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Brandenburg/Havel trauert um Kuno Pagel

Weggefährten erinnern sich an Sozialdiakon Brandenburg/Havel trauert um Kuno Pagel

Kuno Pagel ist tot. Was dieser durch und durch gute Sozialdiakon für die Menschen getan hat, seit er 1980 nach Brandenburg an der Havel gekommen ist, reicht locker für ein Dutzend Verdienstkreuze und andere Auszeichnungen. Die Trauer in der Havelstadt ist groß.

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Zwei Männer, zwei Wege, aber ein Gedanke: Kuno Pagel (links) und Bertram Althausen waren die ersten Leiter des café contact – hier beim Jubiläums des Cafés 2013.

Quelle: Juliane Menzel

Brandenburg/H. Kuno Pagel ist tot. Der Sozialdiakon hinterlässt eine Frau, vier Kinder, viele entsetzte und ratlose Menschen und unglaublich viele Fragen. Der 60-Jährige, der seit Jahren an schweren Depressionen litt, ist am Dienstag aus dem Leben geschieden.

Was Kuno Pagel für die Menschen getan hat, seit er 1980 nach Brandenburg an der Havel gekommen ist, reicht locker für ein Dutzend Verdienstkreuze und andere Auszeichnungen. Hier und da hat er auch welche bekommen, doch sie erfassen längst nicht das Ausmaß seiner Leistungen, seines Einsatzes, seiner Geduld und seiner großen Liebe für sozialschwache, vernachlässigte, geschundene und geflohene Menschen.

Geboren in Wismar

Geboren in Wismar kam Pagel nach Brandenburg, als es galt, die neue Stelle eines Sozialdiakons im Brandenburger Kirchenkreis zu besetzen. Der Job: Sich um Menschen am Rande der Gesellschaft zu kümmern, egal ob sie zur Kirche gehören oder nicht. „Das waren Haftentlassene, Jugendliche, die mit der Schule oder Lehre nicht klar kamen, Homosexuelle oder auch Punks“, erinnert sich Bertram Althausen. Der Pfarrer hatte mit Pagel das café contact aufgebaut, die Anlaufstelle für all jene, die durch alle Raster gefallen wären, hätte es einen Mann wie Kuno Pagel nicht gegeben.

Hier ging erst einmal gar nicht um systemkritische Geister, die kamen später dazu, etwa im Friedensarbeitskreis, den Pagel 1982 mit aus der Taufe hob. Auf dessen Konto ging unter anderem die Entlarvung der Wahlfälschung vom Mai 1989.

Ein Forum für die Totalverweigerer

In Pagels großem Herz war auch Platz für die Totalverweigerer. Er selbst hatte den Dienst an der Waffe verweigert, musste aber bei den sogenannten Bausoldaten in der NVA Gräben schippen und ähnliche Arbeiten verrichten. Nun half er jungen Männern, die das gesamte Militär rundweg ablehnten, sich DDR-weit zu vernetzen.

Dass so einer ins Visier der Staatssicherheit geriet, wundert niemanden. Schon während des Gemeindepädagogik-Studiums waren die ersten Spitzel auf den Mecklenburger angesetzt, in Brandenburg/Havel vermehrte sich diese Brut gewaltig. Pagels früherer Chef, Altsuperintendent Rainer Koopmann, spricht von 26 Spionen, die auf Pagel angesetzt waren – „eine unvorstellbare Zahl“, sagt Koopmann.

Kontakt mit der Stasi

Die Berichte, die sie über Pagel gesammelt haben, füllten mehrere Aktenordner. Das sei ihm auch klar gewesen, sagt Raymund Menzel, heute Leiter des café contact. Und erzählt dies: Neben dem Café auf den Domlinden hatten sich Spitzel in der sogenannten Wasservilla verschanzt. „Wenn Kuno abends das Café verließ, ist er oft zur Villa gegangen und gerufen: ,Ihr könnt jetzt Feierabend machen, ich gehe jetzt auch.’“

Zu DDR-Zeiten gab es Pläne, wie der Staat im Falle von Unruhen erst einmal alle „unsicheren Elemente“ in Internierungslager verfrachten kann. „Kuno wäre unter den ersten gewesen, die sie in Brandenburg verhaftet hätten“, ist Bertram Althausen überzeugt.

Aufbau des Sozialamtes

Nach der Wende half Pagel der Stadt, eine ordentliche Sozialstruktur in der Verwaltung aufzubauen. „Er war im März 1990 der erste unbesoldete Stadtrat“, erinnert sich Norbert Fröhndrich, lange Jahre Leiter der Behörde, die Kuno Pagel aufgebaut hat. „Er hatte immer die Menschen im Blick.“ Pagel brachte die Obdachlosenhilfe auf den Weg , damals in Häusern an der Geschwister-Scholl-Straße.

Er ging ins Gefängnis, um den Häftlingen zu helfen – als Anstaltbeirat und als Initiator und Mitstreiter des Hilfsvereins Humanitas. „Das ist sein Werk“, sagt Cornelia Laake, heute Geschäftsführerin von Humanitas. Sie hatte Pagel im Sozialamt kennengelernt und war ihn zu dem Verein gekommen.

Ein Herz für die Gerechtigkeit

Was trieb den Mann aus Wismar? „Kuno hatte ein Herz für die Gerechtigkeit“, sagt Bertram Althausen, „für die Schwachen und Ausgegrenzten“. „Er war ein Diakon“, sagt Joachim Damus, einst Präses im Brandenburger Kirchenkreis. „Er war immer ein fairer Partner und ein Segen für unsere Gemeinde“, sagt Thomas Haas, Vorsitzender des Katharinen-Gemeinderates. „Er hatte immer ein offenes Ohr“, sagt Cornelia Laake. „Er war eine Marke in der Stadt“, ist sie überzeugt, überall war er im Gespräch, ohne auf die Pauke zu hauen, sich in den Vordergrund zu schieben und ständig auf das Gute reden zu wollen, dass er tat.

„Er war nie ein Lauter, aber sehr klar und sehr konsequent“, unterstreicht Althausen. Jedem Menschen müssen man auf Augenhöhe begegnen, das verlangte Kuno Pagel, das forderte er ein, dafür stritt er. Selbst wenn er damit seinen Vorgesetzten schlaflose Nächte bescherte. Doch mit seiner Art kam er durch. „Man konnte ihm nie böse sein“, sagt Norbert Fröhndrich.

Eine harte Nuss für die Entscheidungsträger

Man kann sich gut vorstellen, dass er für manchen Entscheidungsträger in der Kirche auch eine harte Nuss war, die niemand knacken konnte. Doch einen Kuno Pagel konnte man nicht an die kurze Leine nehmen. Wenn es sein musste, ließ er auch das Justizministerium wissen, dass da etwas schief läuft im Knast.

Das war’s? „Oh nein“, wirft Fröhndrich ein und kramt eine Erinnerung hervor, die einen aktuellen Bezug hat. „1993 hat Kuno als Leiter Soziale Dienste innerhalb kurzer Zeit 1000 Flüchtlinge und Asylbewerber in der Stadt unterbracht – das war einfach unglaublich, aber er hat es geschafft.“

Termin: Die St. Katharinengemeinde, der Kuno Pagel immer verbunden war, lädt am 24. Juni zu einem Abschiedsgottesdienst ein. Beginn ist um 14 Uhr in der Katharinenkirche.

Von Heiko Hesse

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