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Hausgeburt scheitert – Neugeborener stirbt

Brandenburg/Havel: Klinik konnte nicht mehr helfen Hausgeburt scheitert – Neugeborener stirbt

In Brandenburg an der Havel hat am Sonntag eine Hausgeburt ein tragisches Ende genommen. Ein kleiner Junge konnte nicht mehr gerettet werden und ist schließlich im Krankenhaus gestorben. Ein Arzt spricht von einem vermeidbaren Todesfall. Die Mutter des Kindes ist offenbar zu spät ins Krankenhaus gebracht worden.

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Quelle: J. Steiner

Brandenburg/H. Eine Hausgeburt in der Nähe von Brandenburg an der Havel endete am Sonntag tragisch. Bis die Hausgeburt abgebrochen und die werdende Mutter ins städtische Klinikum gefahren wurde, verging womöglich zu viel Zeit. Der kleine Junge war im Kreißsaal jedenfalls nicht mehr zu retten, die Geburt überlebte er nicht. „Der Tod des Kindes wäre vermeidbar gewesen“, sagt Kinderchefarzt Hans Kössel.

Das städtische Klinikum hält sich mit Informationen über das Drama im Kreißsaal zurück. Soweit die MAZ recherchieren konnte, hatte sich eine junge Frau aus dem Brandenburger Umland für eine Hausgeburt entschieden. Die Frau bekam am Sonntag Wehen und wurde von zwei Hebammen versorgt, die nach unbestätigten Informationen aus Potsdam kommen.

Mutter wurde von zwei Hebammen umsorgt

Offenbar schätzten die Geburtshelferinnen die Situation nicht als kritisch ein, obwohl es mit der Geburt lange Zeit nicht vorwärtsging. Es sollen Stunden vergangenen sein, ehe umgeschwenkt und entschieden wurde, vom Wohnort auf dem Dorf in die etwa 15 Kilometer entfernte Klinik nach Brandenburg/Havel zu fahren.

Aus Zeitgründen wurde darauf verzichtet, den Notarzt zu rufen. Stattdessen wurde die gebärende Frau mit einem Privatwagen ins Krankenhaus gebracht. Dort, so bestätigt Chefarzt Kössel auf Anfrage, hatte der kleine Junge nur noch minimalste Restfunktionen und war schon chancenlos.

Frauenärzte sehen Risiken bei Hausgeburt

Die Geburts­risiken einer unkom­plizierten Schwan­ger­­schaft sind gering, wie eine Studie mit fast 65 000 Schwangeren in Großbritannien aus dem Jahr 2011 zeigte. Dabei erwies es sich als uner­heblich, ob die Geburt in einer Klinik, einem Geburtshaus oder in der Wohnung stattfindet.

Bei erstgebärenden Frauen war das Komplikationsrisiko einer Hausgeburt der Studie zufolge erhöht. 45 Prozent dieser Frauen wurden während der geplanten Hausgeburt in eine Klinik gebracht.

In Deutschland müssen laut den Statistiken der Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe (QUAG) fast 10 Prozent der Schwangeren, die ihre Entbindung als Hausgeburt begonnen haben, während der Geburt wegen Komplikationen in eine Klinik transportiert werden.

Die Sterblichkeit von Neugeborenen liege nach Hausgeburt um etwa ein Drittel höher als nach einer Klinikgeburt bei gleicher Schwangerschaftsdauer, schreiben die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Berufsverband der Frauenärzte.

Die beiden Institutionen vertreten die Ansicht, dass größtmögliche Sicherheit für Mutter und Kind während der Geburt nur in einer Geburtsklinik gewährt werden kann, in der auf unvorhersehbare Notsituationen sofort mit dem ärztlich sinnvollen Behandlungsspektrum reagiert werden kann.

Jede Frau sollte ihr Kind dort gebären können, wo sie es möchte, scheibt der Deutsche Hebammenverband in einer Erklärung vom 24. Februar 2016.

Hausgeburten haben eine andere Art von Sicherheit als eine technisch begleitete Klinikgeburt, diese Ansicht vertritt Anke Wiemer, seit 30 Jahren Hebamme und Geschäftsführerin der „Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe“(QUAG). Sie kommt zu dem Schluss: „Im Endeffekt hat jeder Geburtsort Vor- und Nachteile.“

Die Geburtshelfer holten das nicht mehr überlebensfähige Kind aus dem Mutterleib und versuchten es wiederzubeleben. Doch es starb gleich darauf. Offenbar war der Kleine nach den vielen Stunden entkräftet.

Chefarzt Hans Kössel, der die Kinderklinik in Brandenburg leitet, möchte allerdings keine Einzelheiten preisgeben. Aber nach seiner Einschätzung hätte man „aus kinderärztlicher Sicht deutlich früher reagieren können“.

Die Klinikmediziner gehen davon aus, dass der Junge bei einer medizinischen Vollversorgung im Krankenhaus lebenfähig gewesen und als gesundes Kind auf die Welt gekommen wäre. Insofern spricht der Kinderarzt von einem „vermeidbaren Todesfall“.

Der kleine Junge hätte wohl überleben können

Kinder- und Frauenärzte seien wegen des Risikos eines solchen Verlaufs gegen Hausgeburten. Denn die Überwachung der Geburt und die Notfallbeherrschung könnten bei einer Hausgeburt nicht so geleistet werden wie bei Geburten in einem Krankenhaus. Das gelte selbst dann, wenn eine erfahrene Hebamme zugegen ist. Kössel: „Hausgeburten halte ich für um so gefährlicher, je weiter das jeweilige Haus von einem Kreißsaal entfernt ist.“

In der Stadt Brandenburg sind Hausgeburten sehr selten. Das Standesamt registrierte im vergangenen Jahr sieben Kinder in der Stadt, die in der elterlichen Wohnung zur Welt kamen. In den beiden Jahren zuvor waren es sechs beziehungsweise vier Kinder.

In Brandenburg an der Havel gibt es derzeit keine Hebammen, die Hausgeburten unmittelbar betreuen. Die Hebamme Antje Zick hat aber festgestellt, das die Nachfrage auch in Brandenburg tendenziell steigend sei. Wenn Mütter oder Familien sich dafür entscheiden, stehen ihnen Geburtshelferinnen aus Potsdam oder gelegentlich auch Berlin zur Seite.

Hebammen betreuen unmittelbar keine Hausgeburten

Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe erfasst Geburten außerhalb eines Krankenhauses, seit November 2015 auch solche, die Hebammen in den eigenen vier Wänden der werdenden Mütter vornehmen. In den vergangenen Jahren starben in Deutschland nach Angaben von Geschäftsführerin Anke Wiemer im Durchschnitt ein bis zwei Kinder pro tausend außerklinischen Geburten.

Die Polizei ermittelt in dem geschilderten Brandenburger Fall bisher nicht, berichtet Direktionssprecher Oliver Bergholz. Vor einigen Jahren hatte der Fall der kleinen Greta Aufsehen erregt, die bei einer Hausgeburt in Unna tot zur Welt gekommen war. Das Landgericht Dortmund verurteilte die seinerzeit 61 Jahre alte Hebamme im September 2014 wegen Totschlags zu mehr als sechs Jahren Gefängnis.

Von Jürgen Lauterbach

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