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Brandenburg/Havel Der mysteriöse Tod der Lilli Friesicke
Lokales Brandenburg/Havel Der mysteriöse Tod der Lilli Friesicke
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12:08 05.11.2018
Auf der Gedenkplatte für die ermordeten Juden in Brandenburg an der Havel findet man auch den Namen der Ärztin Lilli Friesicke (fälschlich als Friesecke bezeichnet). Die Tafel befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in der Geschwister-Scholl-Straße. Quelle: Heiko Hesse
Brandenburg/H

Mit der Pogromnacht vor 80 Jahren haben die Nazis einen neuen Höhepunkt bei der Verfolgung unschuldiger Menschen gesetzt. Auch in Brandenburg an der Havel brannte die Synagoge, zogen Uniformierte marodierend durch die Straßen, zerstörten Geschäfte von jüdischen Besitzern, überfielen Juden in ihren Wohnungen und misshandelten sie. Die Gynäkologin Lilli Friesicke brachte man in das Polizeigefängnis, das sich zu dieser Zeit im Neustädtischen Rathaus befand. Am 10. November 1938 ist die 50-jährige Medizinerin ums Leben gekommen.

Was von ihr bleibt, sind zwei Inschriften auf dem jüdischen Friedhof an der Geschwister-Scholl-Straße, seit 1993 ein Straßenname im Stadtteil Nord und die Behauptung, Lilli Friesicke habe sich im Polizeigewahrsam selbst das Leben genommen. Ist das wirklich wahr? Oder haben die braunen Schergen ein weiteres Mal eine Tötung durch einen Selbstmord kaschiert? Es gibt Indizien, die gegen einen Suizid sprechen.

Elisabeth Luise Lilli Culp kam am 8. Oktober 1888 in Elberfeld (heute Wuppertal) zur Welt, als Tochter des niederländischen Kaufmanns Siegfried Culp. Nach dem Besuch der Töchterschule und eines privaten Real-Gymnasialkurses in Elberfeld, legte sie in Remscheid 1909 das Abitur ab.

Eine Straße im Brandenburger Stadtteil Nord erinnert seit 1993 an die ermordete jüdische Ärztin Lilli Friesicke. Quelle: Heiko Hesse

In Bonn und Jena studierte sie Medizin, was zu dieser Zeit für Frauen noch ungewöhnlich war. Ihr Staatsexamen legte sie Mitte 1914 ab. 1915 promovierte sie über „Die Bedeutung des fötalen Hydrocephalus als Geburtshindernis“. Ihre erste Stelle trat sie im selben Jahr als Assistenzärztin an der Medizinischen Poliklinik in Jena an. Das geht aus einem biografischen Abriss des Instituts für Geschichte und Ethik in der Medizin an der Berliner Charité hervor.

Als weitere Berufsstation erscheint im Jahre 1917 die „stellvertretende Assistenzärztin an der Ohrenklinik in Jena. Zwischen 1917 und 1919 heiratet Lilli Culp den Mediziner Georg Friesicke, Facharzt für Herzkrankheiten. Wann genau es sie nach Brandenburg an der Havel verschlägt, ist nicht bekannt.

Gedenken an die Opfer des Pogroms

Besondere Gedenkveranstaltungen gibt es in Bad Belzig, Brandenburg/Havel und Nauen.

In Brandenburg an der Havel bringt die Evangelische Jugend mit Straßentheateraktionen am Donnerstag, 8. November, an verschiedenen Orten in der Innenstadt mit Straßentheateraktionen das Damals mit dem Heute in Verbindung bringen. Beginn ist um 17 Uhr auf dem Neustädtischen Markt. Um 18 Uhr ist eine Andacht in der Großen Münzenstraße geplant, wo bis 1938 die Synagoge stand.

In Nauen findet am Freitag, 9. November, ein zentraler Gedenkgottesdienst im evangelischen Kirchenkreis Nauen-Rathenow zu „80 Jahre Pogromnacht in Deutschland“ statt. Beginn ist um 18 Uhr in der St. Jacobi-Kirche.

In Bad Belzig ist am Freitag, 9. November, ist ein Gedenkspaziergang zur jüdischen Geschichte durch die Stadt geplant. Die Tour beginnt um 17 Uhr am Torhaus der Burg Eisenhardt und endet gegen 18 Uhr an der St. Marienkirche. Dort wird es im Anschluss ein Gedenkkonzert geben.

Erstmals im Adressbuch 1919/20 erscheinen die beiden Mediziner am Katharinenkirchplatz 1. Dr. med. Lilli Friesicke wird darin als Ärztin geführt, ihr Mann als Spezialarzt für innere Krankheiten. Zu seiner Praxis am Katharinenkirchplatz 1 gehören noch ein Röntgen-Institut, klinische Chemie und Mikroskopie. Ein Vorbesitzer dieser Adressbuch-Ausgabe hat neben die Namen der Friesickes „Juden“ geschrieben.

Ob und inwieweit die Friesickes Teil der jüdischen Gemeinde waren, ist nicht bekannt. Lilli Friesicke wurde jedenfalls in der Nazi-Zeit als Jüdin nach dem Gesetz vom 7. April 1933 geführt.

Das Familienglück währte nicht lange

Zwei Kinder brachte Lilli Friesicke zur Welt, um 1924 oder 1925 den Sohn Heinz-Herbert, genannt Heini, und später die Tochter Marlene. Doch lange währte das Familienglück nicht. Georg Friesicke starb 1928.

Von dem Brandenburger Architekten erwarb Lilli Friesicke am 30. Januar 1932 das Haus am Katharinenkirchplatz 8. Später richtete sie in dem Haus auch ihre Praxis ein. Die Kassenzulassung wurde ihr 1933 entzogen. Als „Dr. med. für Frauenkrankheiten“, so steht es im Adressbuch von 1936/37, praktizierte sie weiter. Dienstags, donnerstags und samstagvormittags hielt sie Sprechstunden ab.

Die Wohnhäuser am Katharinenkirchplatz 7 und 8 in Brandenburg an der Havel. Quelle: Heiko Hesse

Unter welchen Umständen Lilli Friesicke nach der Pogromnacht in Haft genommen worden ist, wurde bislang nicht geklärt. Sicher ist nur, dass sie das Gefängnis nicht mehr lebend verließ. „Selbstmord durch Blausäure“ heißt es auf einem offiziellen Schriftstück der Stadtverwaltung von 1938, das sich im Stadtarchiv befindet.

In ihrer Arbeit über „Jüdische Bürger in Brandenburg an der Havel“ von 2005 notierten die Schüler der Gesamtschule Görden: „Frau Dr. Friesicke vergiftete sich im Rathaus, weil sie die Zustände und die Art der Behandlung nicht mehr ertragen konnte.“ Möglich war dies, aber es ist reine Spekulation.

Gegen Selbstmord spricht, dass wohl keine Mutter willentlich ihre Kinder allein zurücklässt. Als Lilli Friesicke ums Leben kam, war Sohn Heini 13 Jahre alt, seine Schwester Marlene jünger. Verwandte gab es weit und breit keine. Die Mutter wusste, dass die Kinder vollkommen auf sich gestellt wären, würde sie nicht mehr zurückkehren.

Nazi als Vormund

Und so kam es denn auch: Die beiden Kinder wurden unter die Vormundschaft des NS-Stadtverordneten und Malermeister Martin Scheyba gestellt. Noch bevor Heini Friesicke volljährig wurde, verkaufte Scheyba Haus und Grundstück Katharinenkirchplatz 8 für 2000 Mark an den Brandenburger NSDAP-Chef Ferdinand Heppner. Das geschah am 5. Januar 1943.

Heinz-Herbert Friesicke hatte da bereits eine Lehre zum technischen Zeichner absolviert und ein Studium der Ingenieurwissenschaften aufgenommen. Doch wenige Monate nach Kriegsende, am 9. Oktober 1945, erlag der junge Mann einer Typhus-Erkrankung. Noch während des Krieges ist seiner Schwester Marlene die Flucht in die Niederlande gelungen, wo sie beim einem Onkel unterkam. Von ihrem Werdegang ist bekannt, dass sie geheiratet hat und drei Kinder bekam, die in den Niederlanden leben.

Haus fällt ins Volkseigentum

Nazi Heppner verlor seine Beute bald nach dem Krieg wieder. Er wurde am 30. November 1948 von der Sowjetischen Militäradministration als Kriegsverbrecher enteignet. Das Haus am Katharinenkirchplatz 8 fiel dem Volkseigentum zu.

Einen Zweifel an der Selbstmord-Version nähert übrigens auch der Umstand, dass es einst gängige Praxis war, Tötungen in der Haft als Suizide zu kaschieren. Unter anderem hatten es die Nazis 1933 bei Gertrud Piter versucht, als sie der Mutter der Ermordeten weißmachen wollten, Gertrud habe sich in der Zelle erhängt.

Von Heiko Hesse

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