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Als Rotkäppchen die Pistole zog

Sparkasse Wusterwitz Als Rotkäppchen die Pistole zog

Wegen seiner roten Kapuze wurde der Bankräuber Rotkäppchen genannt. Auch die Wusterwitzer Sparkasse wurde ein Opfer des Serientäters. 85 Jahre wird die MBS-Zweigstelle jetzt alt. Die jüngere Geschichte des Geldes in Wusterwitz steckt voller spannender Geschichten.

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Blick in die Vergangenheit: Die Sparkassenfrauen Helga Schimmer, Renate Bollenbach, Inge Schulze und Heidrun Zindler (v.l.).

Quelle: Frank Bürstenbinder

Wusterwitz. „Überfall!“ – Zunächst glaubt Inge Schulze an einen Scherz. Dem Mann mit der roten Kapuze entgegnet die Sparkassenangestellte deshalb entgeistert: „Im ernst?“ Doch der bewaffnete Ganove will Geld. Die damalige Chefin und heutige Amtsdirektorin Ramona Mayer ist gerade in einem Kundengespräch. Mit über 12 000 Mark gelingt dem als „Rotkäppchen“ in die ostdeutsche Nachwendegeschichte eingegangenen Bankräuber die Flucht. Seit 85 Jahren gibt es in Wusterwitz eine Sparkasse. Der einzige Überfall fand am 28. Januar 1998 statt. „Erst zu Hause habe ich die gefährliche Situation realisiert und brach in Tränen aus“, erinnert sich Inge Schulze, die es auf 44 Sparkassenjahre gebracht hat, heute.

Wechselvolle Geschichte

Die Kreissparkasse Genthin richtet 1932 im damaligen Großwusterwitz eine Nebenstelle in der heutigen Rosa-Luxemburg-Straße ein. Das genaue Datum ist nicht bekannt. 1949 erfolgt der Umzug in die Thälmann-Straße.

Mit der Bildung der DDR-Bezirke 1952 wird die Wusterwitzer Sparkasse zunächst der gemeinsamen Stadt- und Kreissparkasse Brandenburg angeschlossen. Von 1957 bis 1981 ist die Filiale Teil der Kreissparkasse Brandenburg.

1967 Umzug in die Bahnhofstraße. Erneuter Umzug 1982 in die Walther-Rathenau-Straße. Wieder Zusammenschluss von Stadt- und Kreissparkasse. Ab 1990 MBS-Zweigstelle. 2003 Eröffnung am heutigen Standort.

Der Heimat- und Kulturverein holte kürzlich ehemalige Mitarbeiterinnen der Filiale an einen Tisch. „So wie die Eisenbahn oder die Schule prägt die Sparkasse die Geschichte unserer Gemeinde mit. Sie hält unsere Wusterwitzer bis heute flüssig“, findet Marlies Gohlke. Sie führt die Heimatchronik und erinnert an Jubiläen, die sonst in Vergessenheit geraten wären. 85 Jahre Sparkasse ist zwar kein Grund für ein Volksfest, spannend ist die jüngere Geschichte des Geldes in Wusterwitz allemal. Vier Umzüge hat das 1932 als Nebenstelle der Kreissparkasse Genthin eingerichtete Geldinstitut hinter sich. 2003 wurden Akten und Tresore zum letzen Mal verladen. Und zwar aus den alten Räumen in der Walter-Rathenau -Straße in den vom Wusterwitzer Unternehmer Victor Stimming errichteten Neubaustandort auf dem Gelände des ehemaligen Burger Bekleidungswerkes.

Die Wusterwitzer MBS-Generation von heute

Die Wusterwitzer MBS-Generation von heute: Azubi Artur Onda, Leiterin Marlies Bethke und Mitarbeiterin Betina Haß (r.)

Quelle: Frank Bürstenbinder

Natürlich kann sich Renate Bollenbach, die bis 2004 in dieser Zweigstelle der Mittelbrandenburgischen Sparkasse (MBS) arbeitete, noch an die Einführung der D-Mark in Wusterwitz erinnern. Ein Volkspolizist war dabei, als das Westgeld mit dem Auto kam. Am 1. Juli 1990 gab es lange Schlangen vor dem Haus. „Es waren verrückte Tage, an denen wir nicht vor 22 Uhr zu Hause waren“, erinnert sich Renate Bollenbach. Die Bauzinsen lagen bei über acht Prozent. Dass Kunden heute für große Spareinlagen draufzahlen, war damals unvorstellbar.

Auch die DDR kam nicht ohne Geld aus. Betriebe und Geschäfte zahlten in bar ein, Renten wurden in bar ausgezahlt. Verantwortliche aus den umliegenden Dörfern holten die Altersbezüge für ihre Gemeinden mit dem Motorrad, dem Bus oder Fahrrad ab. In den Gemeindebüros wurde dann die Rente verteilt. „Für die Wusterwitzer Senioren zahlten wir das Geld in der Bibliothek aus. Ich glaube niemand wäre auf die Idee gekommen uns zu überfallen“, berichtet Heidrun Zindler, die 17 Jahre Leiterin der Filiale war. Das Geld wurde in einer Tasche mit dem Handwagen zur Auszahlungsstelle gekarrt. Bewaffnet waren nur die sowjetischen Soldaten, die Frauen vom Russenmagazin in Kirchmöser zum Einzahlen begleiteten. Über die Sparkasse floss auch der Sold für die Soldaten der Wusterwitzer Radarstation.

Ihr Geld auf die hohe Kante gelegt haben die Wusterwitzer schon vor der Einrichtung der Zweigstelle vor 85 Jahren. Das belegt ein Sparbuch von 1917 der Sparkasse des Kreises Jerichow II, zu dem die Gemeinde bis 1952 gehörte. Das letzte Guthaben eines Großwusterwitzers lag 1924 bei 6 Mark und 18 Pfennig. Für Bankgeschäfte mussten Kunden in die Kreisstadt Genthin fahren. Das änderte sich erst 1932 mit der Nebenstelle, die in der Lynkerstraße, der späteren Rosa-Luxemburg-Straße eröffnet wurde.

Heute werden in der modernen MBS-Filiale über 2000 Konten geführt. „Das Vertrauen der Wusterwitzer in die Sparkasse ist ungebrochen. Wir sind froh, dass wir unsere Kunden nach so vielen Jahren vor Ort betreuen dürfen“, sagte Zweigstellenleiterin Marlies Bethke der MAZ. Zusammen mit Betina Haß und Bankkaufmann-Azubi Artur Onda hält sie die Wusterwitzer auch 85 Jahre nach dem Einzug der Sparkasse flüssig. Schalterüberfälle lohnen sich heute nicht mehr. Bargeld gibt es ausschließlich am Automaten, eine Umstellung vor allem für ältere Kunden. „Doch wenn es klemmt, sind wir ja da“, verspricht Marlies Bethke. Übrigens brachte es der Rotkäppchen-Bankräuber, ein ehemaliger NVA-Offizier, auf 28 Überfälle. 15 Monate nach Wusterwitz wurde Heinz-Otto H. festgenommen.

Von Frank Bürstenbinder

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