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Brandenburg/Havel Ein Flügel geht auf Reisen
Lokales Brandenburg/Havel Ein Flügel geht auf Reisen
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15:49 13.11.2015
Yosar Karacöl (l.) und Ringo Rosner haben es fast geschafft: Der Flügel rollt auf die Ladeklappe. Quelle: Volkmar Maloszyk
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Päwesin

Zwei Männer schuften für Johann Sebastian Bach. Ihr Auftrag: Ein Bösendorfer aus der gleichnamigen Wiener Klavierschmiede muss von Päwesin nach Klessen geschafft werden. Im Gartensaal des Schlosses spielt Pianist Frank Wasser am Sonnabend eines der bekanntesten Werke des Barock-Stars – „Das Wohltemperierte Klavier.“ Zwar besitzt das havelländische Herrenhaus mit einem Bechstein aus dem Jahr 1860 einen hauseigenen Konzertflügel, doch zieht Wasser für Bach und seine Sammlung von Präludien und Fugen lieber das eigene erst fünf Jahre alte Tasteninstrument vor.

Also machen sich Ringo Rosner und Yosar Karacöl von der Berliner Firma Piano-Express im Wohnzimmer des Künstlers breit. Die Männer legen Decken aus, schleppen Spanngurte und einen Transportschlitten heran. Fast ehrfürchtig geht Rosner einmal um den 90 000 Euro teuren Bösendorfer herum, um Vorschäden am Lack und im Holz auszumachen. Im Versicherungsfall würde es um viel Geld gehen. Die Schramme am Notenständer kennt der Künstler.

Der Flügel kommt für ein paar Tage fort: Letzte Absprache im Päwesiner Wohnzimmer von Familie Wasser. Quelle: Volkmar Maloszyk

Fast eine halbe Tonne müssen Rosner und Karacöl bewegen. „Die richtige Technik ist die halbe Miete. Aber ohne Muckis geht es auch nicht“, sind sich die Klavierträger einig. Für sie ist Wassers Bösendorfer ein Routinejob. Im sanierten Bauernhaus gibt es breite Türen zum Foyer. Und nur acht Stufen abwärts sind es bis zum Lkw. Spannend wird es für die Piano-Männer erst auf Wendeltreppen in Mietshäusern ab Stockwerk Vier. Dass der Bösendorfer sein Domizil verlässt, ist für den Geschäftsführer der Havelländischen Musikfestspiele keine Ausnahmesituation. Fehlt es am Auftrittsort an einem passendes Instrument, bringt sich Wasser seinen Flügel eben selbst mit. Sollte doch einmal auf Reisen eine für den Klang unbedeutende Gebrauchsspur zurückbleiben, behält der Pianist die Contenance: „Ein Klavier hat keine Kratzer, sondern Charakter.“

Eine letzte Lagebesprechung mit dem Besitzer, dann wird flott angepackt. Der glänzende Korpus verschwindet unter einer wattierten Schutzhaube, scherzhaft Pferdedecke genannt. Der erste Fuß wird abgeschraubt. Spanngurte fixieren den auf einer Seite angeschlagenen Transportschlitten. Außerdem verhindern sie, dass sich der Flügel öffnen kann. Dann kippen die Klavierträger den Bösendorfer vorsichtig auf die Seite mit dem Transportschlitten. Die letzten beiden Füße und die Pedalvorrichtung werden demontiert. Nun kommt der „Klaviermoppel“ ins Spiel. Ein vierrädriger Wagen, auf dem sich der Flügel in die Vertikale aufsetzen und bis vor die Haustür rollen lässt.

Mit vereinter Kraft wird der Bösendorfer auf den Transportwagen aufgesetzt. Quelle: Volkmar Maloszyk

Dann heißt es Muskeln und Schultergurte anspannen. Acht Stufen hinunter zum Gehweg muss der Bösendorfer ohne Hilfsmittel getragen werden. Das bedeutet für jeden Mann 200 Kilo Gewicht. „Eins, zwei drei!“ Sie schaffen es. Per Lift geht es in den Laderaum des Lasters, wo der Flügel sicher verstaut wird. In Klessen ist Wasser dabei, wie der Bösendorfer wieder zusammengebaut wird. Nach einer Stunde Ruhezeit macht sich Klavierstimmer Michael Röder an seine Arbeit. Die Saiten müssen dem neuen Raumklima angepasst werden. Das Instrument soll halten, was Bach verspricht – ein wohltemperiertes Klavier. Dann hat sich auch die Plackerei von Ringo Rosner und Yosar Karacöl gelohnt.

Von Frank Bürstenbinder

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