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Brandenburg/Havel Darum brechen viele Schüler am OSZ ab
Lokales Brandenburg/Havel Darum brechen viele Schüler am OSZ ab
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20:33 06.05.2016
Ingo Tiburski ist stellvertretender Schulleiter am Brandenburger Oberstufenzentrum Flakowski. Quelle: JACQUELINE STEINER
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Brandenburg/H

Ingo Tiburski ist seit sieben Jahren stellvertretender Schulleiter am Brandenburger Oberstufenzentrum Flakowski (OSZ). Der 48-jährige gebürtige Brandenburger ist vor wenigen Tagen mit seiner Forderung nach Schulsozialarbeit auch an den Berufsschulen an die Öffentlichkeit getreten. Tiburski untermauert seinen Appell an Stadtverordnete und Schulverwaltung mit der hohen Zahl an Schulabbrechern.

MAZ: Herr Tiburski, jährlich brechen etwa 70 Schüler am OSZ Flakowski die Ausbildung ab. Warum?

Ingo Tiburski: Es sind ganz verschiedene Gründe. Nehmen wir die Fachoberschule. Die beginnt nach der 10. Klasse und führt nach zwei Jahren zur Fachhochschulreife. Zehn von 28 Schülern brechen in der Regel ab, weil sie die Anforderungen nicht schaffen. Meistens sind es Probleme in Mathe, mit denen sie schon von den Oberschulen hier herkommen. Am Ende des ersten Halbjahres entscheidet sich, wer die Probezeit geschafft hat. Hier haben wir die höchste Abbrecherquote aller unserer fünf Ausbildungszweige von teils mehr als 26 Prozent.

Das ist enorm. Was passiert danach mit den meist ja dann erst 17-jährigen Schülern?

Tiburski: Leider verlieren wir sie aus den Augen. Wir haben nicht die Rückkoppelung und sehen nicht, was passiert. Aber allgemein lässt sich sagen, dass bei Ausbildungsabbrüchen natürlich die große Gefahr besteht, in eine längere Arbeitslosigkeit zu geraten. Die Jobcenter aber unternehmen viel, um den jungen Leuten Perspektiven zu bieten. Wichtig ist, einen neuen Anlauf zu unternehmen und nicht zu Hause in der Hängematte zu liegen.

Wie sieht es bei den Sozialassistenten aus von der Berufsfachschule? Das sind jene Schüler, die später etwa Erzieher oder Pfleger in ihrer Arbeit unterstützen.

Tiburski: Auch da ist das erste halbe Jahr auf Probe. Jeder zehnte schafft es nicht. Bei Erziehern sieht das schon ganz anders aus. Da hört mal der eine oder andere auf. Fünf Prozent oder weniger geben von den Berufsschülern auf.

Die Gründe sind da sicher auch in den Ausbildungsbetrieben zu suchen, oder?

Tiburski: Ja, das können wir wenig beeinflussen. Der überwiegende Teil der Ausbildungsabbrüche kommt dadurch, dass der Betrieb kündigt. Wir haben gerade als Schulteam beschlossen, künftig mehr auf die Betriebe zuzugehen, um zu fragen, woran es liegt. Die meisten der Schüler finden einen neuen Ausbildungsvertrag.

Gibt es da Unterschiede bei den einzelnen Ausbildungsberufen?

Tiburski: Im kaufmännischen Bereich ist es kaum ein Thema. Auch bei den Justizfachangestellten ist die Zahl der Abbrecher verschwindend gering. Bei den Justizfachangestellten gibt es im Vorfeld ein aufwendiges Auswahlverfahren. Die, die das bestanden haben, ziehen das ganze dann auch durch. Bei den Bäckern und Bäckereifachverkäufern hatten wir im Februar drei Kündigungen im zweiten Ausbildungsjahr.

Das OSZ hat auch ein großes Berufliches Gymnasium, das nach drei Jahren zum Abitur führt. Wie schaut es dort mit Schülern aus, die das Handtuch werfen?

Tiburski: Von den Schülern haben im vorigen Schuljahr 17 aufgehört. Jährlich nehmen wir etwa 110 Schüler im Beruflichen Gymnasium neu auf. Etwa 20 Prozent von ihnen kommen von Gymnasien und wechseln zu uns, um das Abitur erst in der 13. Klasse zu machen. Elf Schüler der elften Klasse haben seit Schuljahresbeginn das OSZ schon wieder verlassen.

Gibt es Warnzeichen?

Tiburski: Der relativ hohe Krankenstand ist ein Problem. Wer häufig fehlt, gefährdet seinen Abschluss. Es muss der versäumte Stoff nachgeholt werden, das schiebt der eine oder andere vor sich her. Und schon ist das Problem ein großes. Es sind meist immer die gleichen Schüler, die krank sind. Manchmal ist es Leistungsverweigerung, manchmal liegt das Problem tiefer. Es gibt eine Anzahl Schüler, die ständig krank sind, wo wir vermuten, dass es keine schwere Krankheit ist, um es vorsichtig auszudrücken. Die krankheitsbedingten Entschuldigungen können sie sich ab 18 Jahren selbst schreiben. Dann folgen die üblichen Telefonate des Tutors, eine Art Klassenlehrer, bei den Eltern, was denn los sei.

Kommen zu Ihnen auch verzweifelte Eltern?

Tiburski: Das passiert manchmal. Eine Mutter sagte jetzt, ihr Sohn hätte ihr berichtet, dass ständig die erste und zweite Stunde ausfalle. Dabei wollte der Schüler nur ausschlafen und die Mutter hat es nicht durchschaut.

Was sind die tieferliegenden Gründe?

Tiburski: In einem Satz: Probezeit nicht bestanden, Liebeskummer oder echte oder vorgetäuschte Krankheit. Ich habe das Gefühl, dass es nicht zu den Kernkompetenzen vieler Schüler zählt, sich Problemen zu stellen. Es ist normal, sich mit Konflikten und Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Beispiel etwa Liebeskummer. Da kann man auch mal die Zähne zusammenbeißen und durch, statt gleich die Schule zu schmeißen. Es ist auch legitim, den Ausbildungsberuf zu wechseln, wenn der zunächst gewählte nicht der richtige ist. Aber dann muss man auch wirklich eine andere Lehre ergreifen.

Kann in diesen Fällen Schulsozialarbeit überhaupt etwas ausrichten?

Tiburski: Natürlich. Durch Gespräche und Beistand durch eine vom Schulsystem unabhängige Person. Deswegen brauchen wir dringend einen Schulsozialarbeiter. Wir Lehrer kümmern uns auch um die Schüler, aber es ist auch eine Zeitfrage und irgendwo gibt es auch beim Lehrer Grenzen des Verständnisses.

Von Marion von Imhoff

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