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Brandenburg/Havel „Der Frust steigt ins Unermessliche“
Lokales Brandenburg/Havel „Der Frust steigt ins Unermessliche“
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02:15 10.02.2018
Heimleiter und Sozialarbeiter Mario Gose von der Arbeiterwohlfahrt. Quelle: HEIKE SCHULZE
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Lehnin

Mario Gose leitet in Lehnin das Heim für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge. 28 Jugendliche werden dort von 22 Mitarbeitern der Arbeiterwohlfahrt betreut. Die Einrichtung zählt damit zu den landesweit größten.

Herr Gose, wie würden Sie die Stimmung in Lehnin und landesweit bezüglich der Flüchtlinge beschreiben?

Mario Gose: Wir haben das Glück, dass hier in Lehnin immer noch eine gute Stimmung herrscht und wir einen guten Stand haben in der Gemeinde haben. Die Stimmung im Land scheint derzeit zu kippen angesichts der Krise in Cottbus und einzelner Zwischenfälle in anderen deutschen Städten. Gefühlt nimmt das derzeit mehr Platz in der öffentlichen Wahrnehmung ein. Wir haben das nicht auszustehen, was in Teilen der Republik abgeht.

Von den Rechtsradikalen, aber auch von einigen wenigen Flüchtlingen geht erhebliche Gewalt und Unruhe aus.

Ja, das stimmt.

Ist das Gesprächsstoff bei den Jugendlichen hier?

Sie machen sich Sorgen und merken schnell, sobald irgendwo etwas passiert in Deutschland, dass auch plötzlich mit ihnen anders umgegangen wird.

Was sehen Sie es?

Der Unmut und die Übergriffe durch Flüchtlinge haben zugenommen und wir müssen uns fragen, wie es dazu kommen konnte. Die Flüchtlinge sind mit Träumen nach Deutschland gekommen und merken dann, dass ihre Träume nicht umsetzbar sind. Dann sinkt ihre Motivation drastisch. Und wenn das nicht pädagogisch abgefangen wird, steigt der Unmut ins Unermessliche. Wir sprechen wie im Hamsterrad immer und immer wieder über Schulabschlüsse und Ausbildung, damit sie eine Perspektive für sich selbst sehen. Aber die jungen Volljährigen in Gemeinschaftsunterkünften haben keine enge Begleitung. Es wird von ihnen erwartet, dass sie Bewerbungen schreiben, Ausbildungen suchen, Schulbesuche versuchen. Sie merken, dass sie ständig scheitern mit dem, was sie probieren. Das ist psychischer Stress in gesteigertem Maße. Ich will das nicht rechtfertigen. Ich finde die Situation derzeit furchtbar, dass diese Geschichten passieren und in einer Qualität von Gewalt, die erschreckend ist. Doch was haben wir getan, um dem entgegen zu wirken?

Was ist ihr Fazit?

Wir haben den Sprung von der Willkommenskultur zur Willkommensstruktur noch nicht geschafft. Es gibt Fragen und Probleme, auf die es keine Antwort gibt. Das frustriert mittlerweile auch Fachkräfte und Träger.

Sind für viele Flüchtlinge Frauen und Männer gleichberechtigt oder muss man da bei allen noch ein Umdenken herbeiführen?

Für viele ist die Gleichberechtigung kein Problem. Was bei allen grundlegend fehlt, ist der Kontakt zu den Deutschen, damit sie soziale Werte auch erleben und nicht nur erzählt bekommen.

Zahlen und Fakten

Zum Stichtag 6. Februar 2018 lebten im Land Brandenburg 1293 unbegleitete minderjährige Ausländer. Das teilt Ralph Kotsch mit, Sprecher des Bildungs- und Jugendministeriums in Potsdam.

Zu Spitzenzeiten Ende 2016 waren es noch 1601 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Das entspricht einem Rückgang seitdem um knapp 20 Prozent.

Betreiber des Heims in Lehnin ist der Awo-Bezirksverband Potsdam. Die Jugendämter in Potsdam-Mittelmark, Potsdam, dem Havelland und dem Erzgebirgskreis weisen die Flüchtlinge dem Heim zu.

Mario Gose ist 35 Jahre alt und in Salzwedel (Sachsen-Anhalt) geboren. Studiert hat er an der Fachhochschule Potsdam. Mario Gose leitet das Heim am Gohlitzsee in Lehnin seit Gründung 2015. Zuvor betreute der Sozialarbeiter junge Volljährige unter anderem in Berlin. Dabei kümmerte er sich auch um Jugendliche, die anonym untergebracht werden mussten, weil sie von massiver elterlicher Gewalt bedroht waren.

Können Sie das konkretisieren?

Als wir unsere Einrichtung 2015 eröffnet haben, haben die Jungs genau beobachtet, wie wir uns als Erwachsene bewegen und wie wir uns mit unseren weiblichen Angestellten auseinandersetzen, mit welcher Atmosphäre wir arbeiten, wie wir bei den Ämtern oder sogar beim Einkaufen in der deutschen Gesellschaft miteinander umgehen. Das haben sie so neugierig beobachtet, das war wirklich schon süß, weil sie das aufgesaugt haben und die können damit auch mittlerweile etwas anfangen damit, wenn wir von Normen und Werten sprechen. Für Erwachsene ohne Alltagskontakt ist es schwer zu fassen. Ihnen fehlt ein tragfähiger Kontakt zu Deutschen.

Wie wird sich das Lehniner Heim entwickeln?

Das ist eine spannende Frage. Im Moment werden viele Einrichtungen geschlossen und Plätze abgebaut. Da wir weniger Anfragen haben, werde ich mit dem Jugendamt von Potsdam-Mittelmark die Perspektivplanung durchsprechen. Wir gehören zu den größten Einrichtungen im Land Brandenburg. Das ist ein Trägerrisiko, das wir eingehen. Kapazitäten sind nicht so schnell wieder aufgebaut, wie sie derzeit abgebaut werden. Die Zahlen können aber wieder steigen. Ich spreche nicht von Zahlen wie 2015, ich hoffe, dass das nicht noch einmal in diesen Ausmaßen passiert. Ich denke, dass viele Träger sich überlegen, ob sie dieses wirtschaftliche Risiko noch einmal eingehen.

Wird es Ihre Einrichtung in einem Jahr noch geben?

Es wird sie noch geben, aber ich weiß nicht, in welcher Form. Mein Job als Leiter ist es auch zu überlegen, was ich noch mit einer solchen Einrichtung machen kann.

Was wäre das?

Zweimal die Woche kommen bereits acht bis 15 Schüler vom Oberstufenzentrum Werder, um bei uns den praktischen Kfz-Bereich ihre Arbeit machen in unserer Mehrzweckhalle.

Heute steht ein Polizeiwagen vor Ihrer Einrichtung. Warum?

Bei einem Flüchtling müssen wir unser Hausrecht durchsetzen und mussten deswegen die Polizei rufen. Er darf sich hier nicht mehr aufhalten. Er war lange in Süddeutschland und die Jugendhilfe ist abgeschlossen. Der junge Mann ist schwerst psychisch belastet. Das macht mir super Sorgen. Wir haben hier einen Betreuerschlüssel von eins zu zwei, aber selbst an solche jungen Menschen kommen wir nicht heran. Wenn ich da an die Gemeinschaftsunterkünfte denke, dann läuft es mir kalt den Rücken runter. Wenn da nicht pädagogisch und therapeutisch gegengesteuert wird, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass was geschieht. Es ist schade, dass wir da so wenig machen können, obwohl letztlich jeder weiß, dass dies notwendig wäre.

Sind Sie für Familiennachzug, würde das die Situation befrieden?

Ja, bei Männern, die in Nachbarländern waren, als in ihren Heimatländern der Krieg ausbrach, und jetzt verzweifelt versuchen, die Familien zu holen. Aber der Familiennachzug löst das Problem nicht unter allen Umständen, da nicht alle der jungen Männer bereits eine eigene Familie haben. Und ich denke auch nicht, dass es das Problem ist, dass die jungen Männer keinen weiblichen Gegenpart für sich finden. Was sie tatsächlich frustriert und kaputt macht ist die fehlende Perspektive für ihre eigene Zukunft hier.

In Potsdam ist ein Traumazentrum geplant.

Ja, das läuft über den Awo-Bezirksverband Potsdam. Wir wollen ab der zweiten Jahreshälfte ein niedrigschwelliges Angebot von Traumaberatung für Geflüchtete und Deutsche anbieten und präventiv auch für Fachkräfte. Es geht auch um Sekundärtraumatisierung, also einer Übertragung von Traumata auf Fachkräfte. Es ist Traumaberatung und keine Therapie. Die guckt in die Vergangenheit und ist ein oft jahrelanger Prozess. Die Traumaberatung stabilisiert und guckt zielgerichtet in die Zukunft.

Können Sie von Durchstartern erzählen?

Da haben wir zum Glück mehrere Jungs, etwa einen Afghanen. Er lernte sehr schnell Deutsch und absolviert derzeit eine Ausbildung im IT-Bereich. Er hat seine eigene Wohnung in Werder und wird von einem Privatvormund unterstützt. Ein Syrer ist jetzt an einem Oberstufenzentrum in Brandenburg ist und wohnt in einer eigenen Wohnung. Der ist durchgestartet zu einem selbstbewussten jungen Mann mit Zukunftsperspektive in der Kfz-Branche. Das ist schön zu sehen.

Immer wieder heißt es, einige Flüchtlinge würden sich fälschlicherweise als minderjährig bezeichnen. Hatten Sie hier schon einen 30-Jährigen?

Zu 90, 95 Prozent sind es tatsächlich Minderjährige. Ein großer Schwung ist jetzt volljährig geworden. Wenn wir den pädagogischen Bedarf sehen, läuft die Jugendhilfe bis 21 weiter. Wenn ein 30-Jähriger dazwischen wäre, wäre das unseren Fachkräften im alltäglichen Verhalten der Jugendlichen aufgefallen. Der Anreiz ist, dass sie die intensivere Begleitung der Jugendhilfe bekommen. Bei unseren afrikanischen Jungs weiß ich aber, dass viele von ihnen auch nicht genau wissen, wann sie geboren wurden. Dann versucht man das irgendwie zu rekonstruieren. Andererseits habe ich mehrfach erlebt, dass alleinreisende Minderjährige in Gemeinschaftsunterkünften leben, weil sie für volljährig erklärt wurden. Das ist erschreckend.

Von Marion von Imhoff

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