Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° wolkig

Navigation:
Bei einsamen Toten kommt das Amt

Stadt Brandenburg Bei einsamen Toten kommt das Amt

Seit Jahresbeginn sind 15 völlig vereinsamte Männer und Frauen in Brandenburg an der Havel gestorben, deren Bestattung das Ordnungsamt organisiert und bezahlt hat. Eine Ausschreibung dieser Aufträge hat ein Bestatter aus Rostock gewonnen. Es sind traurige Schicksale von Menschen, um die niemand trauert und die nicht selten erst Tage nach ihrem Tod gefunden werden.

Voriger Artikel
Freikarten für „Melodien zur Weihnacht“
Nächster Artikel
Catterfeld und Oerding spielen beim Havelfest

Eine Skulptur an einem großen Friedhofs-Kreuz. Der Tod kann so einsam sein, dass die Stadtverwaltung den Bestatter bezahlen muss.

Quelle: DPA-Zentralbild

Brandenburg/H. Seit Jahresbeginn sind 15 völlig vereinsamte Männer und Frauen in Brandenburg an der Havel gestorben, deren Bestattung das Ordnungsamt Brandenburg organisierte und bezahlte. Das Leben kann einsam sein, der Tod aber auch und zwar so sehr, dass die Stadt die Beerdigungskosten übernimmt, weil sich kein Angehöriger findet. Kein Sohn, keine Tochter oder sonst ein Familienmitglied fand sich. Es waren Mitarbeiter des Ordnungs- und Sozialamtes, die in den Wohnungen der Verstorbenen nach Testamenten und Bestattungsverfügungen schauten und die Beerdigungen in Auftrag gaben. 2016 starben zwölf Menschen diesen einsamen Tod in der Stadt Brandenburg und damit ebenso viele wie im Jahr zuvor. Das teilt Petra Berkenhoff von der Öffentlichkeitsabteilung der Stadt auf MAZ-Anfrage mit. Im vorigen Jahr kosteten diese Beerdigungen die Stadt 18.000 Euro.

Der anonyme Tod heißt bei Bestattern Ordnungsamts-Beerdigung. Ein einsames Leben geht zu Ende und niemand bestellt einen Trauerkranz. Bestatter Andreas Dieckmann geht zu „100 Prozent“ davon aus, „dass die Zahl der Menschen, die ohne Angehörige sterben, in Brandenburg steigen wird.“

Jahrelang gingen die Aufträge an örtliche Bestatter

Jahrelang hatten sich die drei Brandenburger Beerdigungsinstitute Dieckmann, Arnold und Söchtig im Auftrag der Stadt um die Beisetzung dieser Menschen gekümmert. Nach einem wöchentlich wechselndem Dienstplan teilten sie sich ihre Zuständigkeiten ein. Doch vor mehr als einem Jahr schrieb die Stadt Brandenburg diesen Auftrag aus. Ergattert hat ihn ein Bestatter aus Rostock. Er bringt die Toten zur Einäscherung zum Krematorium Lichterfelde bei Eberswalde, 141 Kilometer von Brandenburg entfernt. Bei Erdbestattungen werde der Verstorbene in Rostock für die Bestattung vorbereitet, so Berkenhoff.

Das Brandenburgische Bestattungsgesetz

Die Stadt Brandenburg hat den Auftrag ausgeschrieben für die ordnungsbehördlichen Bestattungen. Vertraglich ist sie dadurch an einen Bestatter aus Rostock gebunden. Das Brandenburgische Bestattungsgesetz regelt, dass bei fehlenden Angehörigen eine Ordnungsbehörde für die Beerdigung zu sorgen hat. Das gleiche gilt für jene Fälle, in denen ein Angehöriger später erst ermittelt wird. Er wird dann zur Kasse gebeten für jene Kosten, die die Stadt ausgelegt hat. Ist der Angehörige nicht zahlungspflichtig, übernimmt die Kosten das Sozialamt.

Über den Sterbefall informiert das Ordnungsamt auch das Nachlassgericht der Stadt. Über die Form der Bestattung entscheidet der Wille des Verstorbenen. Hat er keinen Willen hinterlassen, bestimmt das der Angehörige oder, falls nicht vorhanden, die Stadt. Das Verstreuen der Asche oder eine Urnenbeisetzung auf hoher See ist in diesen Fällen nicht gestattet, teilt Petra Berkenfeld, Sprecherin der Stadtverwaltung, mit.

Andreas Dieckmann, seit fast 30 Jahren Bestatter in Brandenburg in einem Familienunternehmen in der sechsten Generation, kritisiert das scharf als „Leichentourismus: Die Toten werden nach Rostock gekarrt. Das ist außerhalb dessen, was man für richtig hält“, so Dieckmann. Es handele sich um eine „Abwicklung von Todesfällen, weil es keinen Angehörigen gibt, der sich darüber beschweren könnte“. Dieckmann ist stellvertretender Obermeister der Bestattungsinnung Berlin-Brandenburg und Vorsitzender des Kuratoriums für Deutsche Bestattungskultur mit Sitz in Düsseldorf.

Der Bestatter reist nun aus Rostock an

„Es gibt auch Klagen aus Altenheimen, weil es Stunden dauert, bis der Bestattungsmitarbeiter aus Rostock endlich vor Ort ist“, so Dieckmann. Die 18 000 Euro für zwölf Ordnungsamts-Beerdigungen 2016 nennt er „preiswerte Bestattungen. Der Stadt geht es nur um das Geld, sonst hätten sie den Auftrag nicht nach Rostock gegeben.“

Die Beerdigungen der einsamen Toten hat billig zu sein. Die Bestattung muss ortsüblich und von den Kosten verträglich sein, so teilt es Petra Berkenfeld mit. „Wenn Bestattungspflichtige später ermittelt werden, müssen die Kosten zumutbar sein.“ Das betrifft die Beerdigung eines völlig mittellosen Trinkers ebenso wie etwa einer vermögenden vereinsamten Witwe: Generell sei unerheblich, ob der Verstorbene vermögend gewesen sei oder nicht, teilt dazu die Stadtverwaltung mit. Ortsüblich sei die Bestattung in einem Urnengrab. Ist jedoch Vermögen da, bittet die Behörde den Erben zur Kasse, sollte ein solcher irgendwann ermittelt werden.

Grabstellen drohen zu verwahrlosen

Nach Angaben von Verena Arnold vom Bestattungsunternehmen Arnold wurden in der Zeit, in der auch ihr Unternehmen für diese Bestattungen zuständig war, die Toten in Urnenreihengräbern beigesetzt, weil dort eine Grabstelle günstiger sei als in einem anonymen Urnenfeld. Die Folge: Mangels Verwandtschaft verwahrlost die Grabstelle.

Laut Landes-Bestattungsgesetz müssen die Toten binnen zehn Tagen eingeäschert oder bestattet sein. Das ist wenig Zeit für die Mitarbeiter der Stadtverwaltung, um nach Angehörigen zu forschen.

Die Schicksale, die sich dahinter verbergen, sind vielfältig. Andreas Dieckmann berichtet von Menschen, deren Kinder sich vor Jahrzehnten von ihnen losgesagt hatten oder von solchen, die die letzten ihrer Familie seien. Auch erzählt er von einer älteren Dame, die zu Lebezeiten schon erklärt habe, in ihr Familiengrab beigesetzt werden wollen. Als die Frau starb, gab es keinen Angehörigen und keine Bestattungsverfügung. Die Frau wurde in einer anonymen Grabstelle bestattet. Günstiger Urnenschmuck, ein paar dürre Worte so sieht die Zeremonie meist aus.

Oft lagen die Toten tagelang in ihren Wohnungen

„Jedes einzelne Schicksal ist besonders traurig“, sagt Verena Arnold. Sie rät ebenso wie Andreas Dieckmann, seine Wünsche für eine Beerdigung schriftlich in einer Verfügung zu fixieren. „Wenn niemand da ist und man es selbst nicht zu Lebzeiten geregelt hat, dann kommt das Amt“, so sagt es Verena Arnold.

Nicht selten haben die Verstorbenen Tage oder sogar Wochen in ihren Wohnungen gelegen, bis sie entdeckt wurden. „Irgendwann werden sie dann gefunden“, sagt Andreas Dieckmann. „Es ist traurig,dass diese Menschen nicht vermisst worden sind.“ Die Wohnungsauflösung ist nicht mehr Sache des Amtes. Meist regelt es der Vermieter oder ein vom Nachlassgericht bestellter Nachlasspfleger.

Für Trauer um die 39 Toten seit 2015 fand sich fast niemand. Anders in Wuppertal. Dort hat die Stadt für Verstorbene, deren Familien nicht zu finden waren, in einer Traueranzeige zu einem öffentlichen Gedenkgottesdienst eingeladen.

Von Marion von Imhoff

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Brandenburg/Havel

Sollte Rauchen im Auto verboten werden, wenn Kinder dabei sind?

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg