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Der gehörnte Dichterbaron Fouqué

Deutsche Romantik Der gehörnte Dichterbaron Fouqué

Ein Schatten liegt über der dritten Ehe des großen deutschen Dichterbarons Friedrich de la Motte Fouqué. Seine Gattin fand drastische Worte für ihren Mann. Und am Ende waren mit ziemlicher Sicherheit nicht einmal seine Söhne wirklich von ihm. Vor 240 Jahren wurde Fouqué in Brandenburg an der Havel geboren.

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Worte wehen im Wind: Friedrich de la Motte Fouqué im Zwiegespräch mit Adelbert von Chamisso im Schlosspark von Nennhausen – Terracota von Dirk Harms.

Quelle: Heiko Hesse

Brandenburg an der Havel. Auf der Brandenburger Dominsel ist am 12. Februar 1777 der Enkel hugenottischer Einwanderer und spätere „Undine“ – Dichter Friedrich de la Motte Fouqué geboren worden. Das ist am Sonntag 240 Jahre her. Zeit genug, um den ungezählten, noch heute in Deutschland verstreut lebenden Namensträgern einmal klar zu sagen, dass es gar nicht sicher ist, dass der Dichter ihr Ur- beziehungsweise Ur-ur-Großvater ist, zumindest nicht ihr leiblicher.

Eigentlich starb sein Geschlecht im „Mannesstamm“, wie das damals hieß, schon mit ihm aus. Seine 1803 im westhavelländioschen Nennhausen in zweiter Ehe geborene erste Tochter Marie ist, ohne je geheiratet zu haben und kinderlos, 1864 in Jahnsfelde verstorben. Eine zweite Tochter, das erste Kind seiner dritten Ehe, starb 1834 in Halle schon am Tage ihrer Geburt. Und die beiden folgenden Söhne – sind nicht von ihm.

Der Dichterbaron Friedrich de la Motte Fouqué – gemalt im Jahre 1827 von Caroline Bardua

Der Dichterbaron Friedrich de la Motte Fouqué – gemalt im Jahre 1827 von Caroline Bardua.

Quelle: MAZ

Ihr mutmaßlicher Vater ist Charles Theodor Fournel, „hochschlank von Gestalt, von eleganter Haltung, hübsch von Gesicht; Teint spanisch dunkel, Haar und Schnurrbart schwarz, die Augen groß und voll südlichen Feuers“. Diese Beschreibung stammt nicht von irgendwem, sondern von Fouqué. Er hielt Fournel – und dafür gab sich, schon weil es bei den Damen viel mehr Eindruck machte, Fournel auch ihm gegenüber aus – für den spanischen Edelmann Charles Fournel de Géniecourt, der nur für seine Schriften das Pseudonym „Charles Fournel“ benutzen würde.

Am 30.Oktober 1838 berichtete Fouqué, der nach seiner Eheschließung mit Albertine Tode, seiner dritten Frau, nach Halle gezogen war, genau das an Hofrat Johann Georg Keil in Leipzig. Und mehr noch, er lieferte dem Dichter und Romanisten gleich noch die rührselige Vita von einem in Frankreich geborenen, poetisch begabten, edlen Spanier dazu, der sich seine Sporen im fast drei Jahre währenden Kampf an der Seite von König Carlos verdient hätte.

Friedrich de la Motte Fouqué

Friedrich Heinrich Karl Baron de la Motte Fouqué wurde am 12. Februar 1777 auf der Dom-Insel in Brandenburg an der Havel geboren. Das Geburtshaus steht nicht mehr.

Seit 1798 war er mit Marianne von Schubaert verheiratet. Nach vier Jahren wurde die Ehe geschieden.

Mehr Glück hatte Fouqué, als ihm die junge Witwe Caroline von Rochow begegnete. Sie heirateten 1803 und genossen ein erfülltes Leben – vor allem im Schloss Nennhausen. 1804 erschien Fouqués erstes Buch. Er gilt als einer der ersten deutschen Dichter der Romantik.

Caroline starb 1831. 1833 heiratete Fouqué die Schriftstellerin Albertine Tode (1806-1876).

Der Dichterbaron starb am 23. Januar 1843 in Berlin. Sein Grab ist auf dem Alten Garnisonfriedhof in Berlin-Mitte.

Die preußischen Beamten in Halle waren weniger leichtgläubig. Nachdem der vermeintlich heldenhafte Freiheitskämpfer sich bei Fouqué als interessierter Hörer von dessen akademischen Vorlesungen in Literatur und Zeitgeschichte ausgegeben hatte und wie es damals für Studierende durchaus üblich, auch bei seinem Mentor eingezogen war, ließen die ihn regelrecht beschatten. Ein nach einjährigem Aufenthalt Fournels in Halle mit „gez. Hesse“ unterschriebener, detaillierter, Polizeispitzel-Bericht „an den Herrn Oberbürgermeister Schröner, Hochwohlgeboren“ spricht nicht nur Bände – er lässt, was Fouqué angeht, regelrecht erschauern.

Da wird über „Génicourt“ berichtet, „seine Verhältnisse zu der Frau können nur vertrauliche genannt werden, da Alles, was darauf sich bezieht, sogar in die Rechte eines Ehemannes schlagen. Für alle Bedürfnisse sorgt die Frau Baronin. Sie weiß auch ihren Ehemann und ihre Mutter, welche bei ihr wohnt, so abzuhalten, daß sie von ihnen des de Génicourt wegen nicht behindert werde. So leidet sie nicht, dass ihr Ehemann zu einer anderen Zeit, als beim Mittagessen und Abends beim Thee in ihre Stube komme; dagegen ist der Génicourt fortwährend bei ihr, und Beide sind durch dazu gekommene Dienstboten schon mehrmals unvermuthet in verdächtiger Situation überrascht worden. Er begleitet sie ins Bett und hilft bei der Toilette.“

Wüste Beschimpfungen

Ihren Mann hingegen würde die Frau Baronin als „Ochse!“ und „Du besoffener Schweinehund!“ beschimpfen. Mag sein, dass dies Launen einer zu dieser Zeit bereits Schwangeren waren, übel sind sie allemal. Was den Vorwurf des „Saufens“ angeht, spricht der Getränkekonsum Fouqués allerdings auch eher dafür, dass er damit sein Schicksal als „gehörnter Ehemann“, der seinem jugendlichen Widersacher „nicht das Wasser reichen“ kann, vergessen wollte und sich zudem in sein Schreiben flüchtete.

Hesse hatte seinerzeit akribisch aufgelistet: „Er trinkt nämlich 2 Flaschen Wein, einige Gläser Madeira und 3-4 Bouteillen Bayerschen Bieres täglich und ist fortwährend in seinem Arbeitsstübchen beschäftigt.“ Da im Zusammenhang mit den Ermittlungen die Universität auch noch bestätigt, dass der „Spanische Edelmann de Génicourt“ weder immatrikuliert noch irgendwo offiziell eingeschrieben sei, machen die Behörden kurzen Prozess.

Der Liebhaber musste Preußen verlassen

Im August 1839 wird Fournel als vermeintlicher französischer Spion aufgefordert, das preußische Staatsgebiet unverzüglich zu verlassen. Er ging in die Freie Reichsstadt Frankfurt am Main. Albertine schenkte am 29. Oktober 1839 ihrem Sohn Karl Friedrich Wilhelm in Halle das Leben. Der „Spanier“ veröffentlichte unter seinem angeblichen Pseudonym im selben Jahr sein erstes Gedichtbändchen, die „Ombres et Rayons“, das er ausdrücklich seiner Angebeteten, „Baronin Albertine de la Motte Fouqué“, gewidmet hat.

Und (ja, geht’s noch?) Fouqué, von allen guten Geistern verlassen, jubelt fast in seiner 1840 erschienenen „Lebensgeschichte“, dass ihm „ja doch von der geliebten Gattin ein blühend frischer Knabe geboren“ ward. Immerhin, das natürliche „Sohn“ floss ihm nicht aus der Feder und er bestimmte ihm – darin ganz Recht behaltend – die militärische Laufbahn vor. Albertine wird ihrem Mann nun in den Ohren gelegen haben, sich für ihren Liebhaber zu verwenden. Tatsächlich setzt Fouqué alles daran „das Missverständnis“ aus der Welt zu schaffen.

Es gelingt. Kaum ist die Familie Fouqué im Sommer 1841 nach Berlin, in die Karlstraße 23a umgezogen, verkehrte auch Fournel wie selbstverständlich wieder im Hause und der Madeira bleibt Fouqués Begleiter. Kaum anzunehmen, dass sich die von Hesse einst beschriebenen Verhältnisse sonderlich geändert haben.

Halle an der Saale um fas Jahr 1740 auf einem Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner

Halle an der Saale um fas Jahr 1740 auf einem Kupferstich von Friedrich Bernhard Werner. Hier weilte Fouqué einige Zeit.

Quelle: Wikipedia

Fouqué lebte vereinsamt in seiner eigenen Welt. Schon 1842 ist Albertine wieder schwanger. Als Friedrich Wilhelm Waldemar am 29. Januar 1843 geboren wurde, ist Fouqué schon seit sechs Tagen tot.

Jetzt allerdings hatte die nur dürftig versorgte Witwe, deren Mutter überdies auch noch am 9. April des Jahres verstarb, allen Grund zur Klage. Von ihrem Liebhaber, dem notorisch klammen Fournel hatte sie nichts zu erwarten. Der sah nun selbst zu, wo er blieb. Ohne die Absicherung durch Fouqué war Albertine nicht mehr interessant und Verpflichtungen gegenüber den Söhnen hatte er keine, denn sein Name steht ja nicht an Vaters statt in den Kirchbüchern.

Die Klage der Witwe

So klagte Albertine denn auch in einem Brief vom 3. Mai 1843 an Fouqués langjährige Freundin und Gönnerin, Prinzessin Marianne fast herzerweichend: „Oft preßt der Gedanke mir das Herz, daß mit Fouqués Tod auch seiner verwaisten Familie der Untergang bestimmt ist; doch wird ja dies der Herr nicht zugeben, er, der Versorger der Witwen und Waisen.“

Ist Albertine nun etwa fromm geworden? Mitnichten, die überlieferten Äußerungen ihrer Söhne sind von großer Bitterkeit und Härte ihrer Mutter gegenüber gekennzeichnet. Sie hat beide Jungs sobald es ging in die Kadettenanstalt – die Zufluchtstätte verarmter Adeliger – gegeben, wo sie den langen und oft bitteren Weg der Offizierslaufbahn bis zum Ende gehen mussten, um sich ihre Existenzen zu sichern.

Eine geschmeidig geglättete Biografie

Und was wurde aus Fournel? Der am 24. März 1817 in Metz geborene Charles Theodor Fournel, der nie ein abgeschlossenes akademisches Studium vorweisen konnte, traf es besser. Schon in Frankfurt am Main hatte er erste Vorlesungen über französische Literatur gehalten. Außerdem gelang es ihm, sich als Französischlehrer in Berlin „bei Hofe“ zu etablieren. Von 1844 bis 1854 unterrichtete er die Prinzen und Prinzessinnen in französischer Sprache und Literatur. Noch in Berlin hat er 1854 geheiratet und ist dann als „Freier Autor“ am 13. Juni 1869 in Tournon verstorben. In seiner geschmeidig geglätteten Biografie liest sich die Zeit vor 1844 allerdings auch ganz anders.

Zugegeben, der letzte, schlüssige Beweis fehlt – er ließe sich im Zeitalter der Gentechnik bestimmt erbringen, aber wer will das? Wenn die Geschichte so bleibt wie sie ist, liefert sie immer wieder Stoff für Klatsch und Tratsch. Für dessen Erstverbreitung dürfte schon Georg Hesekiel (1819-1874) zu seinen Lebzeiten hinreichend gesorgt haben. Auch er gehörte, nachdem er sein 1839 in Jena begonnenes Studium nach Halle verlegt hatte, zu den Studenten Fouqués, die von den Zuständen im Hause aus unmittelbaren Erleben berichten konnten.

Berliner Männerrunde mit Fontane

Auch Hesekiel ging 1841 nach Berlin, wo er dann im Jahr darauf sein Studium abschloss und sich bis 1843 zunächst auf eine ausgedehnte Reise nach Frankreich begab, ehe er bald danach als einer der beiden ersten Auslandskorrespondenten des seinerzeit richtunggebenden Blattes der konservativen Oberschicht, der „Neuen Preußischen Zeitung“ – bekannter als: „Kreuzzeitung“ – engagiert wurde.

Der zweite Auslandkorrespondent dort war ab 1851 Theodor Fontane. Die beiden kannten sich allerdings auch aus der literarischen Vereinigung „Tunnel über der Spree“, wo sich Fontane „Lafontaine“ und Hesekiel „Claudius“ nennen ließen. Die Berliner Männerrunde traf sich in wechselnder Besetzung schon seit Beginn des 19. Jahrhunderts fast 70 Jahre lang beständig unter dem Motto „Unendliche Ironie und unendliche Wehmut“.

Zu ihrem Schutzpatron hatten sie „Till Eulenspiegel“ erkoren. Ein Schelm, wer nun Arges denkt.

Von Bernhardt Rengert

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