Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Annika ist Autistin und geht aufs Gymnasium

Mittendrin statt isoliert in Brandenburg/Havel Annika ist Autistin und geht aufs Gymnasium

Annika spricht nicht. Manchmal bewegt und verhält sie sich merkwürdig. Ihre Diagnose: frühkindlicher Autismus. Doch isoliert aufwachsen soll das zierliche Mädchen nicht, sondern vielmehr mittendrin. Soweit bekannt ist sie in Brandenburg an der Havel die erste Gymnasiastin mit frühkindlichem Autismus.

Bradenburg/H Dom 52.4151668 12.5676519
Google Map of 52.4151668,12.5676519
Bradenburg/H Dom Mehr Infos
Nächster Artikel
Neues Stadtmagazin erscheint am Montag

Annika (2. von links) geht seit dem Sommer in Klasse 7 B des Domgymasiums. Sophie Degner (links) unterstützt die autistische Schülerin.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Brandenburg an der Havel. Annika ist 14 Jahre alt und eine ungewöhnliche Schülerin. Das blonde Mädchen aus Kirchmöser spricht nicht, hält ihr Innenleben versteckt, bewegt und benimmt sich manchmal ganz schön merkwürdig. Trotzdem lieben, mögen und schätzen Mitschüler und Lehrer die einzigartig begabte Annika. Soweit bekannt ist sie in Brandenburg an der Havel die erste Gymnasiastin mit frühkindlichem Autismus.

Die Lateinstunde ist gerade aus. Der MAZ-Fotograf muss die Siebtklässler des Domgymnasiums nicht lange bitten. Sie scharen sich wie sonst auch um ein zartes blondes Mädchen, das interessiert, aber etwas irritiert und scheu dreinschaut. Die anderen Jungen und Mädchen der Klasse 7 B wissen um die Schwächen ihrer Mitschülerin. Sie wissen aber auch, was sie an ihr haben. Klassenlehrer Gerd Manske spricht von einer Bereicherung für alle.

Annika soll nicht isoliert aufwachsen, sondern mittendrin

Annika lebt seit 14 Jahren die meiste Zeit in ihrer eigenen Welt. Die erschließt sich der Mehrheit der Menschen nicht oder nur schwer. Mit zwei Jahren konnte Annika Mama und Papa sagen, danach sprach sie gar nicht mehr. Ihre Eltern Roswitha Lukas-Heger und Torsten Heger aus Kirchmöser, gaben nicht auf, als sie die Diagnose erfuhren: frühkindlicher Autismus.

Seither versuchen die Eltern alles, um Annika und ihrem drei Jahre jüngeren ebenfalls autistischen Bruder Sebastian ein schönes erfülltes Leben zu ermöglichen, nicht isoliert in Sondereinrichtungen und somit behütet vor der Außenwelt, sondern möglichst mittendrin. Erst im Kindergarten, dann in der Grundschule und nun im Falle Annikas sogar auf dem Gymnasium.

Brandenburgs Gymnasien wollten mit und von Annika lernen

Nach anfänglicher Skepsis sind alle drei Brandenburger Gymnasien bereit, die behinderte Schülerin aufzunehmen, mit und von ihr zu lernen. Die Wahl der Hegers fällt auf das sozial und baulich überschaubare Domgymnasium. Annikas Glück setzt sich dort seit dem Sommer fort. Wie vorher in Kirchmöser läuft sie auf der Dominsel in offene Arme, trotz aller Handicaps, die sie ihn ihrem Tornister schultern muss.

Die neue Umgebung und vor allem die beiden Klassenlehrer der 7b, Gerd Manske und Jana Mix, empfindet Annika Mutter als Segen und als Geschenk für ihr Kind, dem Kommunikation unendlich schwer fällt. Zu beiden findet das behinderte Mädchen sogleich einen Draht – und umgekehrt.

Die Schülerin folgt häufig ihren eigenen Regeln

Beim Klassenausflug

Beim Klassenausflug.

Quelle: Gerd Manske

„Sobald Herr Manske seinen Unterricht beginnt, folgt Annika wie gebannt“, erzählt Roswitha Lukas-Heger. Aufmerksamkeit ist sonst nicht durchweg Annikas Stärke. Sie folgt oft eigenen Regeln, gibt Laute von sich, bewegt sich schräg, läuft auch schon mal umher, wenn ihr alles zu viel wird. All das ist nicht bös gemeint, es ist nur die Form, in der sich der Autismus bei dieser junge Frau Bahn bricht.

„Uns würde etwas fehlen, wenn Annika nicht da wäre“, versichert Klassenlehrer Manske in Bezug auf sich, seine Kollegen, die Mitschüler und die Eltern der Mitschüler. „Meine Angst ist nur, dass wir ihr nicht gerecht werden“, fügt er hinzu.

Diese Angst scheint unbegründet, denn die Eltern erleben ihr Kind glücklich. Auch wenn weiterhin niemand wirklich weiß, was in ihr vorgeht, welchen Unterrichtsstoff sie aufnimmt und verarbeitet. Die Lateinlehrerin bescheinigt der Schülerin immerhin Leistungen im Bereich befriedigend bis ausreichend.

Klasse ist im Umgang sehr sozial untereinander

Ein Film über den Urknall, den Lehrer Manske der Klasse über den Urknall vorführte, weckte ganz sicher eine Welt in Annika. Denn sie blieb bei der Sache, nickte voll Wonne, war konzentriert wie selten. „Annika bekommt von uns so viel Input wie möglich, auch wenn wir nicht wissen wie sie damit umgeht“, erzählt der Lehrer für Biologie, Chemie und Religion.

Für Gerd Manske sind andere Dinge ebenso wichtig. „Mit unserer Klasse macht es sehr viel, dass Annika da ist“, sagt er. „Die Klasse ist sehr sozial im Umgang, nicht nur mit Annika, die Schüler sind auch behutsamer im Umgang mit anderen.“ Der Klassenlehrer nennt diese Wirkung unbezahlbar. Der gemeinsame Klassenausflug, Annikas erste Trennung von der Familie, verläuft problemlos.

Annikas Teilnahme am Schulunterricht steht und fällt gleichwohl mit ihren Schulbegleitern. Sophie Degner und ihr Kollege wechseln sich darin ab, im Alltag und auch während der Schulstunden an der Seite des Mädchens zu sein, Annika zu fördern, ihr beim Lernen zu helfen. Denn Autisten sind zwar in der Regel lernfähig, lernen aber anders. So kann Annika zwar schreiben, tut es aber nicht auf Kommando. Dringend sucht die Familie Heger derzeit nach einem Mann oder einer Frau, die sich nach gründlicher Einarbeitung als bezahlte Begleiter Annikas in Teilzeitarbeit engagieren.

Die Familie sucht engagierten Schulbegleiter

Autistische Menschen haben Probleme in der Kommunikation, im sozialen Austausch, im Verhalten, in ihrer Wahrnehmung und ihren Bewegungen.

Ausprägung und Schweregrad sind sehr unterschiedlich, daher spricht die Fachwelt von der Autismusspektrumstörung (ASS).

Medikamente und Therapien, die Autismus heilen, gibt es nicht.

Autismus äußert sich bei Betroffenen wie ein roter Faden das ganze Leben lang, wie sehr, das hängt ab von Bedingungen wie dem Umfeld, dem Alter, der Förderung und den Lernerfahrungen.

„Kein Autist gleicht dem anderen, jeder ist anders betroffen“, sagt Roswitha Lukas-Heger, die dabei ungern von einer „Krankheit“ spricht.

Eine Besonderheit zeichnet Autisten ihr zufolge aus: Sie sind von Natur aus „brutal ehrlich“.

Alle drei Gymnasien in der Stadt wollten Annika haben. „Das haben wir nicht zuletzt dem Schulamt und der Grundschule in Kirchmöser zu verdanken“, sagt Roswitha Lukas-Heger.

Die Familie Heger sucht dringend einen männlichen oder weiblichen Schulbegleiter als Integrationshilfe und Co-Therapeut. Wichtig sind hohes Interesse an „inklusivem Arbeiten“, eine hohe Motivation und Erfahrungen auf pädagogischem Gebiet. Roswitha Lukas-Heger ist zu erreichen unter der E-Mail-Adresse
roswitha.lukas@web.de oder unter Telefon 0 33 81 / 8 04 02 12.

Abstimmung unter den Lehrern

In der Teich-Arbeitsgemeinschaft

In der Teich-Arbeitsgemeinschaft.

Quelle: Malo

Annikas Wechsel aufs Domgymnasium ging eine lange Vorbereitung voraus, Annika musste den Eingangstest bestehen wie alle anderen. Ihre Mutter: „In Mathe war sie bei einer Aufgabe so schnell, dass der Klassenlehrer heute noch darüber staunt.“

Bei einer Abstimmung im Lehrerkollegium habe sich die Mehrheit für Annika Aufnahme ausgesprochen, berichtet Schulleiter Winfried Overbeck. Er ist stolz auf die anderen Schüler seines Gymnasiums, die Annika offen in ihren Kreis aufgenommen haben, im Unterricht, auf dem Schulhof, auf Ausflügen.

Verschiedenheiten müssen als Normalität begriffen werden

Auch wenn unartikulierte Rufe des Mädchens gelegentlich durch das ganze Schulgebäude hallen, sieht auch Overbeck seine außergewöhnliche Schülerin als ein Glück fürs Domgymnasium an. „Die Schule lernt, mit Verschiedenheit umzugehen und diese als Normalität zu begreifen“, sagt er.

Annika sei eben ein Mensch mit besonderen Gaben und Schwierigkeiten. „Wir möchten ihr ein soziales Umfeld geben, in dem sie sich wohlfühlt und nach ihren Möglichkeiten intellektuell weiterentwickelt“, erklärt der Schuldirektor.

Verhalten autistischer Kinder wird oft missgedeutet

Im Unterschied zu anderen Behinderungen ist Autismus meist unsichtbar, das Verhalten der Kinder wird daher oft missgedeutet als Ergebnis unzureichender Erziehung. Autisten können ewig lang die immer gleichen stereotypen Bewegungen machen, zum Beispiel im Kreis herrumlaufen. Wegen ihrer Wahrnehmungsstörungen sind sie oft sehr geräuschempfindlich. Annika zum Beispiel bekommt Panik, wenn sie einen Rasenmäher hört.

„Viele autistische Kinder sind auf der Haut so übersensibel, wie andere es bei einem Sonnenbrand sind“, erklärt Roswitha Lukas-Heger. „Auch wir möchten nicht auf sonnenverbrannter Haut gestreichelt werden“, fügt sie erklärend hinzu.

Wenn die Sinne gleichzeitig powern

Während nicht behinderte Menschen Informationen unbewusst filtern und Unwichtiges übergehen, fehlt autistischen Kindern wie Annika diese Fähigkeit: Durch ihr weites Aufmerksamkeitsfenster prasselt alles an Geräuschen, Menschen, Objekten gleichzeitig ungefiltert auf ihr Gehirn ein.

Das gilt auch im Klassenraum. Roswitha Lukas-Heger: Alle Sinne powern gleichzeitig: detaillierte Bilder der Umgebung, Mitschüler, das Zwitschern der Vögel draußen, das Kratzen der Stifte, der Vortrag des Lehrers. Kinder wie Annika kostet es Kraft, sich zu konzentrieren und Zusammenhänge zu erkennen.

Das sei Fluch und Segen zugleich, sagt Annikas Mutter. Mit ihrem Sinn für Details erkennen Autisten in einer Sammlung von hundert Glaskugeln auf Anhieb, dass eine fehlt. Wenn in einem Raum ein Stuhl einmal anders steht als sonst, fällt ihnen das auf.

Die Familie Heger hat nicht den Ehrgeiz, dass ihre Gymnasiastin Abitur macht. Annika soll in der für sie passenden Umgebung so viel lernen wie möglich und selbstständiger werden. Der Weg ist das Ziel und das Ziel ist ihr Glück. Von dem haben viele in ihrer Schule etwas.

Von Jürgen Lauterbach

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg/Havel

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg