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Brandenburger Bismarck geht von Bord

Günter Weber tritt in den Ruhestand Brandenburger Bismarck geht von Bord

Günter Weber geht. Er lässt seine Bismarck-Uniform zurück, schließt ab und sagt dem Berufsleben ade. Mehr als 50 Jahre war Weber in verschiedenen Brandenburger Gaststätten angestellt oder deren Leiter. Und was er nicht alles erlebt hat.

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So kennen ihn viele Brandenburger: Günter Weber in seiner Gaststätte als Fürst Bismarck.

Quelle: Heiko Hesse

Brandenburg/H. Da kann man den Eisernen mimen, wie man will – irgendwann ist Schluss. Ende Oktober legt Günter Weber den Säbel, die Mütze und die Uniform beiseite, gibt dem Hauseigentümer die Schlüssel zurück und geht. Nach 25 Jahren „Bismarck-Terrassen“ tritt Günter „Bismarck“ Weber ab. „Ich muss mich dringend um meine Gesundheit kümmern“, sagt er, und das macht man nicht zwischen Mittagstisch und Kaffeetafel nebenbei.

Die Zeit, in den Ruhestand zu gehen, ist bei dem Mann allemal gekommen. Günter Weber wird in wenigen Wochen 71 Jahre alt. Über 50 Jahre war der Brandenburger in der Gastronomie unterwegs, als Koch, als Kellner, als Unterhalter, als Organisator. Auch wenn man es ihm nicht ansieht und er viel lächelt: Er muss zur Ruhe kommen. „Besser heute als morgen, sagen meine Ärzte.“

Beliebtes Lokal

Die Gaststätte in der Bergstraße am Fuße des Marienberges gehört zu den ältesten in der Stadt Brandenburg. Die früheste Eintragung eines Lokals an dieser Stelle reicht in das Jahr 1827 zurück, heißt es in einem Beitrag über die Adler-Brauerei.

Heimatforscher Friedrich Grasow recherchierte, dass Gastwirt Wilhelm Hohmann in dem Lokal 1844 die „Adler-Terrassen“ einrichtete. Rund 100 Jahre hatte die Name Bestand.

Zu DDR-Zeiten hieß das Gebäude als „Haus der Freundschaft“. Die Gesellschaft der Deutsch-Sowjetische Freundschaft hatte ihr Domizil. Tee-Abende am Samowar und andere Veranstaltungen sind vielen Brandenburger in guter Erinnerung.

Nach der Wende war kurzzeitig das Lokal „Kalinka“ an dieser Adresse. 1991 ging Günter Weber mit den „Bismarck-Terrassen“ an den Start. Im Obergeschoss residierte zeitweilig die Puppenbühne des Brandenburger Theaters und das städtische Kulturbüro.

Hauseigentümer Ronny Schlusche sucht mittlerweile nach einem neuen Pächter für die Gaststätte mit dem 130 Quadratmeter großen Gastraum. Erste Interessenten hätten sich schon gemeldet, heißt es.

Er sei froh, „dass ich so etwas Großartiges wie die Bundesgartenschau hier in Brandenburg erleben durfte“, schwärmt Weber. Die Buga 2015 habe der Stadt einen unglaublichen Popularitätsschub gegeben. „Ich höre immer wieder von Gästen, dass sie im vorigen Jahr schon mal hier waren oder dass ihnen Freunde geraten haben, unbedingt einmal nach Brandenburg zu kommen.“ Die Kehrseite der Medaille: „Die Buga-Zeit ging uns ganz schön in die Knochen“, sagt er unumwunden. Im Zwei-Schicht-Betrieb ohne Pause, das schlauche ungemein.

In der Neustadt aufgewachsen, startete Günter Weber seine Laufbahn im „Hotel zum Bären“. Nach der Schule nahm er die Ausbildung zum Koch und Kellner auf, „unter Hauptküchenchef Manfred Voigt, der später das Interhotel in Magdeburg führte“. Bis 1965 blieb Weber im „Bären“, dann kam er für eineinhalb Jahre zur Armee. „Eigentlich sollte ich als Koch zum Einsatz kommen.“ Tatsächlich entdeckte ein Vorgesetzter, dass Günter Weber Motorrad und Lastwagen fahren durfte. „,Kochen kann jeder, Lastwagen fahren’, haben sie gesagt, also war ich Kraftfahrer.“

Das „Haus der Freundschaft“ in den 70er Jahren, heute Bismarck-Terrassen

Das „Haus der Freundschaft“ in den 70er Jahren, heute Bismarck-Terrassen.

Quelle: Sammlung Hesse

Mit Gastwirt Weber verlässt auch Fürst Bismarck die Bühne. Günter Weber hat den eisernen Reichskanzler ein Vierteljahrhundert gemimt – auf Tourismusmessen, bei Führungen und immer wieder für die Gäste seines Restaurants. „Aber nicht den Militaristen wollte ich zeigen, sondern den Menschen“, versichert Günter Weber.

Als er 1991 das Lokal in der Bergstraße übernahm, hieß es „Märkischer Adler“. Wenig später traten zwei Herren ein, die das gastronomische Konzept Webers komplett umkrempelten. „Fürst Ferdinand von Bismarck und Erbgraf Karl Eduard von Bismarck traten ein, verwickelten mich ins Gespräch.“ Bis dahin habe er nur gewusst, dass das Sozialistengesetz auf Bismarck zurückging. Nun tauchte der Altmärkische Junker als Politiker auf, der über Brandenburg/Havel und das Westhavelland in die große Politik eingezogen ist. Die Herren Bismarck hätten angeboten, Weber beim Umbau der Gaststätte zu unterstützen, wenn er ihr ein Bismarcksches Gepräge gäbe. „Die Herren haben Wort gehalten“, sagt Günter Weber.

Bundeskanzler Gerhard Schröder schaut auf ein Bierchen vorbei

Über die Babelsberger Filmstudio kam der Brandenburger an seine Uniform. Anfangs mit Pickelhaube. „War mir zu militaristisch, die Mütze ist mir lieber.“ Der Säbel hätte ihm Mai 2002 beinahe ordentlich Ärger eingebracht. Ungeplant war Bundeskanzler Gerhard Schröder ins Haus gekommen. Zwischen zwei Terminen in der Havelstadt wollte der SPD-Mann verschnaufen, ein Bierchen zischen. Weber war gerade im Großmarkt. „Zum Glück hat mich Norbert Plaul erreicht.“ Der Sprecher der Stadtverwaltung hatte alles daran gesetzt, dass Weber den größten Auftritt seines Lebens nicht verpasst. Allein der Säbel, ein stumpfes Deko-Utensil, habe die Personenschützer des Kanzler unruhig gemacht. Am Ende ging alles gut. Schröder hatte sein Bier und Weber die schöne Geschichte.

Doch wenn Weber auf sein Gastwirts-Leben zurückblickt, dann ist es nicht der Bismarck, der ihm zuerst einfällt. „Meine Zeit im Fontaneklub, an die denke ich oft“, sagt er. Von 1968 bis 1981 hat er das Haus an der Jahrtausendbrücke geleitet, „zusammen mit meiner Inge“. Dieser Klub „ist für mich mein Markenzeichen“.

Einsatz im Stadtcafé

Weitere Stationen folgten. Er war Koch im Stadtcafé in der Hauptstraße, führte die Gastronomie im „Haus der Freundschaft“, das ein paar Jahre zu den Bismarck-Terrassen werden sollte. Dazwischen lag noch ein Gastspiel als Leiter der HO-Gaststätte Havelland in Hohenstücken.

Und nun? Die Bismarck-Uniform bleibt in der Gaststätte. „Erst einmal die Gesundheit auf die Reihe bringen und dann Ruhe, Entspannung und Kultur genießen.“ Wer morgens der erste und abends oft der letzte in einem Lokal ist, findet wenig Zeit für anderes. „Ich will so viele Vorträge hören, wandern, mit Freunden unternehmen.“ Langweilig wird es Günter Weber ganz bestimmt nicht.

Von Heiko Hesse

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