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Anke Domscheit-Berg (Linke) im Wahltest

Bundestagswahl 2017 Anke Domscheit-Berg (Linke) im Wahltest

uf der Zielgeraden der Bundestagswahl am kommenden Sonntag haben wir Anke Domscheit-Berg (49), Linke-Direktkandidatin im Wahlkreis 60, um Antworten auf einen Fragebogen gebeten, der an das berühmte Merkbuch der Bekenntnisse des französischen Schriftstellers Marcel Proust angelehnt ist.

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Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Auf der Zielgeraden der Bundestagswahl am kommenden Sonntag haben wir Anke Domscheit-Berg (49), Linke-Direktkandidatin im Wahlkreis 60, um Antworten auf einen Fragebogen gebeten, der an das berühmte Merkbuch der Bekenntnisse des französischen Schriftstellers Marcel Proust angelehnt ist.

MAZ: Was an Ihnen ist typisch Brandenburg, was typisch deutsch?

Domscheit-Berg: Typisch Brandenburg ist vielleicht, dass ich zwar sowohl die Lebensqualität des ländlichen Raumes als auch die Vorzüge der Großstadt Berlin schätze, dass ich als Lebensmittelpunkt aber das Ländliche der Großstadt vorziehe. Typisch deutsch? Mir ist nicht ganz klar, was das eigentlich sein soll, es gibt ja so viel Vielfalt in Deutschland – zwischen Bayern und Brandenburg liegen Welten. Wenn man aber bei Klischees bleiben möchte, dann ist mein Hang zur Pünktlichkeit vermutlich deutsch, oder wie wichtig mir der eigene Garten ist, oder auch, dass ich sehr gern Königsberger Klopse und Apfelkuchen mit Streuseln esse.

Welches Land reizt Sie mehr: die USA oder China?

China. Dort entstehen gerade sehr viele spannende Innovationen, es werden preiswert großzügige Häuser mit dem 3D-Drucker gedruckt und ganze Städte aus dem Boden gestampft, die emissionsfrei sind und Gigabit schnelles Internet haben. Das gibt es weder bei uns noch in den USA. Generell ist China gerade auf der Überholspur, was die Umsetzung der Energiewende angeht. Ich habe beide Länder schon besucht, China fand ich aufregender, das Essen besser, die Jahrtausende alte Kulturgeschichte faszinierend. Was die Demokratie und Freiheitsrechte angeht, sehe ich jedoch in beiden Ländern Probleme, wenn natürlich in unterschiedlicher Ausprägung.

Wie lautet Ihr Lieblingswort?

Augenweide.

Warum sind Sie Politiker geworden bzw. wollen es werden?

Weil ich glaube, dass auch ein einzelnes Individuum im Politikbetrieb einen Unterschied machen kann, weil ich außerdem das Bedürfnis habe, einer AfD politisch entgegen zu treten, und weil ich der Überzeugung bin, dass es mehr Kompetenz zu Zukunftsfragen und zur Verknüpfung der Digitalen Revolution mit einer Sozialen Revolution im Bundestag braucht – Themen, bei denen ich mich auskenne und die extrem wichtig aber noch zu wenig beachtet sind.

Welche Jugendsünde haben Sie einst begangen?

Ich habe einmal mit einem Luftgewehr auf Äpfel in einem fremden Garten geschossen. An die möglichen Kollateralschäden habe ich damals nicht gedacht. Zum Glück ist nichts passiert.

Wer oder was bereitet Ihnen Angst?

Ein internationaler Rechtsruck, zunehmende Militarisierung und Polarisierung und in Deutschland vor allem der wachsende Rassismus und Nationalismus, gepaart mit der Abwertung von Grundrechten, Intoleranz und Gleichgültigkeit, etwa wenn man sich öffentlich darüber freut, dass weniger Geflüchtete nach Europa kommen, wohl wissend, dass das nur so ist, weil sie z.B. im Mittelmeer ertrinken, in der Wüste verdursten oder in libyschen Lagern gefoltert und vergewaltigt werden. Ich sehe unsere Demokratie in Gefahr und ja, das macht mir Angst.

Wer oder was macht Ihnen Mut?

Die Millionen Menschen, die als Flüchtlingshelfer*innen in Deutschland nach wie vor dafür sorgen, dass die Integration Geflüchteter gelingt, obwohl ihnen das z.B. durch die deutsche Bürokratie und restriktive gesetzliche Regelungen (Stichworte: Zugang zu Deutschkursen, Familiennachzug) nicht leicht gemacht wird. Mut machen mir auch die vielen Menschen, die mich im Wahlkampf auf der Straße ansprachen und die betonten, dass sie jetzt erst recht wählen gehen werden, um unsere demokratischen Werte zu verteidigen.

Wen oder was ertragen Sie nur mit Humor?

Pubertierende Jugendliche. Sie können sehr anstrengend sein, aber wenn man darüber lachen kann (z.B. wenn man sich an die eigene Jugend erinnert), ist es halb so wild.

Was empfinden Sie, wenn Sie die deutsche Nationalhymne hören?

Das hängt vom Kontext ab. Bei einer Medaillenverleihung zu den Olympischen Spielen freue ich mich zum Beispiel mit den Sportler*innen auf dem Siegertreppchen, wenn unsere Nationalhymne erklingt. Wenn sie bei einer Veranstaltung ewiggestriger Nationalisten, die am liebsten Grenzmauern um Deutschland ziehen und auf Geflüchtete schießen wollen, ertönt, sehe ich das Lied missbraucht und kann nichts Positives dabei empfinden.

Wohin zurück soll Sie die Zeitmaschine führen?

Nach Bessarabien, z.B. in die 1920er Jahre. Da waren meine Großeltern mütterlicherseits gerade Anfang Zwanzig. Ich hätte gern mehr über das Leben in den Dörfern deutscher Auswanderer am Schwarzen Meer erfahren, in denen meine Vorfahren für ca. 125 Jahre lebten.

Sie erwachen aus einem 100-jährigen Schlaf. Wonach fragen Sie?

Nach dem Zustand des Planeten, also den bis dahin eingetretenen Folgen des Klimawandels, ob es immer noch Krieg und Armut gibt, oder ob sich die Menschheit bis dahin dazu aufraffen konnte, ihre Talente und Intelligenz nur noch zur Lösung globaler Probleme einzusetzen und nicht zur gegenseitigen Vernichtung und Ausbeutung. Die Zukunft kann so viele Möglichkeiten bringen – sehr gute und sehr schlechte. Ich hoffe, dass wir in den nächsten 100 Jahren die Weichen so stellen werden, dass die guten Möglichkeiten unsere tatsächliche Zukunft werden.

Aus welchem Grund könnten Sie Deutschland den Rücken kehren?

Wenn unser Grundgesetz und damit unsere Grundrechte abgeschafft wurden und eine Partei mit Nazi-Ideologie die Macht ergriffen hätte – dazu wird es aber hoffentlich nie kommen.

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

„Change Agent” von Daniel Juarez, darin geht es um die nächste industrielle Revolution, die auf Gen-Technologie und Bio-Design basiert. Sehr spannende Lektüre, die auf der Basis heutiger Forschungen einen Blick in die Zukunft wagt, das Ganze verknüpft mit einem fesselnden Krimi.

Was haben Sie noch nie gekauft?

Ein Auto.

Wie viel mehr als jetzt würden Sie verdienen, wenn Sie in den Bundestag einziehen sollten?

Ich bin selbstständig, mein Einkommen schwankt daher stark, in manchen Monaten würde ich mehr, in anderen weniger verdienen als jetzt.

Welche Schulnote würden Sie sich selbst im Singen geben?

2 Minus – was bedauerlich ist, denn meine Mutter war eine begnadete Konzertsängerin. Ich habe das leider nicht geerbt.

Sie dürfen 50 000 Euro spenden — wer bekommt das Geld?

Ich würde es an das Calliope Bildungsprojekt spenden, für digitale Bildung in Grundschulen. Für 50 000 Euro könnte man für 1500 Kinder einen Calliope Mini bezahlen und hätte noch 12 500 Euro für Lehrerweiterbildung. Mit dem Calliope Mini, einem Micro Controller können Kinder spielerisch Programmieren lernen und Grundkenntnisse der Elektronik erwerben.

Welche Eigenschaften oder Fähigkeiten von Angela Merkel, Martin Schulz und Sahra Wagenknecht besäßen Sie gern?

Angela Merkel soll gut Kartoffelsuppe kochen können. Ich habe von meiner Mutter zwar gelernt, wie man leckeren Russischen Borschtsch kocht, aber an Kartoffelsuppe habe ich mich tatsächlich noch nie versucht. Eine Scheibe vom unerschütterlichen Optimismus in aussichtsloser Lage hätte ich von Martin Schulz ganz gern. Manchmal kann das hilfreich sein. Sahra Wagenknecht ist definitiv sportlich fitter als ich und da mein Mann sehr gern Rad fährt und ich bisher nicht mithalten kann, hätte ich gern ihre Fitness.

Welche drei Nicht-Politiker hätten Sie gern als Telefon-Joker?

Meinen Mann, die Publizistin Bascha Mika und Gregor Gysi.

Was sollte Deutschland haben, was das Land noch nicht hat?

Ein flächendeckendes Glasfasernetz bis ins letzte Dorf in öffentlicher Hand – für Internet mit Gigabit Geschwindigkeit, das sich jeder leisten kann und das zur Daseinsvorsorge gehört.

Was möchten Sie Ihren Wählern in vier Jahren als Ihren politischen Erfolg im Deutschen Bundestag vorzeigen?

Ich möchte dazu beitragen, ein paar Weichen für die Zukunft klug zu stellen. Das fängt bei Breitbandinfrastruktur an und hört bei der Bildung nicht auf. Mir liegt auch viel an der Herstellung sozialer Gerechtigkeit, denn in Deutschland ist jedes 5. Kind und jeder 7. Rentner arm oder von Armut bedroht. Arme haben schlechtere Lebenschancen und sterben früher – das sollten wir in unserem reichen Land nicht hinnehmen. Daneben möchte ich auch möglichst viele Abgeordnete von der Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens überzeugen, denn langfristig werden Roboter und Künstliche Intelligenz viele Arbeitsplätze ersetzen. Daher brauchen wir eine soziale Revolution, um die Würde des Menschen auch dann zu wahren, wenn bezahlte Arbeit nicht mehr für jeden zu haben ist.

Von Jürgen Lauterbach

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