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Dieser Pfarrer will Hass auf Facebook stoppen

MAZ-Gespräch zu Internet-Kommentaren Dieser Pfarrer will Hass auf Facebook stoppen

Eine früherer Pfarrer aus Brandenburg an der Havel hat sich Großes vorgenommen. Er will den Hass auf Facebook stoppen. Er will es nicht länger hinnehmen, dass in dem sozialen Netzwerk der Holocaust verharmlost und die Opfer verhöhnt werden. In der MAZ sagt er, wie er das erreichen will und was ihn antreibt.

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Hans Stapperfenne

Quelle: Heiko Hesse

Brandenburg/H. Hans Stapperfenne (77) hat als junger Mann im Jahre 1970 eine Hilfsaktion mit jungen Leuten in der Gedenkstätte des KZ Auschwitz in Polen geleitet. Seitdem hat er eine Ahnung von dem Grauen, das sich dort bis zur Befreiung im Januar 1945 abgespielt hat. Als die MAZ vor wenigen Tagen über zynische Kommentare im Internet berichtete, in denen sich Menschen über den Massenmord lustig machen, war für Hans Stapperfenne das Maß voll.

MAZ: Welche Sorte von Kommentaren sind es, die Sie auf die Palme treiben?

Hans Stapperfenne: Im MAZ-Beitrag vom 26. Januar standen ein paar wirklich eindringliche Beispiele, die diesen Wahnsinn belegen. Da stuft ein Nutzer namens „Mengele“ die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen in Niedersachsen Celle als Hotel ein, lobt die Duschen, bemängelt aber die Seife und die merkwürdige Textur der Lampenschirme. Ich habe 1970 in Auschwitz den Raum gesehen, in dem die Lampenschirme aus Menschenhaut gelagert wurden. Solche Hasser genießen ihre Worte. Diese Sprüche und Bemerkungen sind so gezielt böse. Und dann versteckt sich einer noch hinter dem Namen Mengele, der ja wohl zu den schlimmsten Tätern dieses Massenmordes gehört.

Was wollen Sie nun konkret unternehmen?

Stapperfenne: Ich habe bereits begonnen, Menschen zu mobilisieren. Ziel ist es, gegen diese Kommentare vorzugehen, und zwar so, dass sie aus dem Internet verschwinden.

Wie soll das gehen?

Stapperfenne: Man muss die entsprechenden Einträge und Kommentare im Internet genau lokalisieren und prüfen, ob man dagegen juristisch vorgehen kann. Gibt es eine Chance, dem Einhalt zu gebieten, muss Anzeige erstattet werden.

Wer soll das leisten?

Stapperfenne: Deshalb suche ich jetzt Mitstreiter für einen Verein oder sogar eine Stiftung. Solche Suche macht man nicht nebenher. In dem MAZ-Artikel war sehr gut beschrieben, wie schwierig es schon für die Gedenkstätten ist, diese Flut einzudämmen.

Mitstreiter gesucht

Für seine Initiative sucht Hans Stapperfenne noch Mitstreiter und Sponsoren. „Wenn wir etwas bewegen wollen, brauchen wir auch Geld“, sagt er.

Gesucht werden Unterstützer, die das Internet sichten, nach Hass- und ähnlichen Kommentaren fahnden und diese lokalisieren, um die Verfasser anzeigen zu können.

Um solche Einträge juristisch sauber einordnen zu können, braucht die Initiative fachkundige Helfer.

Hans Stapperfenne ist erreichbar unter 0 33 81/79 44 55 und per E- Mail unter hans.sta@online.de

Wie kam es dazu, dass Sie vor 45 Jahren die Gedenkstätte Auschwitz besucht haben?

Stapperfenne: Ich war bei der Evangelischen Jugend Referent für internationale Begegnungen. In zwei Kleinbussen ging es 1970 mit 19- bis 24-Jährigen nach Polen. Wir halfen, die Gedenkstätte zu säubern und manches zu reparieren. Unter anderem hatten wir in dem Gang zu tun, der zwischen den Stacheldraht-Zäunen lag. An diesem Gang sind während des KZ-Betriebs Menschen umgebracht worden. Was ich dort gesehen habe, hat mich fast totgemacht. Von dort stammt das Stückchen Stacheldraht. Eigentlich sollte es in den Müll wandern. Das wollte ich nicht, habe es mitgenommen und zuhause daraus ein Kreuz geschaffen. Seither begleitet mich dieses Kreuz, das ich auch heute noch in manchen Gottesdiensten verwende.

Sie haben das Leiden der Menschen, die in Auschwitz sterben müssen, immer vor Augen.

Stapperfenne: Ja, das Kreuz ist immer da. Deswegen macht es mich so sprachlos, wenn ich Bemerkungen lesen muss wie diese. Da schreibt einer über die Hamburger KZ-Gedenkstätte Neuengamme, als wäre sie ein Hotel. Zitat: „Die Unterkunft war überbucht und sehr überfüllt, das Personal sehr aggressiv, es gab sonderbar gestreifte Schlafanzüge und meine Schuhe sind verschwunden.“ So etwas ist einfach nur furchtbar. Anfangs war ich auch wie gelähmt, außerstande, etwas zu tun.

Und dann?

Stapperfenne: Dann war mir ziemlich schnell klar: Ich musste handeln und zwar sofort. In meinem 77-jährigen Leben habe ich mit anderen schon einige Vereine ins Leben gerufen, von denen einige immer noch gut laufen. Warum also nicht auch hierzu.

Gab es schon Reaktionen auf Ihre Bemühungen?

Stapperfenne: Ich bekam viel Zuspruch. Ein Freund aus Brandenburg wartet nur darauf, dass die Gründungsversammlung einberufen wird. Der Brief, den ich kurz nach dem MAZ-Artikel geschrieben und an Freunde, Bekannte und Verwandte verschickt habe, zieht immer größere Kreise. Natürlich gibt es auch verzagte Stimmen, die fürchten, dass der Aufwand nicht lohnt.

In der Tat ist es nicht einfach, solchen Kommentatoren im Internet beizukommen. Zumal sie sich hinter Pseudonymen verstecken.

Stapperfenne: Die glauben offenbar alle, dass sie sicher sind und meinen deshalb, keine Furcht haben müssen. Dennoch darf man nichts unversucht lassen, solchen Zynikern das widerliche Handwerk zu legen. Über Monate stand im Internet diese widerwärtige Bemerkung über das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Zitat: „Man wird hier sogar kostenlos tätowiert.“ Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie die Opfer dieses Massenmordes verhöhnt werden.


Von Heiko Hesse

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