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Archäologen entdecken irreguläre Gräber

Bestattungen vor hunderten Jahren Archäologen entdecken irreguläre Gräber

In welchen Fällen kommt die Kripo, in welchen die Archäologen, wenn menschliche Skelette außerhalb von Friedhöfen gefunden werden? Die Antwort findet sich in der Liegezeit - die Grenze liegt bei etwa 50 Jahren. Archäologen stießen nun in der Stadt Brandenburg auf so genannte irreguläre Bestattungen. Die Gräber erzählen aus einer längst vergangenen Zeit.

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Thomas Cwellich vom Grabungsteam des Archäologen Wolfgang Niemeyer mit einem Skelett in der Wollenweberstraße.

Quelle: Joachim Müller

Brandenburg an der Havel. In welchen Fällen kommt die Kriminalpolizei, in welchen die Archäologen, wenn menschliche Skelette außerhalb von Friedhöfen gefunden werden? Die Antwort findet sich in der Liegezeit - die Grenze liegt bei etwa 50 Jahren.

Brandenburg an der Havel hatte und hat genügend Kirchen, Klöster, Spitäler – alle mit eigenen Friedhöfen. Dennoch treffen die Archäologen immer wieder auf so genannte irreguläre Bestattungen. Das waren Grablegungen abseits von kirchlichen Riten, ohne Beigaben oder spezielle Ausrichtung der Gebeine. Erstmals im Land haben nun die Anthropologin Bettina Jungklaus und Stadtarchäologe Joachim Müller diesem Thema einen ganzen Vortrag gewidmet und diesen am Donnerstagabend auf Einladung des Historischen Vereins vor mehr als 60 Interessierten gehalten – höchst kurzweilig und überraschend war der Inhalt.

Erstmalig in einem Vortrag informiert

Die Berufsbilder der Kriminalisten und der Archäologen liegen nämlich gar nicht weit auseinander: Kleinste Details führen zur Lösung. Warum beispielsweise wird ein Mann schnell direkt unter einem Weg verscharrt? Die Wollenweberstraße war vor Jahrhunderten schon ein Weg vorbei an Budenhäuschen. Bei Bauarbeiten heute wurde nun ein Skelett gefunden. Ein Mann, etwa 1,65 Meter groß und 28 bis 38 Jahre alt mit einer nicht verheilten Rippenbogenfraktur, wahrscheinlich ein Ermüdungs- und Belastungsbruch. Der Mann muss also viel mit sich herumgeschleppt haben, ein Soldat vielleicht. Die wahrscheinliche Lösung brachte ein unscheinbares Buntmetallplättchen. Das trug eine Zeichnung mit einem Kreuz über einem Herzen – also das typische Herz-Jesu-Symbol eines Katholiken.

Es muss also ein ausländischer Soldat gewesen sein, wahrscheinlich im Zuge der Napoleonischen Kriege hierher gekommen. So wurden die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und seinen europäischen Machtrivalen von 1792 bis 1815 genannt. Auf die Frage, wie der Mann konkret zu Tode gekommen ist, sagt Müller kryptisch: „Es gab damals noch keine Straßenbeleuchtung.“ Wahrscheinlich wurde der Soldat erschlagen und schnell verscharrt.

Die Fundstücke erzählen Geschichten

Die Fundstücke erzählen Geschichten.

Quelle:

Ein ähnlich dramatisches Schicksal erlitten drei junge Männer, deren Gebeine in einer kleinen Grube auf dem Grundstück Domlinden 12 beim Verlegen einer Wasserleitung gefunden wurden: zuunterst ein junger Mann von 18 bis 20 Jahren, in der Mitte ein etwa 22 bis 24 Jahre alter Mann, zuoberst ein viel größerer, mit 1,77 Meter Körperlänge ein Riese (31 bis 37 Jahre), deshalb mussten seine Gliedmaßen angewinkelt werden, damit er in die Grube passte. Unter den Skeletten fanden die Archäologen um Stefan Dalitz auch einen Pfeifenkopf, an dessen Fersenmarke zwei Buchstaben SC zu erkennen sind. „Pfeifenrauchen kam hier erst um die Zeit des Dreißigjährigen Krieges auf. Ein Experte half mir weiter, die Buchstaben deuten auf Samuel Collier, der in Amsterdam zwischen 1630 und 1640 Pfeifen gebacken hatte“, erzählt Bettina Jungklaus.

Gliedmaßen mussten angewinkelt werden

Ab 1631 sind in der Stadt Söldner der Schwedenarmee auch in Privathäusern einquartiert worden. Die Forscherin betrieb richtig Aufwand, ließ die Gebeine sogar archäometrisch untersuchen: Anhand der Strontiumisotope im Zahnschmelz wurde nachgewiesen, dass die Männer tatsächlich aus Schweden stammten. Die zweite Erkenntnis war noch sensationeller: Bei allen drei Toten wurden „Yersinia pestis“-Bakterien nachgewiesen, ein Pesterreger. Pandemien mit dieser Krankheit waren in der Region bislang nur für das vierte und das 14. Jahrhundert nachgewiesen, aus der frühen Neuzeit allerdings nicht. Als Fremde durften die Männer nicht auf einem geweihten Friedhof bestattet werden, also verscharrte man sie auf dem Grundstück.

Warum wurde ein Knabe mit einem Messer in der Hand in der Mühlentorstraße begraben, gab es ein Halbkreis-Gräberfeld rings um die alte Brandenburg, sind Mutter und Kind auf dem Grundstück des heutigen Sorat-Hotels möglicherweise einem Verbrechen zum Opfer gefallen? War die Frau, die einige Hundert Meter vom Neustädtischen Friedhof entfernt alleine liegt, wirklich eine vermeintliche Hexe?

Knabe mit Messer in der Hand begraben

Auf manche Fragen wird es nie eine Antwort geben, dafür beflügeln sie die Fantasie aller, die sich damit beschäftigen. Andere Antworten gibt es vielleicht später. Deshalb plädiert Müller auch dafür, die Gebeine in der Asservatenkammer des Landesmuseums zu belassen und sie nicht wieder zu bestatten. „Die Diagnosemethoden werden immer besser und genauer. Da lauert noch viel Erkenntnis.“

Von André Wirsing

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