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Brandenburg/Havel Als die Schiffer eine Macht waren
Lokales Brandenburg/Havel Als die Schiffer eine Macht waren
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18:03 13.05.2016
Jürgen Patzlaff mit einer Toplampe im Laderaum der „Ilse-Lucie“. Quelle: Frank Bürstenbinder
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Pritzerbe

Über 60 Schiffseigner, drei arbeitende Werften, eine überregionale Schiffsversicherung, eine Fachschule und ein Verein als berufsständische Interessenvertretung. Das war einmal die Blütezeit der Binnenschifffahrt in dem über 1050-jährigen Havelstädtchen. Schleppkähne mit dem Heimathafen Pritzerbe waren die Packesel auf Havel, Spree und Elbe. Ziegel, Holz und Kohle wurde in den Bäuchen der heimischen Wasserfahrzeuge ebenso transportiert, wie Rüben, Kartoffeln und Getreide. Geschleppt oft im Verband von Dampfschiffen. Viel mehr als Erinnerungen an eine ruhmreiche Ära würde es heute nicht geben, wäre da nicht Jürgen Patzlaff.

Das Vereinsschiff „Ilse-Lucie“ an der Pritzerber Ablage. Quelle: Frank Bürstenbinder

Der pensionierte Kapitän der Binnenschifffahrt zeigt ab diesem Sonnabend im Laderaum des Finowmaßkahns „Ilse-Lucie“, was er im Laufe vieler Jahre über die Geschichte der Pritzerber Schifffahrt zusammengetragen hat. Der 1927 erbaute Schleppkahn lief zwar nicht in Pritzerbe vom Stapel, kommt aber den bei Paelegrimm, Günther oder Heuser gebauten Kähnen in Form und Maße sehr nahe. Das an der Ablage festgemachte Schiff ohne eigenen Antrieb gehört dem 2011 neu gegründeten „Pritzerber Schifffahrtsverein 1776“. In 700 ehrenamtlichen Arbeitsstunden und einer Investition von rund 50 000 Euro wurde der Kahn soweit überholt, dass seit dem vergangenen Jahr öffentliche Ausstellungen möglich sind.

An Wochenenden geöffnet

Die Ausstellung über die Pritzerber Schifffahrtsgeschichte an Bord des Vereinsschiffes „Ilse-Lucie“ ist am Sonnabend von 11 bis 17 Uhr, sowie an den Pfingstfeiertagen von 14 bis 17.30 Uhr zu sehen. Danach ist jedes Wochenende geöffnet. Führungen außer der Reihe sind nach Anmeldung (0171/6 91 56 36) möglich.

Der „Pritzerber Schifffahrtsverein 1776“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Schifffahrtsgeschichte der Stadt Pritzerbe erlebbar zu machen. Schiffbau ist in Pritzerbe ab 1861 bis 1929 auf bis zu drei gleichzeitig arbeitenden Werften nachweisbar.

Gezählt hat Jürgen Patzlaff die an den Bordwänden und auf dem Schiffsboden aufgereihten Dokumente, Fotos und Artefakte nicht. Aber die vielen Exponate lassen erahnen, welche große Bedeutung Werften und Schiffseigner einst für Pritzerbe hatten. Respekteinflößend ist zum Beispiel die wohl nur von zwei kräftigen Männern zu tragende Werkzeugkiste für Schiffbauer. Diese stammt aus einer Zeit, als Löcher noch mit Muskelkraft gebohrt wurden – auch in Metall. Säge, Feile, Hobel, Raspel und Kalfaterhammer fehlen ebenso wenig wie eine Arbeitslampe.

Segel und Lukendeckel

Erstmals mit der neuen Ausstellungssaison wird den Besuchern der „Ilse-Lucie“ ein Segel gezeigt, dass zur Originalausstattung eines 1929 in Pritzerbe gebauten Schleppkahns gehörte. Wer damals der Segelmacher in der Stadt war, lässt sich heute nicht mehr herausfinden. Vielleicht wurde es auch von der Werft bei einem auswärtigen Zulieferer eingekauft. Neu ausgestellt hat der Verein geteerte Lukendeckel des Schleppkahns „Fritz Willi“, Baujahr 1905. Dazu kommen zahlreiche Dokumente und Modelle, die die Schifffahrtsgeschichte in Erinnerung rufen.

So weit bekannt sind in Pritzerbe über 80 Schiffe entstanden. „Doch die Liste ist unvollständig, weil viele Binnenschifffahrtsregister fehlen, wie zum Beispiel in Rathenow“, weiß Vereinschef und Binnenschiffer Patzlaff. Das letzte noch im Einsatz gewesene Schiff Made in Pritzerbe wurde 2011 in Bremen verschrottet. Es war 1907 als „Emma“ vom Stapel gelaufen. Gänzlich unbekannt ist das Schicksal der Flottenteile, die nach 1945 enteignet und als Reparationsleistungen in die Sowjetunion überführt wurden. „Ich kann nur vermuten, dass die eisernen Schiffskörper längst alle in den Schmelzöfen verschwunden sind“, so Patzlaff.

Großes Ziel vor Augen

Eine gute Stunde Zeit sollten sich Besucher für einen Rundgang an Bord der „Ilse Lucie“ nehmen. Eintritt wird nicht erhoben. Aber für eine Spende sind die Vereinsmitglieder immer dankbar. Denn sie haben noch ein großes Ziel vor Augen. Das ist die Wiederherstellung der Eigner- und Schiffsführerkabine im Heck des Schleppkahns.

Von Frank Bürstenbinder

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