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Dorfbewohner erzählen Geschichten

Café der Erinnerung in Viesen Dorfbewohner erzählen Geschichten

Neben dem seit 2009 laufenden Theaterfrühling gibt es in Viesen nun auch ein Café der Erinnerung. Dazu lädt die Lehnschulzenhofbühne ausschließlich Bewohner des Ortes ein. Die Idee ist, dass die sie bei Kaffee und Kuchen und alten Fotos ungefiltert Geschichten über ihr Dorf und ihr Leben erzählen. Daraus soll ein literarisches Projekt entstehen.

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Besinnliches im Café der Erinnerung: Viesener lauschen den Erzählungen anderer aus dem Dorf.

Quelle: Foto: Volkmar Maloszyk

Viesen. „Theater ist das Erzählen von Geschichten“, sagt Vereinsvorsitzende Katja Lebelt. Neben dem seit 2009 erfolgreich laufenden Theaterfrühling lädt die Lehnschulzenhofbühne seit etwa einem Jahr zum Café der Erinnerung ein. Ausschließlich Viesener, auch Weggezogene. Inzwischen gab es das fünfte Treffen, zu dem 30 Leute in die Scheune kamen.

„Die Idee ist, dass die Viesener bei Kaffee, selbst gebackenem Kuchen und mitgebrachten alten Fotos ungefiltert Geschichten über ihr Dorf und ihr Leben in diesem Dorf erzählen“, sagt Katja Lebelt, die mit ihrem Mann seit 2006 auf dem gepachteten 300 Jahre alten Lehnschulzenhof lebt und Polopferde züchtet. „Es gibt alte Gebäude und Menschen zu diesen Gebäuden. Daraus ist der Gedanke entstanden, mit den Viesenern zu reden, damit Lebensgeschichten und Erfahrungen nicht verloren gehen“, erklärt Lebelt. Außer ihr begleiten Regisseur und Vereins-Vize Wolfram Scheller und Monika Radl aus Berlin das Café der Erinnerung. Die 39-jährige Autorin und Dramaturgin führt außerdem Einzelinterviews, um daraus ein literarisches Projekt zu entwickeln. Denkbar wären ein Film oder ein Buch.

Wieder mehr Kinder

„Manchmal wird ein- und dieselbe Überlieferung auch in zehn verschiedenen Varianten erzählt“, sagt Radl. Etwa die vom 1806 von napoleonischen Soldaten erschossenen Wirtshaussohn aus Viesen. Während früher, als es beispielsweise noch eine Schmiede, drei Stellmacher, zwei Gaststätten, Bäcker und Post gab, deutlich mehr Einwohner im Ort lebten, sind es heute etwa 180. Außer der Feuerwehr, gibt es den „Konsum“ von Hannelore Schramm, eine Kneipe, ein Kosmetikstübchen. Trotzdem lebt man gern dort und es werden wieder mehr Kinder.

„Es geht uns um keine Chronik, sondern um Lebensgeschichten“, sagt Radl. Zum Beispiel die des letzten Amtsmanns Friedrich. Oder die des vor einigen Jahren verstorben Kurt Alleinstein, der Leiter der Konsumgaststätte und Vollblutmusiker war, sogar eine von ihm dirigierte Blaskapelle gab es im Dorf. Die letzte Poststellenleiterin Erika Jänicke hat Monika Radl interviewt. Und ihren Mann Heinz (83), der Schmied gelernt hat, zu DDR-Zeiten Traktorenschlossermeister bei der LPG war und bis zur Umstellung auf elektrischen Betrieb die Viesener Kirchenglocke mit der Hand läutete.

Geschichte soll bewahrt werden

Uwe Friesecke war fünf Jahre, als seine Eltern 1953 mit der Fluchtwelle der Bauern den 1730 erbauten Lehnschulzenhof verließen und in den Westen gingen. Während der DDR waren Wohnungen, LPG- und Gemeindebüro auf dem Gelände untergebracht. In achter Generation ließ Friesecke, der heute in Wiesbaden lebt, nach der Wende den denkmalgeschützten Lehnschulzenhof mit Hilfe von Fördermittel sanieren. Das Café der Erinnerung hat er jetzt zum ersten Mal besucht. „Rein zufällig, denn ich wollte meinem Neffen und seiner Familie den Hof, das Dorf und die Herkunft seiner Vorfahren zeigen“, sagt der 67-Jährige. Die Idee, Geschichte auf diese Weise zusammenzutragen und für spätere Generationen zu bewahren, findet er toll.

Dieser Meinung ist auch Christa Görn, die von 1980 bis 1992 hauptamtliche Bürgermeisterin in Viesen war. Außerdem sei das vier-, fünfmal im Jahr stattfindende Café eine gute Gelegenheit sich zu treffen. Prominentester Gast war vor wenigen Tagen der viel beschäftigte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der im Rahmen seiner Wahlkreis-Sommertour direkt nach der Unterzeichnung des Atomabkommens mit dem Iran im 180-Seelen-Dorf berichtete. „Wenn ein Minister nach so einer großen Konferenz aus Wien ins kleine Viesen kommt, dann ist das schon was“, sagt Görn.

Von Claudia Nack

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