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Berufsfeuerwehr kommt zu oft zu spät

Brandenburg an der Havel Berufsfeuerwehr kommt zu oft zu spät

Vom Ausrücke-Befehl bis zum Eintreffen am Einsatzort sollten nicht mehr als acht Minuten vergehen, dann sollten zehn Einsatzkräfte da sein. Nur bei jedem 20. Einsatz kommt die Feuerwehr in Brandenburg an der Havel pünktlich und vollzählig am Ziel an.

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Das ständige Zuspätkommen der Feuerwehrleute liegt nicht an mangelnder Fitness, sondern an bislang unzureichender Personalausstattung.

Quelle: dpa

Brandenburg/H. Die Feuerwehr kommt zu oft unpünktlich am Einsatzort an. Die vorgegebenen Ziele werden immer wieder verfehlt.

Vom Ausrücke-Befehl bis zum Eintreffen am Einsatzort sollten nicht mehr als acht Minuten vergehen, dann sollten zehn Einsatzkräfte da sein (Schutzziel 1). Weitere mindestens sechs Wehrleute sollen nach weiteren fünf Minuten eintreffen (Schutzziel 2). Die Feuerwehrexperten haben zu Vergleichs- und Auswertungszwecken ein standardisiertes Schadensereignis definiert, bei dem die meisten Gefahren für Leib und Leben zu erwarten sind: Ein Wohnungsbrand in einem mehrgeschossigen Wohngebäude mit verqualmten Treppenhaus.

Dieser „kritische Wohnungsbrand“ erfordert mindestens 16 Rettungskräfte, weil mit hoher Wahrscheinlichkeit Menschen über andere Wohnungen oder mit Leitern/Körben zu retten sind, gleichzeitig das Feuer gelöscht werden muss.

Der Einsatzplaner der Berufsfeuerwehr Lutz Neubert hat über zehn Jahre von Anfang 2004 bis Ende 2013 sämtliche Einsätze analysiert, das waren 16.000 Einsätze, davon 468 kritische Wohnungsbrände. Zudem gab es 2308 Einsätze, die mit gleichem oder höheren Personalaufwand gefahren wurden, beispielsweise die Brände auf den Rieselfeldern oder beim Recycler TSR, bei verunfallten Lkw oder Bussen. Beim Brand in der Altstädtischen Fischerstraße im Frühjahr 2016 war die fünffache Zahl an Einsatzkräften vor Ort – nämlich 80.

Vorgegeben ist beispielsweise, dass das Schutzziel 1 – also mit zehn Mann nach acht Minuten im Einsatz – in 90 Prozent der Fälle erreicht wird, die Berufsfeuerwehr landet regelmäßig bei Werten um 80 Prozent. Verheerend sieht es beim Schutzziel 2 aus – also 16 Mann in 13 Minuten nach Ausrücken. Das wird nur in 5,5 Prozent der Fälle erreicht.

Das liegt unter anderem daran, dass die Einsatzabteilung der Berufswehr nur mit 14 Mann plus Einsatzleiter pro Schicht besetzt ist, davon zwei Mann Dienst auf dem Rettungstransportwagen tun, ein weiterer im Hubschrauber beziehungsweise im Notarzteinsatzfahrzeug. Also sind zwölf Mann verfügbar. Um auf die Einsatzstärke zu kommen, müssen zusätzlich freiwillige Feuerwehren alarmiert werden, deren Mitglieder aber nicht wie ihre beamteten Kollegen auf Abruf in der Wache stehen.

Hintergrund

Von den 15.718 Einsätzen in zehn Jahren waren etwas mehr als 4000 reine Brandeinsätze, etwa 1000 Rettungseinsätze mit Feuerwehrfahrzeugen und mehr als 10.000 Hilfeleistungen.

Die meisten Einsätze gab es in der Neustadt, in der Altstadt und in Hohenstücken.

Am meisten passiert statistisch im Monat Juli sowie an einem Freitag. Zudem sind zwischen 9 und 11 Uhr die meisten Einsätze.

Die „Freiwilligen“ haben zudem auch Probleme: Gab es 2005 noch 240 aktive Einsatzkräfte in den neun Ortswehren, sind es jetzt nur noch 160. Davon sind nur 38 tagsüber einsetzbar, weitere 58 arbeiten in wechselnden Schichten – das höchste Einsatzaufkommen ist erfahrungsgemäß zwischen 9 und 11 Uhr. Die Zahl der einsetzbaren Atemschutzgeräteträger ist von 110 auf 80 gesunken.

„Wir wollen auf gar keinen Fall auf unsere Freiwilligen Feuerwehren verzichten, im Gegenteil am liebsten würden wir sie stärken. Aber wir müssen uns darauf einrichten, dass die Zahl der Einsatzkräfte weiter zurückgeht, wie es in den ländlichen Regionen des Landes bereits zu erleben ist“, sagt der zuständige Beigeordnete Michael Brandt (CDU). Man könne auch gar nicht verzichten, in den zehn Jahren gab es beispielsweise 1234 Paralleleinsätze, bei denen die Freiwilligen mit draußen waren und/oder die Hauptfeuerwache besetzten, um zum nächsten Einsatz ausrücken zu können.

Brandt, Feuerwehrchef Mathias Bialek und Planer Neubert haben nun einen Maßnahmenkatalog in dem gerade von den Stadtverordneten neu zu beschließenden Gefahrenabwehrbedarfsplan formuliert: Kurzfristig innerhalb eines Jahres wird die interkommunale Zusammenarbeit mit den Ämtern Beetzsee, Ziesar und der Gemeinde Groß Kreutz verbessert, um bei Ereignissen auf Beetz- und Riewendsee sowie in den abgelegenen Ortsteilen gemeinsam zu handeln. Bei allen größeren Ereignissen in der Kernstadt mit einer Fahrzeit ab drei Minuten wird immer die Freiwillige Feuerwehr mit alarmiert.

Mittelfristig in den kommenden fünf Jahren werden 21 neue Feuerwehrleute eingestellt beziehungsweise ausgebildet, um das Schutzziel 2 (16 Mann am Einsatzort) mit Berufsfeuerwehrleuten zu erreichen. Zudem müssen elf freie Stellen besetzt werden.

Perspektivisch muss in den nächsten zehn Jahren darüber nachgedacht werden, im Südwesten der Stadt womöglich eine zweite Wache zu errichten, um dort schneller vor Ort zu sein, beispielsweise in Wilhelmsdorf/Scholle.

Von André Wirsing

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