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Brandenburg/Havel Bilderbuchgeschichte einer Integration ohne Happy End
Lokales Brandenburg/Havel Bilderbuchgeschichte einer Integration ohne Happy End
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09:06 26.10.2016
Bäckermeister Heino Fiedler (l.) und seine Ehefrau Monika mit ihrem von Abschiebung bedrohten Lehrling Julio Aurelien Kengne. Quelle: Jacqueline Steiner
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Götz

Wenn nachts um zwei bei Bäckermeister Heino Fischer (59) die Lichter angehen, weicht ihm sein Lehrling nicht von der Seite. Julio Aurelien Kengne (29) ist wissbegierig und mit flinken Händen ausgestattet. Der dunkelhäutige Azubi aus Kamerun kann Teig zu einem Götzer Landbrot formen, kennt den Unterschied zwischen Semmeln, Schrippen und Brötchen, wie sie die Ostdeutschen lieben. Sein deutsch macht täglich Fortschritte. Dem Meister bei der Arbeit am heißen Ofen beizustehen, ist für Julio eine Ehre. Der junge Afrikaner ist in wenigen Wochen so gut eingeschlagen, dass sein Arbeitgeber für ihn in Götz eine Wohnung angemietet hat. Am 1. November sollte Einzug sein. Das Asylbewerberheim in der Stadt Brandenburg, wo sich drei Männer ein Zimmer teilen, wäre für Julio Vergangenheit.

Was das Dublin-Verfahren ist

In einem Dublin-Verfahren wird geprüft, welcher Staat in Europa für die Durchführung des Asylverfahrens zuständig ist. Nach einem wichtigen Kriterium ist der Staat zuständig, in dem der Flüchtling als Erstes EU-Territorium betreten hat. Im Fall von Julio Aurelien Kengne ist dies Italien.Dorthin droht ihm jetzt die Abschiebung. 2015 haben rund 6500 Menschen aus Kamerun einen Asylantrag in anderen Ländern gestellt. 77 Prozent der Anträge wurden abgelehnt.

Weil also ein anderer Staat zuständig ist, hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge den in Deutschland gestellten Asylantrag für unzulässig erklärt. Gegen eine drohende Dublin-Abschiebung kann Klage vor dem Verwaltungsgericht eingereicht werden. Damit gesichert ist, dass vor dem Urteil keine Abschiebung vollzogen wird, muss ein Eilantrag bei Gericht gestellt werden.

Doch die Bilderbuchgeschichte einer Integration wie sie sich Deutschland nur wünschen kann, droht ohne Happy End auszugehen. Denn Julio Aurelien Kengne steht vor der Abschiebung. Am 3. November schon. Der Johanniter Transportdienst soll ihn zum Flughafen Tegel bringen, wo ein Platz in einem Flieger nach Mailand auf ihn wartet. Also nach über einem Jahr zurück nach Italien. Dem Land, wo der Kameruner nach einer lebensgefährlichen Mittelmeerquerung im Schlauchboot zum ersten Mal europäischen Boden betrat.

Ausbildungsvertrag ändert nichts an der Abschiebung

Der mit Billigung der Brandenburger Ausländerbehörde abgeschlossene Ausbildungsvertrag ändert nichts an dem vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als „unzulässig“ abgelehnten Asylantrag. Die selbe Behörde muss Julios Rückführung im sogenannten Dublin-Verfahren umsetzen. Für Bäckermeister Fischer ein Unding: „Die Situation ist schizophren. Einerseits sollen Länder wie Italien oder Griechenland in der Flüchtlingskrise entlastet werden. Andererseits schickt man arbeitswillige Menschen dahin zurück.“ Katrin Tietz, Ausländerbeauftragte der Stadt Brandenburg, kann sich nicht zum konkreten Fall äußern. Grundsätzlich sei die Enttäuschung menschlich nachvollziehbar. Mit der Genehmigung auf Abschluss eines Ausbildungsvertrages seien beim Asylbewerber Hoffnungen geweckt worden, die sich möglicherweise nicht erfüllen ließen, sagte Tietz der MAZ. Allerdings gibt es Asylverfahren, die sich über Jahre hinziehen. Deshalb erscheint es sinnvoll die Wartezeit für eine berufliche Qualifikation zu nutzen.

Bewerbungen für Ausbildungsplatz gehen zurück

Bäckermeister Fischer kann begabten Nachwuchs gut gebrauchen. Sein 1919 gegründeter Familienbetrieb steht in wenigen Jahren vor einem Generationswechsel. Doch immer weniger junge Leute wollen Bäcker werden. „Die Zahl der Bewerbungen ist mit der Zeit kontinuierlich zurückgegangen. Julio hätte bei uns alle Chancen seinen Weg zu gehen“, sagt der Innungsobermeister aus Götz. Auch der Azubi aus Kamerun ist mit seinem Ausbildungsbetrieb glücklich: „Ich lerne etwas. Alle sind freundlich zu mir. Das Betriebsklima stimmt einfach“, berichtet Julio.

Die Hoffnungen richten sich indes auf den Berliner Anwalt Ralf Fischer, der eine Duldung für die Zeit der dreijährigen Berufsausbildung beantragt hat. Eine Entscheidung steht aus. Heute besucht Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) die Bäckerei und Konditorei Fischer. Thema der seit längerem geplanten Visite ist ausgerechnet die Nachwuchssuche im Bäckereihandwerk.

Von Frank Bürstenbinder

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