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Artistique ist die spektakulärste Spielart

Billard-EM in Brandenburg/Havel Artistique ist die spektakulärste Spielart

Artistique ist die spektakulärste Spielart des Karambolage-Billard, an diesem Freitag und Sonnabend sind die Kunststöße mit den eigentlich unmöglichen Figuren im Stahlpalast in Brandenburg an der Havel zu sehen. Der dreimalige Europameister Thomas Ahrens (51) aus Hannover erklärt der MAZ seinen Sport.

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Spektakuläre Sprungballfiguren gehören zum Artistique, ebenso die unzähligen Markierungen für die einzelnen Figuren auf dem Tuch.

Quelle: HELGA ACKERMANN

Brandenburg/H. Wer in der Schule mit Physik und Mathematik auf Kriegsfuß stand, wird an Zauberwerk glauben. Wer die Naturwissenschaften liebt, schüttelt dennoch erstaunt den Kopf. Artistique (früher: Kunststoß) ist die spektakulärste aller Karambolage-Spielarten. Das Grundprinzip beruht auf dem freien Spiel: der weiße Spielball muss bei jedem Stoß jeweils den gelben und roten Ball berühren. Nur eben nicht irgendwie, sondern auf vorgeschriebenen Wegen, von denen man anfangs nicht glaubt, dass sie möglich sind.

Die beiden farbigen Bälle liegen beispielsweise links unten nebeneinander an der Bande, fast direkt in der Ecke darunter der weiße Ball. Der wird angespielt, springt auf den gelben, hoppelt von da aus einmal die Diagonale entlang, um nach zwei Bandenberührungen in der am weitesten entfernten Ecke zum roten Ball zurück zu schleichen. Das ist nur eine von derzeit 98 Figuren (Laufwegen des Balls), die ein Artistique-Spieler beherrschen muss.

Einer der Besten seines Fachs

Thomas Ahrens (51) ist einer der Besten: Seit 1991 hat der Hannoveraner 17 Deutsche Meisterschaften und drei Europameisterschaften gewonnen, wurde bei Welttitelkämpfen je einmal Zweiter und Dritter. „Was wir hier machen, sind keine Trickshots. Das würde ja bedeuten, wir wenden Tricks an. Aber alles basiert auf Physik, Augenmaß und Erfahrung.“

Das Zauberwort heißt Effet, also die zusätzliche Drehung des Balles zur Rollbewegung. Das erreicht man durch ein dezentrales Anstoßen des Balles. Einen Effet kann man dem Ball in alle Richtungen mitgeben – spielt man unten, gibt es eine so genannten Rückläufer (Zugball), oben einen Nachläufer. Bei jeder Bandenberührung wirkt zudem der so genannte Konter-Effet. Deshalb sieht man vor allem beim Artistique die Kopfstöße (Massé), bei denen das Queue steil von oben auf den Ball trifft.

Dadurch lassen sich extreme Rotationen erzeugen – durch den Druck beim Stoß und die schnelle Drehbewegung entstehen im Tuch des Tisches Druckstellen, sogar kleinere Brandlöcher wegen der hohen Reibungswärme. Aus diesem Grund wird die Kunststoß-Disziplin bei Meisterschaften immer auf die letzten Wettkampftage gelegt, weil danach ein Neubespannen der Tische unvermeidlich ist.

Schwierigkeiten und Punktsystem variieren

Artistique ist eine Karambolage-Billard-Variante, die nach den Grundregeln der Freien Partie gespielt wird. Ziel ist es dabei, mit dem Spielball die beiden anderen Bälle zu berühren. Als erschwerender Unterschied zu den anderen Varianten gilt es, in maximal drei Versuchen bestimmte Figurvorgaben zu lösen, die in ihren Schwierigkeiten und Punktwertungen variieren.

Auf den meisten Turnieren nach Satzsystem gespielt (Best of 3 oder Best of 5). Ein Satz besteht dabei aus zehn zu spielenden Figuren, die jeweils unterschiedlich viele Punkte geben. Die maximal zu erreichende Punktzahl ist durch entsprechende Verteilung der Figuren in jedem Satz 75.

Zudem werden die Tücher mit unzähligen Markierungen versehen – eingezeichnet. Die Punkte werden gebraucht, um die Bälle für die einzelnen Figuren genau aufsetzen zu können, damit alle Spieler die selben Bedingungen haben. Ein bisschen dienen sie auch der Orientierung für Spieler und Kampfrichter. Billard ist ohnehin ein Gentleman-Sport.

Thomas Ahrens schätzt, dass mehr als 90 Prozent der Spieler einen Fehler freiwillig zugeben, selbst wenn der Schiedsrichter diesen nicht gesehen hat. „Oft sehen es auch die Zuschauer. Wenn ein Spieler versucht, trotzdem weiterzuspielen, hat er es in der Restpartie nicht leicht, auch wenn erst einmal die Tatsachenentscheidung für ihn zählt.“

Beruf und Sport miteinander verbunden

In den 1990er Jahren konnte Ahrens allein vom Billard leben, das geht heute nicht mehr. Doch kann er Beruf und Sport verbinden – für den großen Hersteller Loontjens aus den Niederlanden vertreibt er Gabriel-Billardtische und Molinari-Queues. Sein aktuelles eigenes kostet rund 1800 Euro und ist aus Ahorn- und Cocobolo-Holz, welches nur an der Pazifikküste zwischen Mexico und Panama gedeiht. Eine neue Pomeranze (Spitze, die auf den Ball trifft) einzuspielen, dauert etwa eine Woche.

Dabei sind die etwas mehr als drei Millimeter dicken Plättchen meist auch nicht mehr aus dickem Kalbsleder, sondern fein geschnitten in sieben Schichten verklebt. Wie der ganze Sport von einer extremen Präzision lebt, so sind auch die Spielgeräte ebenso gestaltet, um eine maximale Kraftübertragung und wenig Versatz zu garantieren.

Von André Wirsing

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