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Brandenburg/Havel Bewegende Ausstellung über NS-Mord
Lokales Brandenburg/Havel Bewegende Ausstellung über NS-Mord
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12:50 05.09.2016
In den „Grauen Bussen“ wurden Menschen vergast. Quelle: Volkmar Maloszyk
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Brandenburg/H

Künstlerin Hannah Bischof kämpft mit den Tränen. Ihre Großmutter litt an Schizophrenie, erzählt sie mit stockender Stimme bei der Eröffnung ihrer Ausstellung „Von Papenburg nach Neuruppin – Zyklus für Maria“ im Gotischen Haus in Brandenburg an der Havel. Heutzutage hätte man ihre Großmutter ambulant mit Medikamenten behandeln können, hat ihr ein Arzt erklärt. Das hat die Malerin schwer erschüttert.

Denn ihre Großmutter wurde 1938 stationär mehrfach mit dem Herzmedikament Cardiazol behandelt. Das hat bei den Patienten – von den Ärzten gewollt – schwere epileptische Anfälle ausgelöst. Mit dieser quälenden Schocktherapie wollte man die Schizophrenie heilen. Auch ihrer Großmutter soll es davon eine Weile besser gegangen sein. Doch die Wirkung hielt nicht an. In der NS-Zeit bedeutete Geisteskrankheit Tod. Das heißt Mord. Psychatriepatienten wurden damals während der Aktion T 4 in großer Zahl Opfer von Euthanasie.

Mord-Aktion T 4

„Euthanasie“ oder „Aktion Gnadentod“ nannten die Nazis die Vernichtung von geistig und/oder körperlich behinderten Menschen, auch „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ genannt, während Träger von Erbkrankheiten – die arbeitsfähig waren – „nur“ zwangssterilisiert wurden.

Die Aktion geht direkt auf Adolf Hitler zurück, der mit Datum 1. September 1939 auf seinem privaten Briefpapier eine informelle Anweisung erlassen hatte, nie aber einen offiziellen Erlass. Beauftragter für die Organisation der Aktion „Euthanasie“ war Philipp Bouhler, Chef der in Hitlers Kanzlei.

Es wurde eine halbstaatliche Sonderverwaltung gebildet, die in Berlin in der Tiergartenstraße 4 (daher die Abkürzung T4) ansässig war.

Von 1940 bis 1941 wurden in Brandenburg an der Havel und fünf weiteren Tötungsanstalten nach offiziellen Zahlen etwa 70000 Menschen mit Gas ermordet. Die Dunkelziffer wird weitaus höher auf 200000 bis 300000 Opfer geschätzt, zumal nach dem offiziellen Ende der Aktion das Morden in den Kliniken weiterging. Man ließ Menschen verhungern tötete sie mit Überdosen Medikamenten.

Es war ein dunkles Familiengeheimnis. Wenn überhaupt, dann sprach man nur hinter vorgehaltener Hand darüber, dass die Großmutter Maria Fenski an Schizophrenie gelitten hatte. Insofern waren Einzelheiten aus ihrem Leben und ihrer Krankengeschichte nicht bekannt. Einzelne Familienmitglieder fingen an zu recherchieren. Nach und nach ergaben die einzelnen Puzzleteile einen Sinn.

Hannah Bischof erläutert die Bilder der Ausstellung. Quelle: Volkmar Maloszyk

Die Malerin Hannah Bischof hat die einzelnen Lebensstationen ihrer Großmutter aufgesucht, hat sich in die Lage der Großmutter versetzt und sozusagen als Betroffene die Orte auf sich wirken lassen. Zu jeder einzelnen Lebensstation hat Bischof ein Bild gemalt, das die jeweilige Stimmung der Großmutter widerspiegeln soll. Um den Betrachtern der Bilder eine emotionale und lokale Verortung zu ermöglichen, hat sie zu jedem Gemälde eine Kurzbeschreibung verfasst, die sie den Besuchern ausgehändigt hat.

Gesichert ist, dass Maria Fenski 1905 als Tochter eines Mühlenmeisters in Papenburg geboren wurde. Es konnte nachgewiesen werden, dass Maria bereits mit 17 Jahren wegen sogenanntem Jugendirrsinn erstmalig stationär behandelt wurde – in der Staatskrankenanstalt Osnabrück. 1928 leidet sie nach der Geburt ihres ersten Kindes an einer Wochenbettpsychose. Es folgen zehn beschwerdefreie Jahre. Ab 1938 ist Maria Fenski wegen paranoider Psychose Patientin in verschiedenen Kliniken, bis sie 1942 völlig ausgezehrt in der Landesanstalt Neuruppin stirbt.

Mit Farben drückte die Künstlerin die Stimmungen aus, in der sich ihre Großmutter befand. Quelle: Volkmar Maloszyk

Die Malerin stellt den Gästen der Vernissage jedes Bild vor und erklärt es. Ihre Malereien sind faszinierend. Dazu muss man wissen, dass Hannah Bischof studierte Juristin ist, den Anwaltsberuf aber 2009 aufgegeben hat. Obwohl sie überzeugt war, das gar nicht zu können, beschloss sie Kunstmalerin zu werden. Eine diesbezügliche Ausbildung hatte sie nicht. Sie kann sich bis heute nicht erklären, wie sie auf diese Idee kam. Aber sie fing einfach an.

Ihre Malereien – beispielsweise Häuser - wirken ein bisschen naiv – so, als male sie nach dem Kinderspruch „das ist das Haus vom Nikolaus“. Aber Bischof hat ein exzellentes Gespür für die Wirkung von Farben. Dunkelblau und Grau dominieren in den düsteren Bildern, die die Krankheit der Großmutter zum Thema haben. Rot und Gelbtöne markieren ihre unbeschwerten Jahre ohne Symptome.

Dokumente in der Ausstellung. Quelle: Volkmar Maloszyk

Bischof trägt die Farben schichtweise auf großformatige Leinwände auf, Schabt sie dann teilweise wieder ab. Es entstehen Konturen und Schatten, die die Malerin zu Formen weiter entwickelt. Und so schält sich aus ihrem Unterbewusstsein nach und nach das fertige Bild heraus. Die Ausstellung ist absolut sehenswert.

info: Die Ausstellung ist bis zum 30. September zu sehen: montags, mittwochs und donnerstags von 7 bis 17 Uhr, dienstags von 7 bis 18 Uhr und freitags von 7 bis 14 Uhr.

Von Ann Brünink

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