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Das Gänseliesel von nebenan

Junge Züchterin Das Gänseliesel von nebenan

Claudia wartet mit Spannung auf das Frühjahr. Dann werden im Gehege auf dem Hof des Grundstücks der Familie in Jeserig ihre Gänse Eier legen. 28 Tage später, das weiß die junge Züchterin schon lange, werden die ausgebrütet sein. Der Ganter, dem der Verdienst für den sich entwickelnden Nachwuchs zukommt, hat schon mehrfach nachgewiesen, dass auf ihn Verlass ist.

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Claudia Kuhröber ist gern das Gänseliesel von Jeserig.

Quelle: J. Krumnow

Jeserig. Die zwölfjährige Claudia wartet mit Spannung auf das Frühjahr. Dann nämlich werden im Gehege auf dem Hof des Grundstücks der Familie Kuhröber in Jeserig ihre Gänse Eier legen. Und 28 Tage später, das weiß die junge Züchterin schon seit dem sechsten Lebensjahr, werden die ausgebrütet sein. Der Ganter, dem das Verdienst für den sich in den Eiern entwickelnden Nachwuchs zukommt, hat schon mehrfach nachgewiesen, dass auf ihn Verlass ist.

Doch allein damit, dass der schon ältere und daher wohl auch selbstbewusste Ganter in dem kleinen Teich die Gänsedamen getreten hat, und nur dort im Wasser tut er das, erklärt die junge Züchterin, ist es nicht getan. Und so berichtet sie davon, dass ihr Vater ihr bei der Suche nach geeigneten neuen Partnerinnen für den Ganter geholfen habe. Für die Brautschau waren auch entfernte Bundesländer nicht zu weit.

Seit dem sechsten Lebensjahr mit dem Thema vertraut

Ihre Erfahrung: Wer in der Zucht erfolgreich sein will, muss über das eigene Gatter schauen und darf zusätzliche Wege nicht scheuen. Die Ergebnisse liegen auf der Hand. Bisher ist seit mehreren Jahren keine Ausstellungssaison verstrichen, in der die Fränkischen Landgänse von Claudia Kuhröber bei Ausstellungen keine Preise geholt hätten. Es leuchtet ein, dass ihr Vater als erfolgreicher Züchter von Rassegeflügel und ihre Mutter als Bio-Lehrerin das Verständnis ihrer Tochter für das Wesen der Zucht gefördert haben. Und ohne Hilfe des Vaters Dirk, er ist Vorsitzender des Kreisverbandes der Rassegeflügelzüchter, ginge das auch nicht.

Die vielfachen Ehrungen und Preise, zuletzt beispielsweise ein Meistertitel des Landes Brandenburg, ein Zusatzpreis bei einer bundesweiten Schau und die erste Plätze im Kreis haben aufmerken lassen. Unter Züchtern ist der Nachwuchs rar, und Claudia ist obendrein weit und breit die Jüngste und inzwischen sogar Mitglied im Zuchtring „Fränkische Landgänse“ Deutschland.

Ein anderer Nebeneffekt: Das Bild des Mädchens mit der Gans provozierte in ihrem Umfeld regelrecht zu der freundlich-scherzhaften Erinnerung an das Gänseliesel, wie sie in Märchen scharenweise vorkommen. Solche Bemerkungen waren nie böse gemeint, denn die Mädchen aus den Märchen waren ja auch immer gut zu leiden. So fühlte sich Claudia auch nicht verletzt, als ein Lehrer von der Züchterin wissen wollte, wie sich Hühner angesichts der Knallerei zu Silvester verhalten. Da war sie um eine Antwort verlegen. Ein älterer Züchter hätte womöglich geantwortet, dass die Hühner vor Schreck eckige Eier legen oder Durchfall kriegen, wie man das glimpflicher ausdrückt.

Gern das Gänseliesel

Nun könnte man meinen, bei sieben Gänsen, dazu kommen noch zwei Kaninchen und ein Meerschweinchen, erschöpft sich die Tierliebe der zwölfjährigen Gymnasiastin. Weit gefehlt. Seit längerem betreut die Schülerin einer siebten Klasse des Ernst-Haeckel-Gymnasiums in Werder zwei Ponys.

Das Muttertier Sabrina und Tochter Shakira brauchen sogar noch mehr Aufmerksamkeit als das Rassegeflügel und die Hasen und das Meerschweinchen im Streichelzoo. Sie müssen geputzt und gestriegelt werden, sie bekommen die Hufe gekratzt, werden gebürstet, geritten, an der Longe geführt, „und manchmal fahre ich mit der Kutsche“, berichtet Claudia. „Außerdem kann man mit ihnen reden, es ist, als hören sie mir zu“, berichtet sie und erinnert so an das Gänseliesel aus einem Märchen, das auch mit Tieren kommunizierte, wie man das heute sagt.

Aber während die Gänseliesel im Märchen ihre Zukunft dem Schicksal überließen, hat Claudia konkrete Vorstellungen vom Morgen. Sie will auch künftig mit Pferden zu tun haben und glaubt, dass der beste Platz dafür die Pferdestaffel der Polizei ist. Aber nur Tiere allein sind nicht ihre Welt.

Die beginnt morgens, wenn sie sich lieber noch einmal umdreht, ehe sie nach dem Frühstück zu den Sachen greift, die man so für die Schule braucht, Handy eingeschlossen. „Oma und Opa sind mit dem Handy nicht so recht klar gekommen“. Die sind ja schon über 70, und deshalb haben sie es mir vor zwei Jahren geschenkt“, erklärt sie. Und sie ahnt womöglich nicht, dass die Großeltern ihre Enkelin nur mit anderen digitalwütigen Mädchen und Jungen gleich stellen wollten.

Konkrete Vorstellungen von der Zukunft

Denn der Schulweg und der Aufenthalt in der Wartehalle reichen nicht aus, um sich mit Klassenkameradinnen über den üblichen Klatsch zu unterhalten. „Jungen und die Eigenarten von Lehrern und so.“ Zu ihrem Tagesrhythmus gehört es daher, nach der Schule zu gucken, wer über Wats App auf dem Display gelandet ist. „Aber man muss sich doch auch ohne Handy über was unterhalten können“, sagt sie und nimmt so dem kleinen Gerät ein wenig den Nimbus des Unverzichtbaren.

Trotz des nicht unbeträchtlichen Aufwandes hat sie den Alltag offenbar im Griff. „Ihr Halbjahreszeugnis kann sich sehen lassen. Denn Schule macht Spaß schon wegen der Freundinnen. Ganz besonders mag sie Französisch, Bio und Sport. Nur in einem Fach hapert es. Aber da sei wohl eher der Lehrer schuld, gebraucht sie eine gängige Ausrede. „Aber ich bin recht froh, dass Mama nicht an meiner Schule unterrichtet“, sagt Claudia über ihre Mutter, die an einem anderen Gymnasium arbeitet, und verzichtet darauf, das näher zu erläutern.

Der Tag des Gänseliesels ist ausgefüllt. Vor dem Schlafen gehen die Gedanken auf den Spaziergang. Sie streifen das in der Schule Erlebte, Gespräche mit Freunden, die Tiere, die Wünsche, Artikel in der MAZ was in diesem Alter schon erstaunlich ist, und was übers Fernsehen aus der Welt ins Wohnzimmer gelangt. „Ich habe mitgefiebert und angefeuert, als wäre ich dabei, als Handballer um den Europameistertitel kämpften“, erzählt sie. Und sie lächelt nicht mehr, als sie an die Bilder aus zerstörten Städten in Syrien und das so nahe Flüchtlingselend denkt, an Menschen, deren Träume sehr viel bescheidener sind.

Von Jürgen Krumnow

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