzone an. Erst dann gab er die ersten Jungaale aus den mit Seewasser gefüllten Hälterkästen frei. „Zwischen den Pflanzen findet der Nachwuchs Deckung vor Kormoranen und Schwärmen hungriger Barsche“, erklärte Völkel.

Über 200 Kilo vorgestreckter Aale nahm der Fischer vom Dom in dieser Woche in Empfang. Das macht etwa 30 000 Schlängler, die dem Fischer eines Tages wieder in die Reuse gehen sollen. So jedenfalls die Theorie. Bis aus den etwa zwölf Zentimeter langen Fischen ausgewachsene Aale werden, fließt noch viel Emster-Wasser in die Havel. Das weiß auch Berufskollege Thomas Schröder, der die Gewässer oberhalb des Rietzer Sees bewirtschaftet. Er verteilte über 60 Kilo Babyaale unter anderem im Netzener See und im Klostersee.

Begehrter Speisefisch

Die in einer Farm vorgestreckten Jungaale sind bereits voll pigmentiert, wiegen etwa sieben Gramm und haben eine Länge von zwölf Zentimeter. In dem Projekt werden auch Glasaale ausgesetzt. Sie sind noch sehr jung und durchsichtig wie Glas. Daher ihr Name. Mit bloßem Auge kann man deren Herz, Wirbelsäule und Darmtrakt erkennen.

Der Aal ist ein Wanderfisch, der sich in den Tiefen der Sargassosee im Westatlantik fortpflanzt. Der Eintritt in die europäischen Binnengewässer stellt für die winzigen Glasaale eine große Herausforderung dar. Hat es der Aal geschafft, verbleibt er 10 bis 15 Jahre im Binnengewässer, bevor er sich auf den Weg zurück in sein Laichgebiet macht.

Für die heimischen Fischer ist der Aal eine wichtige Einnahmequelle, weil er zu den begehrtesten Speisefischen gehört. Eine Unterstützung des Aalbestandes durch eine künstliche Vermehrung ist bis jetzt nicht möglich.

Mit dem künstlichen Besatz sorgen die Berufsfischer von Strodehne bis Ketzin für die Wiederauffüllung des europäischen Aalbestandes, der viele Jahre rückläufig war. Schon seit 2006 koordiniert die Fischereischutzgenossenschaft Havel (FSG) in Brandenburg ein Pilotprojekt zur Förderung des Aallaicherbestandes. Zielstellung ist, dass mindestens 40 Prozent der ausgesetzten Aale nach ihrem 8- bis 15-jährigen Leben im Binnenwasser die Rückwanderung in die Laichgebiete im Golf von Mexiko antreten und erfolgreich zur Reproduktion des Aalbestandes beitragen.

Einmal im Jahr steht auch Fischer Thomas Völkel (l.) nach Aal an. Quelle: Frank Bürstenbinder

In der Realität wird bei den Berufsfischern also nur ein kleiner Teil der Aale auf der Schlachtbank oder im Räucherofen landen. Kormorane und Krankheiten, Raubfische und gefräßige Artgenossen, Wehre und Turbinen begleiten Aale ein Leben lang. Außerdem fordern die Angler ihr Glück heraus. Sie müssen sich jedoch mit zwei Aalen pro Tag zufrieden geben. Das Mindestmaß liegt bei 50 Zentimeter.

Insgesamt teilte die Fischereischutzgenossenschaft in dieser Woche rund 2,2 Tonnen vorgestreckter Aale unter ihren Mitgliedern auf. Sie wurden in einer Fischfarm im Emsland aus Glasaalen herangezogen, die vor der französischen Küste gefangen wurden. Rietz war der erste Aussetzort des Aal-Appells. Danach fuhr der Lastzug mit der wertvollen Fracht weiter nach Plaue, wo die nächste Übergabe an die Havelfischer stattfand. 80 Prozent der Besatzkosten werden aus EU- und Landesmitteln gefördert. Den Rest bringen Berufsfischer und Angler auf.

Die Aktion in dieser Woche ist nur ein Mosaikstein im sogenannten Elbeeinzugsgebiet mit seiner 35 000 Hektar großen Gewässerfläche. Vorrangig in Havel, Dahme und Spree werden in diesem Jahr mehr als fünf Millionen Glasaale und rund eine Million vorgestreckte Jungaale verteilt. „Neu im Boot ist dabei die Initiative zur Förderung des Europäischen Aals (ESF). Dank Gelder aus ihrem Fonds konnten zusätzlich 300 Kilo Besatzaale in der Havel und den Emster-Gewässern ausgesetzt werden“, berichtet FSG-Vorsitzender Ronald Menzel.

Eine Aalprobe für das Institut für Binnenfischerei Potsdam. Quelle: Frank Bürstenbinder

Fachlich begleitet wird das seit zwölf Jahren bestehende Pilotprojekt zur Förderung des Aalbestandes vom Institut für Binnenfischerei Potsdam-Sacrow. Deshalb waren im Morgengrauen die wissenschaftlichen Mitarbeiter Janek Simon und Eva Arlt in Rietz zur Stelle. Sie entnahmen Wasserproben aus den Fischtanks des Lastzuges und dem See. Einige Aale wurden zur Beobachtung in das Institut verbracht. „Die Bedingungen sind ideal. Einem Umzug der Fische steht nichts im Weg“, so das Fazit von Institutsmitarbeiter Simon. Für die Aale war es ein guter Start in die Freiheit.

Von Frank Bürstenbinder

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