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Der Wachmann wünscht sich Pfefferspray

Reportage aus dem Flüchtlingsheim Der Wachmann wünscht sich Pfefferspray

Die Mehrzahl der Bewohner ist friedlich, dennoch kommt es im Flüchtlingsheim in Lehnin (Potsdam-Mittelmark) immer wieder zu Polizeieinsätzen. Seit Januar mussten Einsatzkräfte 19-mal ausrücken. Meist geht es um Schlägereien der Bewohner untereinander. Ein Blick in den Alltag eines Flüchtlingsheimes.

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Lehrerin Olga Schürer unterrichtet im Keller des Lehniner Flüchtlingsheims 17 Männer und vier Frauen im Alphabetisierungskurs. Vorne links büffelt in Ingenieur.

Quelle: Marion von Imhoff

Lehnin. Roswitha Schulz ist kaum in ihrem Büro im Erdgeschoss des Lehniner Flüchtlingsheims angekommen, schon steht ein Mann vor ihr und reicht ihr sein Handy. Am anderen Ende ist ein Bewohner, der gerade ohne Erfolg von einem Arztbesuch kommt. Ihm fehlte der passende Krankenschein. Die 54-jährige Heimleiterin regelt auch das. Sie beendet das Gespräch und wirft einem weiteren Besucher ihres Büros einen strengen Blick zu: „Wir müssen reden.“

Adressat ihrer strengen Worte ist ein junger Syrer, Vormund seines 13-jährigen Bruders. Dieser wurde in der Nacht in Potsdam aufgegriffen, er hat sich an dem Potsdamer Flüchtlingsheim am Brauhausberg herumgetrieben mit erwachsenen Männern. Natürlich bekommt jetzt der Bruder eine Belehrung, dass es so nicht gehen könne.

Bei Schlägereien gibt es immer wieder Verletzte

Ob es etwas hilft? Bei dieser Frage würde Wachmann Martin Uckermann den Kopf schütteln: Die Flüchtlinge würden zu milde behandelt, meint der 48-jährige gelernte Zootechniker, der sich am liebsten mit Schlagstock und Pfefferspray in seinem Wachzimmer bewaffnen würde. „Aber das verbietet mein Arbeitgeber. Ich soll mich einschließen, wenn ich mich bedroht fühle.“ Das tut er jetzt jede Nacht seiner Zwölfstunden-Schicht. Uckermann berichtet im Beisein von Heimleiterin Schulz von „Schlägerein, Drohungen, Diebstählen“ in der Einrichtung. Dort leben 91 Flüchtlinge. Unter ihnen sind 15 Kinder; die überwiegende Zahl sind Männer. „Es gab auch Verletzte“, sagt Roswitha Schulz. „Aber am nächsten Tag lagen sie sich die Beteiligten meistens wieder in den Armen.“ Zu beschönigen gebe es dennoch nichts: „Es ist so wie es ist.“

Das Flüchtlingsheim liegt am Lehniner Ortsrand

Das Flüchtlingsheim liegt am Lehniner Ortsrand.

Quelle: Marion von Imhoff

Nach Angaben von Polizeisprecher Oliver Bergholz gab es seit Jahresbeginn in dem gelben Wohnblock am östlichen Ortsrand Lehnins 19 Polizeieinsätze. „Körperverletzungen, Hausfriedensbruch, hilflose Person, ruhestörender Lärm, aber meist waren es Körperverletzungen“, so Bergholz. Erst in der Nacht zuvor musste Heimleiterin Roswitha Schulz die Polizei alarmieren, weil ein Flüchtling mit Hausverbot aggressiv geworden ist, als sie ihn an die Luft setzen wollte. Aggressive Flüchtlinge sind keine Seltenheit: Uckermann berichtet von „fünf Männern, die meine Tür eintreten wollten und ich musste eine dreiviertel Stunde warten, ehe die Polizei hier war“.

Der Arbeitsförderverein betreut das Heim für den Landkreis

Von der MAZ darauf angesprochen, sagt Polizeisprecher Bergholz. „Die durchschnittliche Anfahrtszeit zum Flüchtlingsheim in Lehnin beträgt 21 Minuten. Man braucht halt eine Weile dorthin von Brandenburg aus.“

„Wir sind hier zu einem großen Teil allein mit 100 Leuten“, schimpft Wachmann Uckermann. Seinen Job mache er dennoch weiter: „Ich muss ja Geld verdienen und manchmal gibt es auch einen schönen Tag.“

Heimleiterin Roswitha Schulz mit der fünf Monate alten Ingrid, deren Mutter Nelly Kambura aus Kenia geflüchtet ist

Heimleiterin Roswitha Schulz mit der fünf Monate alten Ingrid, deren Mutter Nelly Kambura aus Kenia geflüchtet ist.

Quelle: Marion von Imhoff

Roswitha Schulz leitet das Heim seit dessen Eröffnung Ende 2015. „Ich komme jeden Tag gerne hierher“, sagt die gebürtige Belzigerin. Angestellt ist sie beim Arbeits- und Ausbildungsförderverein Potsdam Mittelmark, das für den Landkreis Potsdam-Mittelmark das Heim betreut. Es gibt noch eine Sozialarbeiterin für die Einrichtung. Lediglich das gibt der gesetzliche Betreuungsschlüssel von einem Sozialarbeiter auf 80 Flüchtlinge her. Für viereinhalb Jahre soll die Einrichtung in dem Wohnblock in Lehnin bleiben.

Eine neuangekommene Familie besucht die Kleiderkammer

Im Kellergeschoss schauen sich die vier Brüder Ayham (17), Obei (15), Barra (7) und Mayar (5) in der Kleiderkammer um. Die ehrenamtlichen Helferinnen Helga Schulze (63) und die zwei Jahre jüngere Sabine Nolte suchen ihnen und den Eltern Hosen, Pullover und Shirts heraus. „Es sind liebe, bescheidene Menschen“, sagt Roswitha Schulz über die neu angekommene Familie aus dem syrischen Damaskus. Der Vater, ein hochgewachsener Mann, arbeitete dort als Tischler. Seine Frau lächelt und bedankt sich für jedes Kleidungsstück.

Die drei Brüder Ayham, Obei und Barra aus Syrien suchen sich in der Kleiderkammer des Flüchtlingsheimes Shirts und Hemden aus

Die drei Brüder Ayham, Obei und Barra aus Syrien suchen sich in der Kleiderkammer des Flüchtlingsheimes Shirts und Hemden aus. Sie sind mit ihrer Familie neu in der Unterkunft eingetroffen und sprechen schon recht gut Deutsch.

Quelle: Marion von Imhoff

Im Erstaufnahmelager haben die beiden älteren Söhne schon gut Deutsch gelernt, vermischen es notfalls mit Englisch. Die Verständigung klappt. Seinen Namen buchstabiert der Älteste mit „Anton, Ypsilon, Heinrich, Anton, Martha.“

21 Schüler im Alphabetisierungskurs

Genauso bringt es im Raum gegenüber Olga Schürer ihren 21 Schülern des Alphabetisierungskurses bei. Hat sie früher Aussiedlern die deutsche Sprache näher gebracht, bietet sie nun im Keller des Lehniner Flüchtlingsheimes einen sogenannten „niedrigschwelligen Kurs“ für Flüchtlinge mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus. Jene mit besserer Bleibeperspektive dürfen in einen Integrationskurs. Vier Stunden täglich vier Tage die Woche paukt Olga Schürer mit den 17 Männern und vier Frauen Vokabeln und Buchstabieren, „damit sie eine Tagesstruktur bekommen“, sagt Olga Schürer. Vier Analphaten büffeln ebenso fleißig wie ein Ingenieur und jede Menge Friseure.

Heimleiterin Roswitha Schulz schaut nach den Beständen in der Kleiderkammer

Heimleiterin Roswitha Schulz schaut nach den Beständen in der Kleiderkammer.

Quelle: Marion von Imhoff

Acht der Bewohner haben das Handtuch geworfen. Sie kehren freiwillig zurück in den Iran. Ihre Tickets dafür bezahlt Schulz zufolge die Ausländerbehörde. Ein paar Zimmer sind nun leer.

Zahlen und Fakten

Im Landkreis Potsdam-Mittelmark leben nach Angaben von Pressesprecherin Andrea Metzler derzeit 1961 Flüchtlinge. 1810 Männer, Frauen und Kinder wohnen in Asylbewerberheimen. 151 Geflüchtete sind bereits in Wohnungen umgezogen.

14 Flüchtlingsheime unterhält der Landkreis. Das mit 288 Bewohnern größte liegt in Brück, gefolgt von der Teltower Unterkunft mit 266 Männern, Frauen und Kindern aus Krisen- und Kriegsregionen. Das kleinste liegt in Götz mit derzeit 14 Flüchtlingen, die dort leben. Zwei Gebäude gehören dem Landkreis, die Flüchtlingsunterkunft in der Kaserne in Brück dem Bund, die übrigen sind von Privatleuten gemietet wie in Lehnin.

Das Lehniner Flüchtlingsheim mit derzeit 91 Bewohnern hat Platz für 102 Menschen. Träger ist der Arbeits- und Ausbildungsförderverein Potsdam-Mittelmark, der für den Landkreis neun Asylheime und eine Notunterkunft betreibt. Die übrigen Einrichtungen werden vom Internationalen Bund betreut.

Abgebrochene Griffe an den Waschmaschinen

Im Gebäude laufen jeden Tag zehn Waschmaschinen. An einigen haben die Bewohner die Griffe abgebrochen, weil sie nicht wussten, dass sich die Geräte während des Waschgangs nicht öffnen lassen. Die Küchen sind sauber. Jedes Zimmer verfügt über ein kleines Bad. Die übliche Belegung ist mit zwei Mann. „Mehr geht nicht, dass würde die Toiletten überlasten“, sagt Roswitha Schulz. Ab und an komme es vor, dass auch jemand die Dusche als Toilette benutze. „Das merken wir, wenn am Abfluss rumgeschraubt wurde.“ Am Donnerstag schaut der Vermieter nach seinem Haus mit einem Abgesandten des Landkreises.

Im September kommt ein Zwei-Meter-Zaun um das Gebäude. „Ich werde den Bewohnern von dem Zaun erzählen, wenn die ersten Hammerschläge zu hören sind“, sagt die Leiterin. Sie ist eine durch und durch pragmatische Frau. „Die Flüchtlinge werden ,Why, why?’ fragen und ich werde antworten, ,damit von draußen nichts Schlechtes kommt’. Es ist eine Sicherheitsauflage, um das Heim vor Angriffen Rechter zu schützen. Spannungen mit den Mietern im Nebenblock sollen zudem verringert werden. Die Nachbarn beschweren sich über nachts draußen spielende Kinder – und laut Roswitha Schulz immer wieder über Flüchtlinge, die über den Rasen laufen.

Von Marion von Imhoff

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