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Barrierefreier Blick auf die Geschichte

Brandenburg an der Havel Barrierefreier Blick auf die Geschichte

Zehn Menschen mit Lernschwierigkeiten beschäftigten sich in einem mehrmonatigen Seminar mit der Geschichte der Euthanasie in Brandenburg. Historiker brachten ihnen das Thema in Gesprächen, Diskussionen und Ausflügen näher. Jetzt können die Teilnehmer ihr Wissen an andere Menschen mit psychischen Erkrankungen weitergeben.

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v.l.n.r.:Kerstin Latzke, Clara Mansfeld, Nicole Pietschmann, Christian Marx kurz vor der Führung durch die Gedenkstätte.

Quelle: Annika Jensen

Brandeburg/H. Nicht überall können sie dabei sein: Menschen mit Behinderung. Ihre Teilhabe und Inklusion im gesellschaftlichen Leben ist in der Bundesrepublik noch immer ein viel diskutiertes Thema. Nicht umsonst soll ab 2017 ein neues Bundesteilhabegesetz gelten. Nicht umsonst sind erst vor wenigen Tagen Tausende Menschen gegen des Vorstoß von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) in Kiel auf die Straße gegangen.

Dem Thema Teilhabe und Inklusion von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Gedenkstätten hat sich nun die Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in Brandenburg gestellt. Von April bis Dezember beschäftigen sich Historiker und Mitarbeiter der Einrichtung sowie eine Gruppe von zehn Menschen mit Lernschwierigkeiten mit den Euthanasie-Morden, die die Nationalsozialisten in der Havelstadt systematisch begangen. Die zehn externen Teilnehmer sind allesamt Angestellte der Lebenshilfe.

„Das Projekt hat die Absicht, Menschen mit Lernschwierigkeiten oder Menschen mit psychologischen Erkrankungen die Möglichkeit zu geben, sich mit diesem Aspekt der Geschichte selbstbestimmt zu beschäftigen“, sagt Projektleiter Christian Marx. „Daran anschließend sollen die Teilnehmer die Möglichkeit bekommen, für andere Menschen mit Lernschwierigkeiten hier in der Gedenkstätte Workshops und Führungen anzubieten.“

Wöchentlich setzt sich seine Gruppe in der Gedenkstätte zusammen und führt Gespräche. Mithilfe historischer Dokumente wird das Geschehen von damals für sie greifbar. So zum Beispiel mit dem Gnadentodbrief vom 1. September 1939, mit dem Adolf Hitler die Euthanasie schriftlich autorisierte. Oder mit dem Trostbrief, der die Angehörigen der Opfer über deren Tod durch eine vermeintliche Krankheit informierte. „Der Trostbrief erklärt beispielhaft die Zusammenhänge der sogenannten Euthanasie“, so Christian Marx. Teilnehmerin Kerstin Latzke (52) sieht in dem Projekt eine Chance für sich und ihre Kollegen, Verantwortung für die Gesellschaft zu übernehmen. „Wir müssen dafür kämpfen, dass so etwas nicht noch einmal passiert“, sagt sie. „Deswegen müssen wir die Menschen über die Geschichte informieren.“ Ihrer Kollegin Nicole Pietschmann fühlte sich gut aufgehoben in der Gruppe. „Man kann immer Fragen stellen und alle sind sehr nett.“

Die Gruppenmitglieder geben in den Zusammentreffen immer großen Input, so Christian Marx. So haben sie sich mit dem Gnadentodbrief aus eigenem Wunsch befasst. „Die Wünsche und Absichten der Gruppe sind maßgeblich“, so der Projektleiter.

In zwei Workshops werden die Ergebnisse und Erfahrungen, die in dem Projekt gesammelt wurden, vorgestellt. Am Freitag in der vergangenen Woche waren neben den Teilnehmern des Projektes vor allem Mitarbeiter von Einrichtungen für Menschen mit Lernschwierigkeiten sowie Wissenschaftler der Inklusions- und Teilhabeforschung eingeladen. Der Tag bestand aus Vorträgen, Arbeitsgruppen, Diskussionen sowie Führungen innerhalb und außerhalb der Gedenkstätte durch die Teilnehmer des Projektes. Der zweite Workshop findet am Mittwoch, 30. November, ab neun Uhr in den Räumen der Gedenkstätte am Nicolaiplatz statt und richtet sich vor allem an Mitarbeiter von Gedenkstätten und anderen Bildungseinrichtungen.

Nach dem Enden des Projektes haben die Teilnehmer die Möglichkeit, weiter Teil des Gedenkstättenteams zu sein. So werden sie die Führungen weiterhin leiten. In ihrem Seminar haben sie sie gemeinsam mit den Betreuern erarbeitet. Die Historikerin Clara Mansfeld war eine der vier BetreuerInnen. Sie nutzte das Projekt zudem zur praktischen Forschung. In ihrem Fazit sagt sie unter anderem: „Mit der entwickelten Führung haben die Projektteilnehmer die Möglichkeit, ihre Perspektive auf die Geschichte der Euthanasie-Morde in Brandenburg zu erzählen. Sie werden damit zu Akteuren der deutschen Erinnerungskultur.“

Von Annika Jensen

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