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Die letzten Antiquitätenhändler der Stadt

Brandenburg an der Havel Die letzten Antiquitätenhändler der Stadt

Klaus Quedenbaum und Angela Nordhorst verkaufen noch echte Antiquitäten in Brandenburg an der Havel – doch in Zeiten von Ebay haben sie es nicht leicht. Nach der Wende boomte ihr Geschäft, doch inzwischen ist es fast unmöglich, vom Verkauf antiker Gegenstände zu leben. Für die beiden ist es trotzdem der spannendste Beruf der Welt.

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Der Antiquitätenhändler Klaus Quedenbaum mit seinem antiken Ofen aus dem Jahr 1850.

Quelle: Melanie Höhn

Brandenburg/H. Die hölzerne Wiener Uhr, die in Klaus Quedenbaums Wohnzimmer hängt, ist eines der wenigen Dinge, die der Antiquitätenhändler aus Klein Kreutz niemals verkaufen würde. „Sie ist ein Zweigewichter aus dem Jahr 1880 und hat ein schönes langes Pendel, das sehr beruhigend auf mich wirkt. Ich war sehr stolz, als ich diese Uhr bekam“, sagt der 59-Jährige. Uhren sind seine Leidenschaft, über die Jahre hat er viele davon angekauft, repariert und verkauft: „Man nennt mich auch den Uhren-Klaus.“

Schon immer interessierte er sich für die Geschichte antiker Dinge, vor allem Wand- und Standuhren aus dem 19. Und 20. Jahrhundert sind sein Steckenpferd. In seinem Geschäft findet man unzählige Kommoden, Sideboards, Geschirr, Uhren, Bilder und Truhen aus dem 18. und 19. Jahrhundert, vor allem aus der Barock- und Biedermeierzeit, seine Lieblingsjahrzehnte. Ein mit Schellack aufgearbeitetes Sideboard kostet bei ihm etwa 500 Euro. Er nennt viele Uhrenteile sein Eigen: „Früher haben mich die Uhrenmacher angerufen, ob ich ihnen bei einem Ersatzteil behilflich sein kann. Doch das ist längst vorbei“, sagt er.

Nur zwei bis dreimal pro Woche kommt ein Kunde

Inzwischen sitzt er tagsüber meistens allein in seinem Geschäft. Ihm fehlt das Geld, um etwas hinzuzukaufen und ihm fehlt das Klientel. Nur noch zwei bis dreimal pro Woche kommt ein Kunde bei ihm vorbei. „Nach der Wende lief das Geschäft sehr gut, die Leute waren neugierig und bereit, etwas für antike Dinge zu bezahlen. Seit dem Internet und den Abriss- und Schnäppchenpreisen ist es eigentlich für mich vorbei. Schon seit der Einführung des Euro ging es bergab“, erzählt er. „Wenn meine Frau nicht da wäre, wäre ich schon verhungert.“ Normalerweise hätte er sein Geschäft längst aufgeben müssen, doch er zahlt keine Miete, sein Wohnhaus ist nebenan. Mit seinem Nebenjob als Lagerist im Klinikum verdient er sich noch ein paar Euro hinzu. „Wenn Leute hier herkommen, wühlen sie und wissen eigentlich gar nicht, was sie wollen. Mir fehlen die Käufer, die sich wirklich für die Geschichte der Objekte interessieren“, sagt er. Inzwischen hat er mehrere Schlaganfälle erlitten und darf kein Auto mehr fahren.

Ein altes Waffeleisen wartet im Laden von Klaus Quedenbaum auf einen neuen Besitzer

Ein altes Waffeleisen wartet im Laden von Klaus Quedenbaum auf einen neuen Besitzer.

Quelle: Melanie Höhn

Klaus Quedenbaum eröffnete sein über drei Stockwerke reichendes Antiquitätengeschäft nach der Wende. Damals machte er sein Hobby zum Beruf. „Es war die einzige Möglichkeit für mich, um persönlich weiterzukommen und wirklich selbstständig zu werden“, erzählt der Mann, der in Schönbeck an der Ostsee geboren wurde. Mit sieben Jahren kam er mit seiner Mutter nach Brandenburg an der Havel. „Mit meinem Antiquitätengeschäft wollte ich die Leute glücklich machen und vor allem Neues dazulernen“, sagt er.

Wissen aus Fachbüchern angelesen

Vor 1990 durften offiziell nur begrenzt Antiquitäten gesammelt und verkauft werden, nach der Wende sah er seine Chance. Damals schwappte sein Hobby auch auf viele seiner Verwandte und Freunde über, Antiquitäten waren gefragt. Viele Menschen zeigten ihm damals Fotos von privaten Objekten, die Klaus Quedenbaum dann bei ihnen zu Hause mit einem Hänger abholte. „Meist war es Zufall, wie ich zu den Dingen kam. Vieles habe ich auch auf Flohmärkten gesammelt“, erzählt er. „Das Teuerste, was ich je verkauft habe, war ein ganzes Chippendale-Zimmer für 1000 D-Mark mit Sideboard, Schrank, Sofa und Nähtisch.“

Schwer fiel es ihm nie, die Historie der Objekte, die er erstand, einzuschätzen – sein Wissen las er sich über die Jahre in Fachbüchern an. Viele seiner Kunden aus vergangenen Tagen waren ältere Leute, die sich richtig mit seinen Möbeln einrichteten und große Freude damit hatten, wie er sagt: „Manchmal lief mystische Musik von Loreena McKennitt im Laden: Eine Frau war einmal so beschwingt durch die Musik, dass sie prompt eine Biedermeier-Eckvitrine aus dem Jahr 1850 kaufte.“

Kaufhaus-Möbel lehnt der Antiquar ab

Nach mehr als 25 Jahren im Geschäft resümiert er seine Tätigkeit trotz allem als spannenden Beruf: „Es ist immer Bewegung drin und ich erfreue mich so sehr an antiken Dingen. Ich habe Spaß daran, Objekte, die defekt sind, wieder zu komplettieren“, sagt er.

Alte Grammophone gehören zum üblichen Sortiment

Alte Grammophone gehören zum üblichen Sortiment.

Quelle: dpa

Noch immer hat ihn der Ehrgeiz nicht verlassen, wie etwa bei seinem Excelsior-Phonograph aus dem Jahr 1910 – er sucht dafür einen Trichter, um die drei Walzen, die er dazu besitzt, abspielen zu können.

Auch privat lebt Klaus Quedenbaum mit Antiquitäten. Möbel aus dem Kaufhaus lehnt er ab. Bis auf eine Hälfte der Küche und das Sofa ist nichts neu bei ihm. Auf sein Biedermeier-Mobiliar aus Mahagoni und den Ofen aus dem Jahr 1850 mit integriertem Waffeleisen ist er besonders stolz.

Auch Zwiebelmuster-Geschirr findet sich neben dem Jugendstil-Küchenbuffet aus Kiefer: „Es ist ein schönes Wohnen, ohne das Gefühl von Wegwerfmentalität. Ich schätze die Gemütlichkeit und Behaglichkeit, die diese Möbel ausstrahlen.“

Manchmal kommt ein Bus mit Touristen

Das Antiquitätengeschäft von Angela Nordhorst liegt etwas zentraler als das von Klaus Quedenbaum am Gotthardtkirchplatz in Brandenburg an der Havel. Auch sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht und lebt privat mit antiken Jugendstil- und Art Deco-Objekten sowie aus der Barock- und Gründerzeit. Neue Sachen besitzt sie nicht.

Angela Nordhorst in ihrem Reich, dem Antiquitätengeschäft am Brandenburger Gotthardtkirchplatz

Angela Nordhorst in ihrem Reich, dem Antiquitätengeschäft am Brandenburger Gotthardtkirchplatz.

Quelle: Volkmar Maloszyk

Die 58-Jährige berichtet, dass es auch für sie als Unternehmerin schwer geworden ist. „Es werden immer weniger, die sich für echte Antiquitäten interessieren“, sagt sie. Die Nachfrage sei entschieden weniger geworden. Sie hat Glück, noch immer kommen jeden Tag Kunden zu ihr, darunter auch jüngere Leute, Stammkunden, Freunde und manchmal sogar ein ganzer Bus mit Touristen. Trotzdem mussten im Laufe der Jahre immer mehr Antiquitätenhändler in der Stadt dicht machen: „Nach der Wende gab es sechs Antiquitätenhändler in der Stadt, Klaus Quedenbaum und ich sind davon übrig geblieben. Die goldenen Jahre sind vorbei. Viele Leute kaufen einfach bei Ikea. Auch das Internet spielt mit hinein und dabei besonders Ebay.“

Neben antiken Dingen wie Bildern, Geschirr, Möbel und Emaille findet man in ihrem Geschäft auch allerlei Schmuck, Trödel und Kunst. Nur Antik sei einseitig, nur allein davon könne niemand mehr überleben, sagt sie. Inzwischen kauft sie auch Objekte aus den 1940er- und 1950er-Jahren hinzu. Wo genau sie ihre Gegenstände herbekommt, bleibe ein Geheimnis, sagt sie.

„Entweder man hat den Virus, oder nicht“

Ihr Wissen hat sich Angela Nordhorst über all die Jahre angeeignet, vor allem durch viele Kundengespräche. Die Arbeit an sich beschreibt sie als eine Art Virus: „Entweder man hat ihn, oder nicht“, sagt die Geschäftsinhaberin. „Entweder man liebt und pflegt alte Dinge, oder nicht. Ich habe den Drang in mir, immer wieder schöne alte Objekte aufzutreiben.“ Es sei aber auch harte Arbeit, man müsse Beziehungen pflegen, sehr fleißig sein und ein gewisses Fingerspitzengefühl für die Kundengespräche haben.

Im Laufe der Jahre hat sie viele Wohnungen mit Lampen und Schränken eingerichtet. „Jeder Verkauf ist einzigartig, so wie jedes Stück. Einige Kunden erinnern sich bei den Gesprächen an ihre Kindheit. Manchmal fühle ich mich bei mir im Laden wie auf einer Sozialstation“, erzählt sie. „Viele kommen immer wieder und schauen auch noch nach Jahrzehnten, wie es mir geht. Es ist bei mir auf jeden Fall mehr als nur Stöbern. Es sind Lebensgeschichten, die ich mitbekomme.“

Von Melanie Höhn

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