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Brandenburg/Havel Als die SS Gertrud Piter ermordete
Lokales Brandenburg/Havel Als die SS Gertrud Piter ermordete
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16:24 16.09.2018
Gertrud Piter (links) in ihrer Wohnung in der Mühlentorstraße 15 (späte 1920er Jahre) Quelle: privat
Brandenburg/H

So muss man sich wohl die Hölle vorstellen. Polizisten, Gestapo- und SS-Männer nehmen die Frau in die Mangel, schlagen und foltern sie. Sie wollen aus Gertrud Piter herauspressen, mit wem sie im kommunistischen Untergrund zusammengearbeitet hat. Sie vergewaltigen die Frau, sie wollen sie brechen. Sie holen nicht aus ihre heraus.

Elf Tage währt das Martyrium, am 22. September 1933 ist Gertrud Piter tot. Damit niemand peinliche Fragen stellt, hängen die Schergen die Leiche an das Gitter der Zelle und teilen der Mutter kurz mit: „Ihre Tochter hat sich erhängt“. Sie „war das erste Blutopfer der faschistischen Diktatur in der Stadt Brandenburg“, schreibt der „Kulturspiegel“ im August 1977.

Symbolisch zurück nach Hause

Eine Gedenk-Aktion für Gertrud Piter organisiert die Brandenburger Links-Partei. „An die Zeit des aufkommenden Faschismus zu erinnern und an die ersten Morde vor 85 Jahren ist heute aktueller denn je“, teilt Heidi Hauffe mit.

Symbolisch wollen die Teilnehmer Gertrud Piter nach Hause begleiten, also vom Stadthaus, in dem Piter vor 85 Jahren ermordet worden ist, in die Mühlentorstraße 15, wo sie zuletzt gelebt hat.

Unterwegs will man an mehreren Stationen an Gertrud Piter erinnern.

Treffpunkt für alle, die sich mitgehen möchten, ist am Mittwoch, 19. September um 18 Uhr die Gedenktafel am Stadthaus am Nicolaiplatz 30.

Gertrud Piter war die erste Frau, die am 21. September 1933 in das KZ Brandenburg im ehemaligen Zuchthaus am Nicolaiplatz gesteckt worden ist. Verhaftet hatte man sie bereits am 11. September. „Durch einen Spitzel der Gestapo aus Rathenow gelang es dann, Einblick in die Brandenburger Organisation zu bekommen“, notierte Paul Schulze 2002 in einem Beitrag über Gertrud Piter. 45 Menschen kamen in Haft, darunter die 34-Jährige.

Aus dem Untergrund heraus hatten Brandenburger Kommunisten gegen das Nazi-Regime agiert. Zu den Aktivitäten gehörten die Produktion und der Vertrieb der Flugblatt-Zeitung „Rote BZ“. Gertrud Piter war eine der Aktivsten, zuletzt führte sie die kleine Organisation.

Der kleine Magdeburger Platz trägt seit 1950 Gertrud Piters Namen. Quelle: Heiko Hesse

Mit der Machtübernahme der Nazis hatte sie ihren Arbeitsplatz in der Spielwarenfabrik von Oskar Wiederholz in Brandenburg verloren. Der Betrieb hatte die rege Betriebsrätin und kommunistische Stadtverordnete schon früher entlassen wollen, nun, nach dem reichsweiten Verbot der KPD, nutzte Wiederholz die Gelegenheit und schickte Piter in die Arbeitslosigkeit.

Geboren wurde Gertrud Piter am 12. Februar 1899 in Brielow – als fünftes von sieben Kindern des Arbeiters Stefan Piter und seiner Frau Franziska Jendretzyk. Nach der Schule mussten die Kinder noch in der Landwirtschaft helfen. 1910 zog die Familie in die Stadt Brandenburg. Da die Familie nicht das Geld für die Ausbildung der Kinder hatte, mussten sie sich so früh wie möglich selbst ernähren. Gertrud Piter ging als 14-Jährige als Hausmädchen bei einem Bauern in Stellung.

Orte des Erinnerns

Der Magdeburger Platz in Brandenburg ist 1950 in Gertrud-Piter-Platz umbenannt worden.

Eine Kindertagesstätte nahe des Nicolaiplatzes trug bis zu ihrer Auflösung im Jahre 2013 den Namen Gertrud Piters.

Eine Gedenktafel am Stadthaus am Nicolaiplatz (ehemals KZ) erinnert an den Tod der Politikerin.

In der Mühlentorstraße 15, wo Piter zuletzt lebte, befindet sich eine weitere Gedenktafel an der Fassade.

Später fand sie Arbeit in Brandenburg, erst in einer Zigarrenfabrik, später bei den Corona-Fahrradwerken, dann in der Kammgarnspinnerei Kummerlé und schließlich bei Oskar Wiederholz, der mit seinen Lineol-Figuren national und international gute Geschäfte machte. Schon seit Beginn der 20er Jahre war Gertrud Piter politisch aktiv. Sie trat in die Gewerkschaft ein. 1922 schloss sie sich der KPD an, später auch dem Roten Frauen- und Mädchenbund.

Mit der katholischen Kirche brach sie 1924, sie wurde Freidenkerin. Chronist Paul Schulze notierte: „Sie hatte sich durch ihre vielseitige, politische Tätigkeit das Vertrauen vieler Brandenburger Arbeiterinnen und Arbeiter erworben, erhielt bei der Stadtverordnetenwahl 1924 ihre Stimmen und zog als einzige Frau der kommunistischen Fraktion ins Stadtparlament ein.“

Mit der Machtübernahme und dem KPD-Verbot lebten die Kommunisten ständig in der Angst, verhaftet zu werden. Einem Zeitzeugen zufolge sah Gertrud Piter die Gefahr mit einer gewissen Gelassenheit entgegen. Sie werde ihren Mann stehen, sagte sie einem anderen KPD-Mitglied, das sie einmal auf der Hauptstraße traf.

Am Grab von Gertrud Piter auf dem Altstädtischen Friedhof steht eine hölzerne Grabplatte Quelle: Heiko Hesse

Als die illegale Unterbezirksleitung Brandenburg der KPD aufflog, wurde Gertrud Piter ins Polizeigefängnis gesteckt, das sich in der Wache im Neustädtischen Rathaus befand. Dort stand sie ihren Mann und wurde zehn Tage später in das KZ verfrachtet, das seit dem 24. August bestand. Der regimenahe „Brandenburger Anzeiger“ berichtete an diesem Tage über das Lager: „Für manche Brandenburger möge dies Konzentrationslager eine Warnung sein, unsinnige politische Gerüchte in die Welt zu setzen oder durch Äußerungen bzw. Taten Sabotage am Aufbauwillen unserer Regierung zu treiben.“

Ein KPD-Mitglied, das zur gleichen Zeit in dem Lager saß, berichtete in einem Brief darüber, wie es Gertrud Piter erging: „Ich erfuhr, dass im linken Seitenflügel die erste Frau eingeliefert sei. Einen Tag berichtete ein SS-Mann folgende Scheußlichkeiten seiner SS-Kameraden: ,Solche Schweine, solche Halunken, diese Frau ist ja so standhaft. Tag und Nacht hat man sie geschlagen, aber sie gab keine Auskunft, wer ihre Mitarbeiter waren. Es war furchtbar, was ich an diesen Tagen gesehen habe. Der Kommandant war schlimmer als ein Tier. Aus vielen Wunden blutend, wurde sie von diesen Tieren am Fenster der Zelle aufgehängt, um die Spuren ihres Sadismus zu vertuschen.“

Mitarbeiter der Spielwarenfabrik legen (wahrscheinlich am 22. September 1953) einen Kranz am Wohnhaus Piters nieder. Quelle: Repro: MAZ

Im Krematorium durfte die Mutter ein letztes Mal ihre Gertrud sehen. Sie hob das Tuch hoch, mit der die Leiche verdeckt war, und sah, dass der Körper ihrer Tochter blutunterlaufen, blau und geschwollen war. Als sie das Tuch auch von den Füßen abnehmen wollte, ging der Aufseher dazwischen und verwies Mutter Piter des Raumes.

Um Aufruhr zu verhindern, schirmte die Polizei die Beisetzung von Gertrud Piter auf dem Altstädtischen Friedhof ab. Nur die engsten Angehörigen durften dabei sein.

Von Heiko Hesse

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