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Schüchterne, Playboy-lesende Buga-Gäste

Indiskreter Fragebogen der Gartenschau-Gesellschaft Schüchterne, Playboy-lesende Buga-Gäste

Die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft (DBG) hat die Buga-Gäste in peinlich ausspioniert. Zu diesem Ergebnis kommt die Betriebswirtschaftsprofessorin Anja Lüthy, Denn die DBG fragte nicht nur nach der Zufriedenheit der Gäste. Sie wollte wissen, ob sie ausgeglichen oder schüchtern sind, ob ihnen Intimität wichtig ist und ob sie Playboy oder Praline lesen.

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Anja Lüthy steht mit ihren Studenten fassungslos vor den Buga-Fragen.

Quelle: Jürgen Lauterbach

Brandenburg/H. Die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft (DBG) hat die Buga-Gäste der Stadt Brandenburg und an der vier anderen Standorte in peinlicher Weise ausspioniert. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls die Brandenburger Betriebswirtschaftsprofessorin Anja Lüthy, nachdem sie den Kundenzufriedenheits-Fragebogen studiert hat.

Denn gefragt wurde keineswegs nur nach der Zufriedenheit der Gäste, sondern auch danach, ob sie ausgeglichen oder ein wenig schüchtern sind, ob Intimität und Privatsphäre für sie wichtig sind, ob sie Playboy oder Praline lesen, wonach sie im Internet surfen und wie hoch ihr Haushalteinkommen ist.

Anja Lüthy ist spezialisiert auf das Thema Dienstleistungsmanagement und bringt Studenten der Fachhochschule Brandenburg (FHB) seit 14 Jahren bei, wie seriöse Befragungen zur Kundenzufriedenheit aufgebaut sein müssen und umgesetzt werden können. Zwei ihrer Seminarteilnehmerinnen arbeiteten als Interviewerinnen auf der Buga und befragten dort die Gäste nach dem vorgegebenen Fragebogen.

„Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen“

Weil Fragenkatalog und die Art der Befragung komplett dem widersprachen, was sie gerade im Studium lernen, zeigten die junge Frauen ihrer Professorin die Unterlagen. „Ich habe da fast einen Herzinfarkt bekommen“, sagt Anja Lüthy und fügt hinzu: „Die Befragung ist in weiten Teilen einfach nur sehr schlecht, sie bohrt unverschämt weit in der Privatsphäre der Buga-Gäste.“ Lüthy machte den Fragebogen zum Thema in ihrem Seminar – als ein abschreckendes Beispiel.

Ihre beiden Studentinnen warfen den Interviewer-Job nach einigen Wochen trotz der Bezahlung hin, aus mehreren Gründen. Auf die Dauer fanden sie es zu frustrierend und belastend, mit dem viel zu langen Fragebogen zu arbeiten und zu erleben, wie 80 Prozent der Gäste die Befragung mittendrin entnervt abbrachen.

Denn der Fragebogen war mit fast 50 Fragen pro Buga-Standort einfach viel zu lang, die Gäste waren genervt, weil an mehreren Stellen so ziemlich das gleiche abgefragt wurde und weil sie Fragen als indiskret wahrgenommen haben. „Ich habe mich geschämt, diese Fragen auszusprechen und habe sie den Interviewpartnern nur auf unserem Tablet (Computer) gezeigt“, berichtet eine von Anja Lüthy Brandenburger Studentinnen.

Fragen nach Internet-Vorlieben und Familieneinkommen

Was war so unangenehm und peinlich zu fragen? Die Buga-Gäste sollten beispielsweise angeben, welche sieben von 15 Eigenschaften am ehesten auf sie zutreffen. Vorgeschlagen werden „ein wenig schüchtern, flott, ein wenig ungeduldig...kritisch...jovial..ausgeglichen... normal“. Die Besucher sollten zudem verraten, welche Werte zu ihnen passen. Als Antworten vorgegeben waren unter anderem „Leidenschaft...Erfolg im Leben...soziale Harmonie...Intimität...Geborgenheit“.

Damit nicht genug. Welche Zeitschriften und Zeitungen die Buga-Gäste lesen, will die Buga-Gesellschaft ebenso wissen und schlägt als Antworten unter anderem vor: Kostenlose Apothekerzeitschriften, Ess-/Kochzeitschriften, Frauenzeitschriften (Brigitte, Freundin usw.) Erotikmagazine (Playboy, Praline usw.). Schließlich sollen die Besucher der Blumenschau noch offenbaren, wozu sie das Internet in den vergangenen zwei Monaten genutzt haben und wie hoch das Einkommen ihres Haushaltes ist mit den Antwortmöglichkeiten von unter 1500 Euro bis über 4500 Euro monatlich.

„Wozu das alles? Wer braucht diese Daten? Was hat das mit der Buga zu tun?“ Diese Fragen stellen Anja Lüthy und ihre Studenten. Weil die Interview-Fragen so weit weg sind von einer echten Kundenzufriedenheitsanalyse, fragt sich die Professorin nach möglichen Empfängern und Nutzern all dieser Daten. Die MAZ fragte die Buga-Gesellschaft, ob sie mit den erhobenen Antworten womöglich handelt.

Buga-Gesellschaft: Die Daten werden nicht verkauft

DBG-Geschäftsführer Jochen Sandner bestätigt, dass seine Gesellschaft „die renommierte Freizeit- und Tourismusberatungsgesellschaft ift consulting aus Köln beauftragt“ habe. Die Marktforschungsgesellschaft Noceanz aus Würzburg habe bei den Vorort-Befragungen als Unterauftragnehmer von ift agiert.

Sandner bestreitet ein Vermarktungsinteresse. Er teilt mit: „Noceanz oder ift consulting sind selbstverständlich nicht berechtigt, die Auswertung oder Teile davon zu vermarkten oder veräußern. Genau so wenig wird das durch die DBG oder andere erfolgen.“ Was Sinn und Zweck der Fragen um Eigenschaften, Werte, Lese- und Internetgewohnheiten sowie dem Haushaltseinkommen gewesen ist, lässt der DBG-Chef offen.

Sandner teilt dazu mit: „Die Fragen sind Bestandteil eines sehr umfänglichen Fragebogens und können nicht mit der profanen Frage nach „Zweck oder Bezug“ aus dem Gesamtzusammenhang der Befragungsdramaturgie herausgerissen werden.“ Alle 49 Kernfragen hätten mit ihren zahlreichen Unterkriterien natürlich einen Bezug zur Buga. Die Antworten darauf vermittelten ein Bild der Zielgruppen und deren Motiven für einen Gartenschau-Besuch sowie dem Besuchsverhalten vor Ort.

Zu lang, zu ungenau, zu unseriös

Auftraggeber für die besagte Besucherbefragung auf der Buga 2015 ist die Deutsche Bundesgartenschau-Gesellschaft (DBG) in Bonn und somit nicht der Buga-Zweckverband, teilt Jochen Sandner mit, Geschäftsführer der Deutschen Bundesgartenschau-Gesellschaft (DBG).

Seit mehreren Jahrzehnten lässt die Gesellschaft bei Bundes- und Landesgartenschauen Besucherbefragungen erheben. Die Ergebnisse sind laut Sander ein wichtiger Bestandteil für die inhaltliche Ausrichtung und Positionierung nach außen. Sie lieferten wichtige Ansätze für Marketing, Kommunikation, Preispolitik, Mobilität und anderes mehr.

Die Auswertung der Befragung zur Buga 2015 ist noch nicht abgeschlossen.

Der Endbericht ist später einem von der DBG ausgewählten Expertenkreis zugänglich. Wer genau das ist, teilt Sander nicht mit. Er versichert, dass die DBG wesentliche Ergebnisse in einer Pressemitteilung den Medien und damit der Öffentlichkeit zugänglich machen werde.

Die Professorin Anja Lüthy ist Psychologin, Betriebswirtin und durch zahlreiche Veröffentlichungen ausgewiesene Expertin für Kundenzufriedenheitsanalysen.

Anja Lüthy findet nicht jede einzelne Frage der Erhebung schlecht, viele jedoch ungenau und im Ergebnis nicht aussagekräftig. Auf den Punkt gebracht hält sie das aus 49 Fragen bestehende Gesamtwerk für unzumutbar lang, schlecht aufgebaut, und unseriös.

Von Jürgen Lauterbach

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