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„Die Werke der Staatsführung flogen raus“

Interview mit Chefin der preisgekrönten Fouqué-Bibliothek „Die Werke der Staatsführung flogen raus“

Cornelia Stabrodt ist Direktorin der Fouqué-Bibliothek in Brandenburg und erhielt für ihr Team den Integrationspreis der Stadt. Für die MAZ blickt sie zurück auf die vergangenen 24 Jahre als Bibliotheks-Chefin. Überraschend ist etwa, wie sich die Zahl der Bücherschätze seit 1993 verändert hat. Warum? Das erzählt Cornelia Stabrodt im MAZ-Interview.

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Lachende Chefin der preisgekrönten Fouqué-Bibliothek in Brandenburg: Cornelia Stabrodt.

Quelle: JACQUELINE STEINER

Brandenburg/H. Cornelia Stabrodt ist seit 24 Jahren Direktorin der Brandenburger Fouqué-Bibliothek und damit in der Stadt seit mehr als zwei Jahrzehnten eine Institution. Jetzt hat die 55-Jährige für die Behindertenarbeit ihrer Bibliothek den Integrationspreis der Stadt Brandenburg entgegennehmen dürfen. Es war der Vorschlag des Behindertenbeirates. Der MAZ erzählte Cornelia Stabrodt aus diesem Anlass von Bücherbergen, Zielen und ihrem Lieblingsbuch

Sie sind Bibliotheks-Direktorin, lieben Sie Bücherkisten?

Cornelia Stabrodt : Ja, wenn sie meine Kollegen packen und daraus Lesekoffer werden.

Die Bibliothek und damit Sie und Ihr gesamtes Team haben den Integrationspreis erhalten. Waren Sie verblüfft?


Stabrodt : Nein, hocherfreut: Wir haben von einem Betroffenen gehört, dass die Bibliothek den Preis verdient hat, weil sie Menschen glücklich macht. Das ging mir natürlich runter wie Öl. Ich fühle mich sehr geehrt und unsere Arbeit anerkannt.

Was ist das Geheimnis Ihrer behindertenfreundlichen Bibliothek?

Stabrodt : Es ist auch für uns eine Schule, uns darin immer weiter zu verbessern. Wir arbeiten seit Jahren an dem Ziel: mehr Barrierefreiheit, wobei ich das nicht nur baulich meine. Wir haben eine Kooperation mit den Fliedner-Werkstätten und gestalten Projekte für die Mitarbeiter der Behindertenwerkstätten. Die Aktion Mensch unterstützt das finanziell. Wir fassen die Worte Integration und Inklusion nicht nur als das Ziel auf, dass sich Behinderte bei uns wohl fühlen, sondern alle benachteiligten Menschen.

Wie sieht das konkret aus?

Stabrodt : Beispielsweise durch das Projekt „Leichter Lesen“ mit Büchern in einfacher Sprache. Diese Bücher sind auch für Flüchtlinge sehr gut geeignet, Deutsch zu lernen. Wir gestalten musikalisch-literarische Veranstaltungen gemeinsam mit Fliedners, finanziert von der Aktion Mensch. Eigentlich kann man sagen, dass Bibliotheken die Basis der Integration von benachteiligten Menschen sind.

Warum?

Stabrodt : Bibliotheken sind keine Erfindung der Neuzeit. Es gibt sie seit Jahrhunderten mit Angeboten, die sich an jedermann richten. Eine Bibliothek zu nutzen, ist nicht schwierig. Natürlich gehört auch zur Integration die bauliche Barrierefreiheit wie etwa die Rampe an der Stadtteilbibliothek Nord.

Muss die Fouqué-Bibliothek weiter um ihren Außenstandort Nord zittern, dem die mögliche Schließung droht?

Stabrodt : Ja. Wir sind aber weiterhin optimistisch, dass es soweit nicht kommen wird. Wir haben 7800 eingetragene Nutzer, die uns jährlich knapp 190 000 Besuche bescheren. Allein 20 000 Besuche zählt die Stadtteilbibliothek in Nord. Dass der Platz dort nun neu und aufwendig gestaltet wurde, gibt uns hoffentlich weitere Standortsicherheit.

Wie nutzen Flüchtlinge die Angebote der Bibliothek?

Stabrodt : Wöchentlich besuchen uns etwa zwölf Flüchtlinge, vor allem in Nord und Hohenstücken. Zwei junge Syrer wollen jetzt auch Bilderbücher ins Arabische übersetzen für uns.

Seit 1992 sind Sie Direktorin der Fouqué-Bibliothek. Was hat sich seitdem verändert?

Stabrodt : Enorm viel! Der gesellschaftliche Wandel ging ja nicht an uns vorbei. 1992 hatten wir 44 Mitarbeiter, heute sind es 20. Es gab sechs Standorte, etwa in Kirchmöser und Plaue. Heute sind es drei. Damals zählte unser Bestand 225 000 Bücher, heute besitzen wir 109 000 Bücher, Medien bis hin zu E-Books, also weniger als die Hälfte.

Andersherum hätte man es erwartet. Wie kommt das?

Stabrodt : Schon wegen der sechs Standorte mussten wir so viele Bücher vorhalten. Nach der Wende haben wir viele auch abschaffen müssen und wollen, auch, weil sie zu abgegriffen waren.

Auch inhaltlich?

Stabrodt : Ja, inhaltlich hatten wir unsere Bestände einer Prüfung zu unterziehen.

Welche Bücher flogen raus?

Stabrodt : Die Werke der sozialistischen Staatsführung flogen raus.

Ihr Blick zurück, wie sieht er aus?

Stabrodt : Bibliotheken gehören zu den freiwilligen Aufgaben einer Kommune. Es bleibt eine große Herausforderung. Wir müssen immer wieder für uns werben. Die Debatte, brauchen wir mit dem Internet noch Bibliotheken, ist glücklicherweise für uns entschieden und beendet. Und es macht Spaß, dass die größte Gruppe der Nutzer Kinder und ihre Eltern sind.

Woran liegt das?

Stabrodt : Am Einfallsreichtum unserer Mitarbeiterinnen in der Kinderbibliothek und der Stadtteilbibliothek Hohenstücken, die sich sogar verkleiden bei Führungen. Sie machen die tollsten Sachen. Wenn ich mich an die Führungen zu Kindheitszeiten in Bibliotheken erinnere – dazwischen liegen Welten. Uns hat man vor die Katalogkarteikästen gestellt und wir mussten Zettel heraussuchen.

Was ist Ihr Lieblingsbuch?

Stabrodt : Dan Browns „Inferno“. Damit unter dem Arm bin ich nach Florenz geflogen, wo ein Teil des Buches spielt.

Von Weferlingen nach Brandenburg

Cornelia Stabrodt ist in Weferlingen im heutigen Sachsen-Anhalt geboren. Als sie drei Jahre alt war, zogen ihre Eltern nach Brandenburg. Wollte sie anfangs Lehrerin werden, entschied sie sich kurz vor dem Abitur für den Beruf der Bibliothekarin. Sie studierte in Leipzig und besuchte später noch berufsbegleitend eine Verwaltungsfachschule. Cornelia Stabrodt ist Mutter eines 27-jährigen Sohnes.

Am 1. Juni bietet die Fouqué-Bibliothek zum Kindertag eine Veranstaltung an. Die besten 25 von Brandenburger Kindern über das 25-jährige Jubiläum der Zahngesundheit 2015 geschriebenen Geschichten werden in einem Buch veröffentlicht. Zudem gibt es Aktionen und Spiele mit einem Bibliotheksdieb und der Zahnfee.

 

 

Von Marion von Imhoff

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