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Die letzten Pferde vom Pernitzer Hof

Auf dem Acker wird noch gearbeitet, Arbeitstiere werden dafür nicht mehr gebraucht Die letzten Pferde vom Pernitzer Hof

Drei Generationen leben auf dem Pernitzer Hof. Mit Kühen, Pferden, Ziegen, Traktoren und Mähdrescher. In zwölf Folgen begleitet die MAZ den Golzower Landwirtschaftsbetrieb von Familie Basigkow durch das Jahr 2013.

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Erwin Basigkow bei seinen Kaltblütern, die wegen ihrer Farbe auch Füchse genannt werden.

Quelle: Julian Stähle

Golzow. Die Schwalben sind fort. Der Viehhändler hat die Kälber von der Weide geholt. Die Sonnenblumen sind runter. Es ist Herbst geworden an der Plane. Das Vegetationsjahr neigt sich dem Ende entgegen. Dennoch kennt die Landwirtschaft im Oktober keine Ruhepause. Jungbauer Danny Basigkow arbeitet auf den abgeernteten Maisfeldern Gülle in den Boden ein. Danach wird der Winterweizen gedrillt. Nur die Kolbenhirse ist noch am Halm. Sie wird nach dem Dreschen auf dem Hof als Vogelfutter verkauft. Vater Erwin bereitet derweil die noch leeren Rinderställe mit Hochdruckreiniger und Kalkspritze auf die baldige Rückkehr der Mutterkuhherde vor. In der Küche kocht Ehefrau Christina nach einem alten Familienrezept hellgoldenes Apfelgelee aus Hasenköpfen. Und Jung-Bäuerin Birgit sorgt dafür, dass ihre Anglo Nubier Ziegen zum Bock nach Krahne kommen.

Nur weit draußen auf der Pferdekoppel geht es noch wie im Sommer zu. Unverändert schaut Erwin Basigkow morgens und abends nach seiner kleinen Herde. Hat der Weidezaun Strom? Während er frisches Brunnenwasser in die Tränke pumpt, zählt Basigkow die Tiere durch. Das sind fünf Rheinisch-Deutsche Kaltblüter und Schimmel Moritz, der mit stolzen 34 Jahren sein Gnadenbrot auf dem Hof bekommt. "Zum Schlachter geben? Kommt nicht in Frage. Moritz hat uns viele Jahre vor dem Kremser brav Dienst geleistet. Jetzt soll er es noch gut bei uns haben", sagt der Bauer.

In achter Generation

  • Der Pernitzer Hof wird von Familie Basigkow in achter Generation betrieben. Er ist der einzige private Landwirtschaftsbetrieb im Vollerwerb in Golzow. Seine Anfänge gehen bis in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück.
  • Das Rheinisch-Deutsche Kaltblut wird oft fälschlich als Rheinisch-Westfälisches Kaltblut bezeichnet. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Rasse an Bedeutung. Heute sind die Tiere nur noch vereinzelt in der Land- und Forstwirtschaft im Einsatz.
  • Aktuell: Der Gänseeinfall macht den gerade aufgegangenen Rapssaaten zu schaffen. Beim Fressen der ersten grünen Blätter rupfen die Vögel die jungen Pflanzen heraus. Bauer und Jäger Erwin Basigkow muss die Gänse mit Schüssen vergrämen. 
  • Bauernregel für Oktober: Wenn das Blatt am Baume bleibt, ist der Winter noch sehr weit.

"Ho, ho. Na kommt!", ruft er den Pferden zu. Die kennen die Stimme ihres Herrn. Mit geradezu majestätischer Gelassenheit setzen sich die Kaltblüter in Bewegung. Sie sind neugierig. Ihre blonden Mähnen fliegen im Wind. Erwin Basigkow streicht den muskulösen Tieren übers Fell. Er vergisst auch seinen Moritz nicht. Der betagte Schimmel wird etwas abgedrängt von den kräftigeren Artgenossen. "Pferdehaltung ist für uns ein Hobby", erklärt der Landwirt.

Für die Vorfahren ein undenkbarer Luxus. Als unermüdliche Zug- und Arbeitstiere gehörten Pferde früher zum wichtigsten Inventar eines Hofes. Davon zeugen alte Fotos aus Familienbesitz. Christina Basigkow zeigt auf ihren Großvater Fritz Schadebrodt, der sich stolz auf einem Zweispänner mit Getreidebinder ablichten ließ. An Zugmaschinen war vor dem Krieg auf dem Pernitzer Hof nicht zu denken.

Von seinem Vater lernte der eingeheiratete Erwin Basigkow noch das Pflügen mit dem Pferd. Das ist lange her. Bis vor ein paar Jahren hat Schimmel Moritz Spargelreihen gezogen und Kartoffeln angehäufelt. Doch auch diese Zeit in der Gemüseabteilung ist vorbei. Heute sind Geschirr und Einscharpflug höchstens gut als Museumsstücke für die Enkel, die Traktor fahren wollen.

Wie die Basigkows zu ihren Kaltblütern kamen, ist eine andere Geschichte. Rheinisch-Deutsches Kaltblut ist vom Aussterben bedroht und steht auf der Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutztierrassen in Deutschland. Mit den Stuten Rose und Ute wollte Erwin Basigkow vor einigen Jahren eine Kaltblutzucht aufbauen. Die Fohlen Cara, Caitano und Elisa kamen auf die Welt. Das genetische Potenzial der kräftigen, breit gebauten Pferde war hervorragend. Caitano holte sich sogar den Sieg beim Fohlenchampionat 2010. Doch was fehlt, ist ein Markt für die Tiere. "Für den Schlachter züchten, wollen wir nicht. Deshalb haben wir die Sache abgebrochen", berichtet Basigkow. So blieb es bis heute bei den fünf Kaltblütern, die immer noch zusammen sind.

Zu DDR-Zeiten waren die Basigkows mit fünf Stuten als erfolgreiche Haflinger-Züchter weit über Golzow hinaus bekannt. Fünf Fohlen wurden jedes Jahr geboren. An Nachfrage herrschte kein Mangel. Mit der Wende jedoch ging diese Einnahmequelle verloren. Dafür stieg Erwin Basigkow auf Kremser um, unterhielt zwei Kutschen und vier Pferde, von denen nur der Moritz übrig geblieben ist. Zwölf Jahre lang kutschierte er Gäste des Oberjünner "Heidekrugs" durch die Heide, bis sich das Geschäft nicht mehr lohnte.

Mit dem Hof-Einstieg von Sohn Danny nach seinem Agrar-Studium konzentrierte sich die Familie ausschließlich auf die Landwirtschaft. Dort werden Arbeitstiere längst nicht mehr gebraucht. Auch auf dem Acker ist Zeit Geld. Immer größere und effizientere Landmaschinen lösen sich ab. Wie es mit den letzten Pferden auf dem Pernitzer Hof weiter geht, hat der Familienrat noch nicht entschieden. Die Basigkows haben mit dem Thema keine Eile.

Wohl bis in den November hinein bleibt die Herde auf der Koppel. Wenn das Gras nur noch spärlich nachwächst wird mit Heu und Mohrrüben zugefüttert. Spätestens dann werden die Pferde unruhig. Sie spüren, dass es bald in den Stall geht. Führt sie Bauer Basigkow nach Hause, können die Golzower sicher sein, dass der Winter vor der Tür steht.

Von Frank Bürstenbinder

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